Regional-Star 2026 Regionale Stärke statt bürokratischer Hürden

Regionale Lebensmittel sind weit mehr als ein Trend: Beim Regional-Star 2026 forderten Politik, Handel und Landwirtschaft weniger Bürokratie, faire Marktbedingungen und mehr Vertrauen entlang der Wertschöpfungskette.

Mittwoch, 08. Juli 2026, 12:01 Uhr
Jens Hertling
Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer (CSU) nutzte seinen Auftritt beim Regional-Star 2026 für eine Warnung: „Versorgungssicherheit ist damals wie heute nicht selbstverständlich.“ Bildquelle: Santiago Engelhardt für Lebensmittel Praxis

Regionale Lebensmittel sollen die Versorgung sichern, Wertschöpfung in den Regionen halten und Betriebe widerstandsfähiger machen. Genau diese Botschaft stand beim Regional-Star 2026, veranstaltet von der Lebensmittel Praxis und der Grünen Woche, im Mittelpunkt. Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer (CSU) nutzte den Auftritt in Berlin, um die regionale Lebensmittelwirtschaft als strategischen Faktor zu verteidigen – und gleichzeitig weniger Bürokratie zu fordern.

„Versorgungssicherheit ist damals wie heute nicht selbstverständlich“, sagte Rainer. Regionale Produkte seien dafür ein wichtiger Baustein. Sie stünden für Frische, Transparenz und Verlässlichkeit, aber auch für wirtschaftliche Stabilität in unsicheren Zeiten. Wer die Versorgung im Land sichern wolle, müsse die Betriebe vor Ort stärken.

Der Minister stellte dabei nicht nur die Landwirtschaft selbst in den Mittelpunkt, sondern auch die Strukturen dahinter. Besonders wichtig sei die Gemeinschaftsverpflegung, sagte Rainer. Kitas, Schulen und Kantinen seien gewaltige Hebel, um regionale Lebensmittel im Alltag zu verankern. Dort könne Regionalität nicht nur beworben, sondern konkret gelebt werden. Gerade Projekte, die Erzeugung, Verarbeitung und Vermarktung in der Region zusammenbringen, zeigten, wie solche Modelle funktionieren können.

Mit scharfen Worten wandte sich Rainer gegen ausufernde Bürokratie. „Ich bin angetreten, um Probleme zu lösen, nicht um sie zu verwalten“, betonte er. Zu viele Regeln, Berichtspflichten und Kontrollen belasteten aus seiner Sicht vorwiegend kleine und mittlere Betriebe. Statt immer neuer Vorschriften brauche es einen verlässlichen Rahmen, der unternehmerisches Handeln erleichtere.

Auch die Krisenvorsorge spielte in seiner Rede eine zentrale Rolle. Die Erfahrungen aus der Corona-Zeit, dem Ahrtal und dem Berliner Stromausfall hätten gezeigt, wie verletzlich Versorgungssysteme sein können. „Wir brauchen Lebensmittelsicherheit“, sagte Rainer. Regionale Strukturen seien deshalb nicht nur ein wirtschaftliches, sondern auch ein sicherheitspolitisches Thema.

Handel setzt auf Vertrauen und Sichtbarkeit

Dass Regionalität nur dann erfolgreich sein kann, wenn sie im Markt verständlich vermittelt wird, betonte Philipp Hennerkes, Hauptgeschäftsführer, Bundesverbands des Deutschen Lebensmittelhandels (BVLH). Für den Handel sei Regionalität nicht nur ein Herkunftsmerkmal, sondern vor allem eine Vertrauensfrage.

„Regionalität ist im Kern eine Vertrauensfrage“, sagte Hennerkes. Dieses Vertrauen müsse sich auf alle Stufen der Wertschöpfungskette erstrecken – vom Landwirt über den Produzenten bis hin zum Handel. Gerade in einer Zeit zunehmender Krisen, globaler Unsicherheiten und komplexer Lieferketten wachse der Wunsch nach nachvollziehbaren Produkten und klarer Herkunft.

Der Handel könne dabei eine aktive Rolle spielen. Herkunftshinweise, Kennzeichnungen und Storytelling machten regionale Produkte sichtbarer, erklärte Hennerkes. Die entscheidende Frage laute: „Wo kommt es denn her?“ Wer wisse, wer hinter einem Produkt stehe, entwickle eher Vertrauen – und sei eher bereit, für nachvollziehbare Qualität auch mehr zu zahlen.

Gleichzeitig warnte Hennerkes davor, Regionalität mit Abschottung zu verwechseln. „Den Protektionismus, glaube ich, den sollten wir alle ablehnen“, sagte er. Regionalität müsse im offenen europäischen Markt gedacht werden. Ziel sei nicht Abgrenzung, sondern die Stärkung regionaler Strukturen, die Verbrauchern ebenso nutzten wie Landwirtschaft und Handel.

Am Ende gehe es auch um Resilienz, so Hennerkes. Regionale und nationale Versorgungsketten könnten dazu beitragen, Krisen besser zu bewältigen und die Versorgung sicherer zu machen. Der Lebensmittelhandel verstehe sich dabei als aktiver Mitgestalter — gemeinsam mit Landwirtschaft, Politik und Verbrauchern.

Bauernverband warnt vor ungleichen Machtverhältnissen

Deutlich kritischer fiel die Bilanz des Deutschen Bauernverbandes aus. Stefanie Sabet, Generalsekretärin des Bauernverbands machte in ihrer Rede klar, dass die Zusammenarbeit zwischen Landwirtschaft und Handel vor großen Herausforderungen steht. Zugleich hob sie die Bedeutung der regionalen Landwirtschaft für Versorgungssicherheit und Wertschöpfung hervor.

Die Landwirtschaft sei eine tragende Säule der Versorgung, sagte sie. Deutschland verfüge über starke landwirtschaftliche Betriebe, viel technisches Know-how und hohe Produktivität. „Die Basis für regionale Lebensmittel ist die regionale Landwirtschaft“, betonte sie. Gleichzeitig funktioniere die Versorgung nur im engen Zusammenspiel mit Handel und Industrie.

Besonders deutlich wurde sie bei den Marktverhältnissen. Zwischen den vielen landwirtschaftlichen Erzeugern und den stark konzentrierten Handelsstrukturen bestehe ein deutliches Ungleichgewicht. Die Folge seien schwierige Verhandlungspositionen, wachsender Preisdruck und eine immer ungleichere Verteilung von Risiken. „Wir brauchen eine Stärkung der Erzeugerseite“, sagte Sabet.

Auch auf die wirtschaftliche Realität in den Betrieben ging sie ein. Energie, Düngemittel, Futtermittel und Löhne verteuerten die Produktion, während die Erlöse der Landwirte nicht im gleichen Maß mitwüchsen. Zugleich nähmen Bürokratie und Dokumentationspflichten weiter zu. Das mache es für viele Betriebe schwer, wirtschaftlich zu arbeiten.

Trotz dieser Belastungen sieht der Verband aber auch Chancen. Die Nachfrage nach regionalen Produkten wachse, ebenso das Interesse der Verbraucher an nachvollziehbarer Herkunft. Das Herkunftskennzeichen Deutschland könne heimische Erzeugnisse sichtbarer machen. Auch die Direktvermarktung gewinne an Bedeutung.

Am Ende ihres Beitrags richtete die Generalsekretärin einen klaren Appell an Politik und Wirtschaft: Nur mit fairen Regeln, weniger Bürokratie, besser abgestimmten Standards und einer angemessenen Vergütung könne die regionale Landwirtschaft langfristig bestehen. „Ohne eine starke regionale Landwirtschaft gibt es wenig wirtschaftliche Perspektiven in diesem Land“, sagte sie.

Regionalität als Wirtschaftsmodell

Die darauf sich anschließende Podiumsrunde mit Philipp Hennerkes, Stefanie Sabet und Markus Höner, Sprecher für Landwirtschaft, Verbraucherschutz, Forsten und ländliche Räume, CDU-Fraktion NRW, machte deutlich: Regionalität ist längst kein Zusatzthema mehr, sondern ein wirtschaftliches und politisches Instrument. Für die einen steht sie für Vertrauen und Transparenz, für die anderen für faire Marktbedingungen, Planungssicherheit und regionale Wertschöpfung. Einig waren sich die Beteiligten vor allem darin, dass Regionalität nur dann funktioniert, wenn sie praktisch umsetzbar bleibt.

Philipp Hennerkes betonte, Regionalität müsse sich im Wettbewerb bewähren. Sie sei Überzeugung und Umsatzbringer zugleich. Entscheidend seien direkte Kooperationen zwischen Handel und Erzeugern, weil dadurch Vertrauen entstehe und Herkunft glaubwürdig vermittelt werden könne. Quoten lehnte er klar ab.

Stefanie Sabet stellte die Perspektive der Landwirtschaft in den Vordergrund. Regionalität funktioniere zwar in vielen Betrieben, sei aber im Alltag mit erheblichen Hürden verbunden. Vor allem Bürokratie, Arbeitsbelastung und Dokumentationspflichten erschwerten die direkte Vermarktung. Regionalität sei kein Selbstläufer, sondern brauche eine gute Verankerung in der Region und passende Rahmenbedingungen. Auch sie sprach sich gegen starre Quoten aus.

Markus Höner wiederum lenkte den Blick auf die Absatzseite. Regionalität müsse vom Markt her gedacht werden, sagte er. Als wichtige Hebel nannte er die Gemeinschaftsverpflegung, Großküchen und Kantinen. Zugleich hob er hervor, wie wichtig kleine regionale Verarbeitungs- und Schlachtstrukturen seien. Kühlhäuser, Genossenschaften und regionale Logistik könnten dazu beitragen, Wertschöpfung vor Ort zu sichern. Auch Höner stellte sich gegen Regionalquoten und setzte stattdessen auf Förderung, Kooperation und freiwillige Lösungen.

Vertrauen bleibt der Schlüssel

Am Ende der Diskussion blieb ein klares Bild: Regionalität ist kein Selbstzweck, sondern ein System aus Produktion, Verarbeitung, Handel und Kommunikation. Sie braucht wirtschaftliche Tragfähigkeit, politische Verlässlichkeit und das Vertrauen der Verbraucher.

Gerade dieses Vertrauen war der rote Faden des Tages. Es entsteht nicht durch Etiketten allein, sondern durch nachvollziehbare Herkunft, funktionierende Partnerschaften und Betriebe, die ihre Leistung auch wirtschaftlich darstellen können. Zugleich zeigte die Debatte, wie groß der Druck auf landwirtschaftliche Erzeuger bleibt – und wie stark der Ruf nach weniger Bürokratie geworden ist.

Der Regional-Star 2026 machte damit deutlich: Regionale Lebensmittel sollen nicht nur sympathisch wirken, sondern die Versorgung absichern, Krisen widerstandsfähiger machen und regionale Wirtschaftskreisläufe stärken. Ob das gelingt, hängt nach Ansicht der Teilnehmer vor allem davon ab, ob Politik, Handel und Landwirtschaft gemeinsam an praktikablen Lösungen arbeiten.

Anzeige

Girocard

Neu: girocard-Zahlung bald auch In-App

Der Handel profitiert von einem neuen digitalen Zahlungskanal für die beliebte Debitkarte – sicher und zu den gewohnt günstigen Konditionen.
Mehr erfahren

Neue Produkte

Weil Branchenbeste mehr erreichen!

Videos vom Supermarkt des Jahres 2026 - Nominierte und Gewinner

Regional-Star 2025 - Die Nominierten