Mehr Tierwohl ist in der deutschen Landwirtschaft längst kein Nischenthema mehr. Handel, Politik und Verbraucher bekennen sich grundsätzlich zu höheren Haltungsstandards. Doch zwischen Anspruch und Realität klafft eine wachsende Lücke. Die Kündigung von Tierwohlverträgen durch Edeka Nordbayern-Sachsen-Thüringen und die Diskussion um den Ferkelfonds hat viele Landwirte verunsichert (siehe Kasten). Björn Fromm, Präsident Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels (BVLH), weist den Vorwurf, der Handel ziehe sich aus dem Tierwohl zurück, in einem Interview mit dem LP-Schwestermagazin Top Agrar zurück: „Wenn sich jemand verlässlich für Tierwohl und die deutsche Landwirtschaft einsetzt, dann ist das der deutsche Lebensmittelhandel.“
Auch der Geschäftsführer der Initiative Tierwohl (ITW), Robert Römer, sieht in dem Doppelinterview die Zusammenarbeit der Branche trotz kontroverser Diskussionen nicht gefährdet: „Die Beteiligten waren immer hart in der Sache, aber am Ende stand eine fair erarbeitete Lösung, die alle mittragen.“
Zwischen Anspruch und Einkauf
Bis 2030 sollen möglichst große Teile des Frischfleischangebots aus höheren Haltungsformen stammen. Ob der Handel dieses Ziel erreicht, hängt auch vom Einkaufsverhalten der Verbraucher ab. Thomas Vogler, Professor der Technischen Hochschule Ingolstadt, beschreibt im Gespräch mit der Lebensmittel Praxis den Widerspruch zwischen Umfragewerten und tatsächlichem Kaufverhalten: „Wenn es den Menschen wirtschaftlich schlechter geht, rücken Preis und Sicherheit in den Vordergrund.“
Auch Edeka-Kaufmann Jörg Wagner aus Coburg beobachtet im LP-Interview eine starke Preisorientierung. Produkte aus höheren Haltungsformen würden in seinem Markt vor allem an der Bedientheke gekauft, wo die Mitarbeiter die Unterschiede erklären könnten. Im Selbstbedienungsbereich dominierten dagegen weiterhin günstigere Produkte. Wagner hält die Entwicklung grundsätzlich für richtig, sieht beim Zeitplan jedoch noch offene Fragen: „Der Weg ist richtig, aber möglicherweise muss man noch einige Jahre dranhängen.“ Zugleich müsse hochwertiges Fleisch für eine größere Käuferschicht bezahlbar werden.
Für Landwirte bedeutet die Umstellung erhebliche Investitionen. Ställe werden für Jahrzehnte gebaut, Handelsprogramme können sich dagegen kurzfristig ändern. „Der Landwirt hat sein Geld nachher im Prinzip in Beton gegossen“, sagt Ralf Große-Scharmann, Landwirt aus Senden bei Coesfeld. Der Mehraufwand werde zwar bezahlt, „aber mehr auch nicht“. Hohe Baukosten, lange Genehmigungsverfahren und unsichere Förderbedingungen erschwerten die Planung zusätzlich. Auch die Nachfrage nach Fleisch aus höheren Haltungsformen sei derzeit schwer einzuschätzen.
Streit um den Ferkelfonds
Besonders umstritten ist das geplante Auslaufen des Ferkelfonds Ende 2026. Ab 2027 soll die Vergütung stärker über den Markt erfolgen. Für Fromm und Römer ist dieser Schritt seit Langem vereinbart. „Marktlösung heißt Marktlösung – schon von der Logik her kann es keinen fixen Preis geben“, sagt Fromm.
Landwirt Große-Scharmann sieht den Wechsel dagegen kritisch. Der Ferkelfonds habe klare Bedingungen und eine garantierte Vergütung geboten. „Diese Klarheit schwindet mit dem Marktmodell.“
Auch Carsten Kortum, Professor an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Heilbronn, befürchtet, dass die Verhandlungsmacht künftig noch stärker bei den großen Handelsunternehmen liegen könnte. „Wir haben ein Oligopol: Die Top Vier haben einen sehr hohen Anteil an der Nachfrage. Auf der anderen Seite stehen viele Bauern, die wirtschaftlich die Schwächeren sind.“
Mehr Transparenz ist nötig
Eine einheitliche Kennzeichnung könnte Verbrauchern helfen, Haltungsformen und Preise besser zu vergleichen. Kortum kritisiert: „Der Konsument sieht nicht: Von Haltungsform 2 auf 3 kostet das jetzt zehn Prozent mehr – und dafür bin ich bereit, diesen Preis zu zahlen.“
Auch Sarah Dhem, Geschäftsführerin Schulte Lastruper Wurstwaren, setzt auf Transparenz. Wenn die Haltungsform gut sichtbar auf jedem Produkt stehe, könnten Verbraucher bewusster entscheiden. Eine Kennzeichnung allein werde das Kaufverhalten jedoch nicht vollständig verändern. Dhem sieht in den gekündigten Verträgen keinen Nachweis für ein grundsätzliches Scheitern der Tierwohlstrategie. Einzelne Programme könnten ihrer Ansicht nach zu schnell ausgeweitet worden sein, ohne dass die Nachfrage entsprechend mitgewachsen sei. „Das Ziel ist klar, auch wenn der Weg ruckelt.“
Verantwortung für die Kette
Einigkeit besteht darin, dass die Verantwortung nicht allein bei den Landwirten liegen darf. „Alle gemeinsam“, antwortet Dhem auf die Frage, wer das wirtschaftliche Risiko tragen müsse. Auch der Handel müsse seinen Beitrag leisten. Restaurants, Kantinen und Großverbraucher sollten stärker einbezogen werden, fordert Fromm. Der Lebensmitteleinzelhandel allein könne die Finanzierung höherer Haltungsstandards nicht leisten. Sarah Dhem plädiert für langfristige Verträge und eine faire Verteilung der Risiken. Landwirtschaft, Schlachtunternehmen, Verarbeitung und Handel müssten gemeinsam durch schwierige Marktphasen gehen.
Edeka-Kauffrau Stefanie Brehm aus Berlin will ebenfalls am Tierwohl festhalten. Sie warnt jedoch vor wachsendem Preisdruck und fordert mehr Zusammenarbeit im Handel: „Im Bereich Tierwohl sollten wir weniger Wettbewerb zulassen.“ Nur gemeinsam könnten Handel, Erzeuger und Verbraucher höhere Standards dauerhaft sichern.
Auch Steffen Ueltzhöfer, Inhaber von Edeka Ueltzhöfer, setzt auf Regionalität und persönliche Beratung. Für ihn ist Tierwohl kein einzelnes Siegel, sondern ein Zusammenspiel aus Herkunft, Haltung und Vermarktung. Die Fleischtheke könne dabei ein Ort des Vertrauens sein. „Es ist anspruchsvoll, aber wir bleiben dran.“ Er ergänzt, Tierwohl sei keine Mode, sondern etwas, das „immer eine große Rolle spielen wird“.
Höhere Haltungsstandards bleiben das Ziel, doch ihre Umsetzung ist schwierig: Landwirte brauchen langfristige Verträge und faire Preise, der Handel muss seine Zusagen einhalten, und die Politik muss Stallumbauten unterstützen. Entscheidend ist auch, ob Verbraucher bereit sind, für mehr Tierwohl mehr zu bezahlen.
Die Kündigung der Verträge
Die Edeka Nordbayern-Sachsen-Thüringen hat die bestehenden Verträge mit Schweinehaltern für die Haltungsform 3 gekündigt. Als Grund nennt das Unternehmen die mangelnde Wirtschaftlichkeit des bisherigen Vollkostenmodells. Neue Vereinbarungen sollen bis Ende 2030 gelten. Sie sehen Marktpreise sowie einen zusätzlichen Tierwohlaufschlag vor.
Der Ferkelfonds
Der Ferkelfonds läuft Ende 2026 aus und bot den Landwirten bislang klare Bedingungen sowie eine garantierte Vergütung. Ab 2027 soll die Bezahlung stärker über ein marktbezogenes Modell erfolgen. Während der Handel darin eine notwendige Marktlösung sieht, befürchten viele Landwirte mehr Unsicherheit bei Preisen und Planung.