Normalerweise könnte sich Jens Knauer angesichts der aktuellen Minijob-Debatte entspannt zurücklehnen: Der Edeka-Kaufmann beschäftigt in seinem E-Center „Roter Sand“ in Bremerhaven nur noch fünf Minijobber. Im Gespräch mit der Lebensmittel Praxis ist dem Kaufmann der Groll über das drohende Minijob-Aus jedoch trotzdem anzumerken. Er sieht das „sehr kritisch“ und begründet das unter anderem so: „Ich befürchte eine Zunahme von nichtregulärer Arbeit, der sogenannten Schwarzarbeit, die den Sozialkassen dann zusätzliches Geld entzieht.“
Außerdem werde für viele, in erster Linie jüngere Menschen die Gelegenheit zu „wertvollen Einblicken in das Berufsleben“ im Handel eingeschränkt. Vor allem aber, so Knauer, seien viele Menschen auf den Hinzuverdienst über einen Minijob angewiesen und hätten bald womöglich keine Chance mehr, ihr Haushaltseinkommen „legal und ohne kräftigen Abschlag“ zu verbessern. Jens Knauer bringt die Hauptargumente gegen ein Ende der Minijobs im Lebensmitteleinzelhandel auf den Punkt. Was dort droht, würde einiges in der Branche über den Haufen werfen.
Statt bis zu 603 nur noch 475 Euro
Laut Zahlen aus dem jüngsten Quartalsbericht der Minijob-Zentrale arbeiteten im März knapp eine Million der 6,8 Millionen Minijobber im Handel. Das ist innerhalb der gewerblichen Wirtschaft die größte Gruppe, gefolgt vom Gastgewerbe mit rund 873.000 Minijobbern. Sie verdienen bis zu 603 Euro monatlich steuer- und sozialversicherungsfrei. Minijobber können freiwillig in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen, die sogenannte Opt-out-Möglichkeit. Doch 80 Prozent verzichten darauf. Auf den Minijob zahlen gewerbliche Arbeitgeber bisher pauschale Sozialabgaben und Steuern in Höhe von um die 31 Prozent.
Die vom Bund eingesetzte Alterssicherungskommission empfiehlt ein Ende der Opt-out-Regelung. Außerdem will sie den steuer- und sozialversicherungsrechtlichen Sonderstatus von Minijobs abschaffen lassen. Ausnahmen sollen für Schüler gelten. Von den heute bis zu 603 Euro netto wären nach Abzug der regulären Arbeitnehmer-Sozialbeiträge höchstens noch 475 Euro übrig. Die Kommission gab „nur“ Empfehlungen ab. Allerdings kündigte Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) an, diese vollständig umzusetzen. Bundesarbeitsministerin und SPD-Bundeschefin Bärbel Bas sprach von einem „Gesamtkunstwerk“.
Belastung für Stammbelegschaft
Ein Rewe-Kaufmann aus Trier (Name ist der Redaktion bekannt) findet dieses Kunstwerk in Teilen hässlich. Ohne Minijobber rechnet er mit Engpässen in Spitzenzeiten: „Die Warteschlangen würden länger und die Regalpflege schlechter.“ Sollten Aushilfen wegfallen, müssten Voll- und Teilzeitkräfte mehr arbeiten – „gar nicht gut für Motivation und Krankenstand in der Stammbelegschaft“. Insbesondere kleinere Händler wären weniger wettbewerbsfähig. Viele Minijobber könnten und wollten gar nicht anders arbeiten, fügt er hinzu.
Wie sein Kollege Knauer aus dem fernen Bremerhaven hofft der Rewe-Mann aus Trier darauf, dass es „am Ende doch nicht so schlimm kommt“ und ein Kompromiss gefunden wird. Schließlich sei dauerhafte Geschlossenheit kein Markenzeichen dieser Bundesregierung.
Rentenkommission irrt sich
Die Meinung von LP-Redakteur Thomas Klaus
Das Ende der Minijobs in ihrer jetzigen Form ist wahrscheinlich geworden. Für die Spitzen der Bundesregierung sind die entsprechenden Empfehlungen der Rentenkommission fast schon Gesetz. Die Kommission lässt sich von der Annahme leiten, dass dann aus vielen Minijobs sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse werden könnten. Das ist ein großer Irrtum. Viele Mütter zum Beispiel wollen und können nicht in Vollzeit arbeiten, Rentner und Studenten oft ebenso wenig. Der Handel und der Lebensmitteleinzelhandel wären die größten Leidtragenden. Und das in einer Zeit, in der sie dringend Entlastungen benötigen und keine zusätzlichen Erschwernisse für ihren Betriebsalltag.