Hamburg-Nienstedten, Dienstagabend im März. Die Elbe liegt keine zehn Fußminuten entfernt, der wohlhabende Stadtteil hat seinen Feierabend längst eingeläutet. Im kleinen Edeka-Markt hat der selbstständige Händler Christian Jurgeleit Feierabend gemacht. An der Self-Checkout-Kasse piept der Scanner. Ein Sicherheitsmann hält dezent Stellung – seine eigentliche Aufgabe ist weniger Kontrolle als Orientierungshilfe. „Es ist ein Projekt. Eigentlich ist es ein reiner Lerneffekt, den wir jetzt durchlaufen müssen“, sagt der 39-jährige Kaufmann. Hybridmodus nennt er es. Und dieser Hybridmodus könnte weiterhin die nüchternste Antwort sein, die der deutsche Lebensmitteleinzelhandel derzeit auf eine große technologische Frage geben kann. Diese Frage heißt: Wie geht es weiter mit Grab & Go?
Zehn Jahre nachdem Amazon in Seattle seinen ersten kassenlosen Store öffnete, ist aus dem einstigen Buzzword ein Prüfstein geworden – für Technologiegläubigkeit, betriebswirtschaftliche Vernunft und die Dauerfrage, was der Handel mit seiner eigenen Zukunft anfangen will. Die Debatte wirkt inzwischen fast emotional. Auf der einen Seite die Enthusiasten, die in Grab & Go die unvermeidliche Handelszukunft sehen. Auf der anderen die Abschreiber, die Amazons Rückzug aus britischen Fresh-Märkten und 16 amerikanischen Standorten als Beweis nehmen, dass die Technologie gescheitert sei. Hochschullehrer Stephan Rüschen beobachtet den Markt aufmerksam, sein gerade erschienenes Whitepaper trägt den Titel „Totgesagte leben länger“ – und meint das ernst.
Weltweit: mehr als ein Restposten
Rüschens Studie kartiert 389 Grab-&-Go-Stores weltweit, deren Adressen sind verifizierbar. Hinzu kommen nach Angaben des chinesischen Anbieters Cloudpick über 1.000 weitere Standorte in Asien. Die meisten verifizierten Stores finden sich in Nordamerika (229), gefolgt von Europa (150). Von einem gescheiterten Konzept kann laut Rüschen keine Rede sein. Der eigentliche Use Case sei allerdings ein anderer als viele erhofft hatten: nicht der großflächige Vollsortimenter, sondern der kompakte Convenience-Store in frequenzstarken Lagen – etwa Bahnhöfe oder Campusgelände. Dort funktioniere die Technologie, dort stimme der ökonomische Rahmen ansatzweise.
In Deutschland sind 25 Testmärkte aktiv. Rewe betreibt unter dem Label Rewe Pick & Go mehrere Pilotmärkte in denen die Trigo-Technologie als alternative Check-out-Methode neben der regulären Kasse läuft: Kunden prüfen ihren Einkauf auf einem Terminal, korrigieren bei Bedarf und bezahlen bargeldlos – ohne klassischen Scan-Vorgang. Netto nutzt dieselbe Trigo-Plattform für einen anderen, möglicherweise noch relevanteren Anwendungsfall: Diebstahlprävention. Kameras erkennen, wenn Produkte entnommen, aber an der Kasse nicht gescannt werden – ein Problem, das im deutschen Lebensmittelhandel mit wachsender Dringlichkeit diskutiert wird. Grab-&-Go-Technik diffundiert damit bereits in den normalen Marktbetrieb, auch ohne dass die Kasse verschwindet.
25 Tests – und danach?
Rüschen formuliert es ohne Beschönigung: In Deutschland gebe es 25 Testmärkte. Mehr Tests brauche niemand. Deutschland ist damit Weltmeister im Pilotieren. Rewe Pick & Go hat laut Whitepaper gezeigt, dass die Technologie auch in größeren Märkten funktioniert – sechs Supermärkte, teils mit einer Fläche über 1.000 Quadratmeter, haben den Praxisbeweis erbracht. Netto belegt, dass Grab-&-Go-Kameras weit über das kassenlose Bezahlen hinaus Nutzen stiften können: Trigos Lösung erkennt beim Discounter, wenn eine Whiskyflasche zwar dem Regal entnommen, an der Kasse aber nicht registriert wurde – ein Einsatzfall, der bei steigenden Schwundquoten an strategischer Relevanz gewinnt.
Es fehlt der Sprung in die Breite. Das Skalierungsproblem ist für Rüschen das zentrale Hindernis: Der Aufwand, jeden Artikel ins System einzupflegen, sei für einen einzelnen Store hoch – bei 100 Stores werde er jedoch zum verteilbaren Fixkostenblock. Ohne Roll-out bleibt der Aufwand dauerhaft teuer. Erst die Kette macht das Modell wirtschaftlich. Die ungeklärte Sonntagsöffnung im Bundesgebiet verschärft die Lage. Gerade der unbemannte Convenience-Store entfaltet seinen wirtschaftlichen Charme an Randzeiten und am Sonntag. Wenn der rechtliche Rahmen aber unscharf bleibt, zieht kein Unternehmer Kapital in ein Konzept, das an der nächsten juristischen Auslegung zerschellen könnte. Nicht die Technik verhindert das Wachstum, sondern der institutionelle Rahmen, heißt es im Markt.
Ist Grab & Go nach den Amazon-Rückzügen gescheitert?
Nein, das war mir zu einfach. Weltweit sehen wir Hunderte Stores. Grab & Go ist nicht tot, sondern raus aus dem Hype und mitten in der Bewährungsprobe.
Was bremst das Modell in Deutschland?
Nicht die Technik, sondern die Skalierung. Wir haben genug Tests, aber kaum Rollouts. Dazu kommen hohe Installationskosten, unklare Sonntagsöffnung und die Frage, ob sich das wirtschaftlich wirklich rechnet.
Wo liegt trotzdem die Chance?
Eher im kleinen Convenience-Store als im großen Supermarkt. Innenstädte, Bahnhöfe oder Studentenwohnheime sind plausible Use Cases. Wenn Rechtssicherheit kommt, kann es schnell gehen. Dort zeigt sich, ob aus Tests endlich ein belastbares Geschäftsmodell wird – auch hierzulande.
Technik mit Bodenhaftung
Thomas Gutberlet, seit Januar COO von Tante Enso, sieht die Lage nüchtern. Das genossenschaftlich organisierte Format mit Kleinflächen im ländlichen Raum ist kein klassischer Grab-&-Go-Betreiber – und will es nach eigenem Bekunden auch nicht sein. „Tante Enso bleibt auch in der Zukunft ein Format, das die möglichen Vorteile der Automatisierung nutzt, aber mit wenigstens einem Bein auf dem Boden der rentablen Umsetzung stehen bleibt“, sagt Gutberlet. Der Maßstab sei nicht technische Faszination, sondern wirtschaftlich tragfähige Nahversorgung. Das hybride Modell – Zutrittskontrolle plus Self-Check-out – sei derzeit die robuste Antwort auf Nahversorgungslücken im ländlichen Raum. Gutberlet lässt keinen Zweifel: „Grab & Go wäre noch einfacher – aber in der Betreibung noch immer sehr viel aufwendiger, unflexibel und für den Kunden weniger berechenbar.“
Gutberlet grenzt sich dabei nicht pauschal ab, sondern mit einem konkreten Sortimentsargument. Die genossenschaftliche DNA von Tante Enso schlage sich unmittelbar im Angebot nieder. Die Teilhabenden prägen das Sortiment stark und lokal. „Wir haben Brötchen von über 80 Bäckern“, sagt der ehemalige Tegut-Geschäftsführer. Diese lokale Individualität und das hochstandardisierte Systemdenken der Grab-&-Go-Technik verhielten sich strukturell gegenläufig: je heterogener das Sortiment, desto schwieriger die technische Erfassung. Hinzu kommt die Investitionsfrage – wer Kunden gute Preise bieten wolle, müsse auf die Bezahlbarkeit der Technik achten.
Christian Jurgeleit ließ seinen Markt im Oktober 2025 kernsanieren. Heute sind 200 Qua-dratmeter mit moderner Kameratechnik, KI-gestützter Infrastruktur und einem voll automatisierten Gebäudemanagementsystem ausgestattet. Technologiepartner ist Anystore. Das Unternehmen verantwortete die komplette Integration: Self-Check-out-Systeme, Zutrittskontrolle, Steuerung von Beleuchtung und Audio, Hausautomation per IoT (Internet of Things) – und eine KI-gestützte Altersverifikation, die am Eingang wie an der Kasse rechtssicher, revisionsfähig und ohne zusätzlichen Personalaufwand greift. Das Sortiment ist trotz der kleinen Fläche breit – Jurgeleit ist stolz darauf, dass er faktisch keinen Artikel auf „zweier Face“ hat: alles einmal, nichts doppelt. Die Kunst liege im Nachfüllen. Jurgeleit setzt auf das standardisierte Edeka-Vollsortiment zu regulären Preisen – das erlaubte die reibungslosere technische Integration.
Seinen Stadtteil beschreibt Jurgeleit als „Dorf in der Großstadt“. Stammkunden kommen zu Fuß, mehrmals täglich, wollen auch noch ein bisschen plaudern. Nienstedten gehört zu den einkommensstärksten Stadtteilen Hamburgs. Seine Erkenntnis nach vier Monaten: Schwierigkeiten mit der neuen Technik gebe es kaum. Kunden kämen am nächsten Tag zurück und meldeten sich, wenn sie versehentlich einen Artikel nicht gescannt hätten. „Je höher der Anteil an Stammkunden, desto eher lohnt sich das“, bilanziert Jurgeleit. Sonntags öffnen würde der Kaufmann gern – Hamburg lässt es nicht zu. Bis dahin verlängert er den Hybridmodus probeweise: werktags bis 21 Uhr, samstags nach 13 Uhr, im Sommer voraussichtlich bis 22 Uhr.
Woran Grab & Go noch scheitert
Die Vorteile des Konzepts sind augenscheinlich: längere Öffnungszeiten ohne Vollzeitpersonal, geringere Personalkosten in Randzonen, Diebstahlprävention, operative Transparenz durch Heatmaps und Out-of-Stock-Erkennung. Der große Nachteil: Installationskosten für einen kleinen Store von rund 100.000 Euro. Für einen 1.000-Quadratmeter-Markt: eher 2 Millionen. Dieser Aufwand amortisiert sich erst bei echter Skalierung.
In der wirtschaftswissenschaftlichen Gartner-Hype-Cycle-Logik befindet sich Grab & Go laut Rüschen im Tal der Enttäuschungen – der Vorstufe zum Pfad der Erleuchtung. Handelsexperte Kai Hudetz vom IFH Köln bringt es im DHBW-Whitepaper auf den Punkt: „Bei keiner wahren Innovation fehlt die Phase der Verhöhnung.“ Deutschland staunt Grab & Go gern an. Ausrollen will es dann wieder keiner. Dass ausgerechnet ein 200-Quadratmeter-Edeka in Nienstedten, genossenschaftliche Dorfläden und die nüchterne Bestandsaufnahme eines Hochschullehrers derzeit die überzeugendsten Antworten liefern, sollte den deutschen Handel nachdenklich stimmen.
