Wer wissen will, was Transformation im Lebensmitteleinzelhandel kostet, muss nach Rottendorf schauen. Mehr als 16 Millionen Euro an temporären Zusatzaufwänden drückten der Edeka Nordbayern-Sachsen-Thüringen (NST) im Geschäftsjahr 2025 auf das Ergebnis – Hochlaufkosten der beiden größten Einzelprojekte der Unternehmensgeschichte, des Logistikzentrums „Marktredwitz 2.0“ und der Frische-Manufaktur im oberfränkischen Hirschaid. Vier Altstandorte wurden im Gegenzug geschlossen. Dass der Konzern das geplante EBT von rund 85 Millionen Euro dennoch erreichte, wertet die Führung als Beleg für die Belastbarkeit des Geschäftsmodells. „Das Jahr 2025 war ein anstrengendes, aber wichtiges Transformationsjahr zum Ende unserer Großinvestitionsphase. Es legte die Basis für die Weiterführung unseres Wachstumskurses“, bilanziert Vorstandssprecher Sebastian Kohrmann auf der Generalversammlung.
Die Zahlen stützen diese Lesart. Der Einzelhandels-Verbundumsatz stieg 2025 um 2,4 Prozent auf 5,52 Milliarden Euro – in einem Konsumumfeld, das Kohrmann im Gespräch mit der Lebensmittel Praxis unumwunden als krisenhaft beschreibt. Operativer Cash-Flow (plus 12 Prozent auf 149 Millionen Euro) und das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda; plus 4 Prozent auf 184 Millionen Euro) erreichten nach seinen Aussagen historische Höchstwerte. Diese Innenfinanzierungskraft soll nun die Verbindlichkeiten aus der seit 2021 laufenden, insgesamt 1,4 Milliarden Euro schweren Investitionsphase zügig tilgen – und die weitere Expansion finanzieren. Schon 2025 wuchs die Verkaufsfläche um 2,1 Prozent. Für den Ausblick wird Kohrmann konkret: „Wir freuen uns beispielsweise bis Ende 2027 auf mehr als 110 neue Märkte, einen Anstieg des Einzelhandelsumsatzes auf 6 Milliarden Euro, ein deutlich zweistelliges Umsatzwachstum in der Edeka-Frische-Manufaktur und knapp 30 Prozent mehr Auszubildende.“
Die Logik hinter der Kraftanstrengung: Ohne neue Läger, automatisierte Prozesse und eigene Frischeproduktion wäre weiteres Wachstum auf alternder Infrastruktur riskant geworden. Erst die neue Leistungsfähigkeit macht zusätzliche Märkte wirtschaftlich tragfähig – und damit auch die Expansion, die in nächster Zeit ansteht.
Rendite statt Rhetorik
Bemerkenswert ist, dass die Offensive bereits dort ankommt, wo sie im genossenschaftlichen System ankommen muss: bei den Kaufleuten. Deren Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) stieg im Jahr 2025 um 14 Prozent – ein Wert, der intern als Beleg dafür gilt, dass sich die teure Neuaufstellung von Logistik und Produktion in der Fläche auszahlt. Im ersten Halbjahr 2026 wuchs der Einzelhandelsumsatz absolut um rund 3 Prozent, die Absätze legten um 2,6 Prozent zu. Die Frische-Manufaktur, schon 2025 mit plus 4,6 Prozent das wachstumsstärkste Geschäftsfeld, steigerte ihre Erlöse um rund 9 Prozent. Selbstzufriedenheit jedoch klingt anders: „Das krisengeprägte Einkaufsverhalten mit seinen deflationären Tendenzen bringt uns Vollsortimentern deutlichen Gegenwind. Wir bleiben trotzdem hungrig. Wir arbeiten hart daran, den Absatz, Umsatz, Rohgewinn und damit auch die Rendite im Einzelhandel zu steigern“, gibt sich Kohrmann (Foto) kämpferisch.

Auch die kleinste der Zukunftsinvestitionen trägt Früchte: Die Zahl der Auszubildenden stieg 2025 um 27 Prozent, bei den Bedientheken-Azubis sogar um 66 Prozent – sie werden im neuen Food-Academy-Campus in Hirschaid geschult. „Die Bedientheken sind und bleiben ein wesentlicher Differenzierungsfaktor von Edeka. Insofern freue ich mich, dass unsere neue Frische-Manufaktur und die Food Academy dazu beitragen, die Bedientheken für die Zukunft zu erhalten“, so Kohrmann. Im dritten Quartal 2026 soll der Hochlauf in Marktredwitz vollständig abgeschlossen sein; ein neues Mehrweg-Getränkelogistikzentrum der Deutschen Getränkelogistik im sächsischen Berbersdorf rundet die Neuaufstellung bis Ende 2027 ab.
Tegut – eine Chance on top
Für die kommenden zwei Jahre rechnet Edeka NST mit mehr als 110 neuen oder neu belieferten Märkten – klassische Expansion plus die Integration von Konsum Dresden 2026 und Konsum Leipzig 2027. Die geplante Übernahme von Tegut-Märkten aus der Zerschlagung der Migros-Tochter ist darin noch gar nicht enthalten. „Wir eröffnen sowieso 110 neue Märkte bis Ende 2027 und Tegut wäre eine Chance on top“, ordnet Kohrmann im Gespräch ein. Er dämpft die Erwartungen bewusst, auch weil die Transaktion unter Kartellamtsvorbehalt steht: Für seine Region gehe es voraussichtlich um eine niedrige zweistellige Zahl an neuen Standorten. Diesen sollen selbstständige Kaufleute gegeben werden – eigentlich die klassische Edeka-Antwort, wenn es um den Ausbau des Vollsortiment-Netzes geht.
Zugleich markiert die mögliche Übernahme von Tegut-Standorten das absehbare Ende der anorganischen Wachstumsphase: Nach Konsum Dresden, Konsum Leipzig und Tegut bleiben im Absatzgebiet kaum noch integrierbare Anbieter. Ob die Rechnung aufgeht, entscheidet sich letztlich am Regal. Die Zwischenbilanz dieses Zukunftskurses spricht allerdings für Rottendorf. Zudem wurden in Leipzig die Aufsichtsräte Christos Didis, Ronny Kadelke und Frank Ziegler einstimmig wiedergewählt.