Einer der ersten Frühlingstage in Bergisch Gladbach, nicht weit entfernt von Köln. Ambroise Forssman-Trevedy versprüht gute Laune. Er begrüßt seinen Blumenlieferanten, der viermal pro Woche frische Ware aus den Niederlanden liefert, scherzt mit Kunden, ordnet mit schnellen Griffen die Präsentation in der Convenience-Stolpertruhe. Die Arbeit im eigenen Geschäft macht ihm offensichtlich Spaß. Seit er den Standort vor neun Monaten übernommen hat, war der gebürtige Franzose sechsmal pro Woche auf der Fläche zu finden, berichtet er.
Wie war es für ihn, den Vorstandssessel mit der praktischen Arbeit zu tauschen? Grundsätzlich positiv, erwidert der „Jung-Unternehmer“. Allerdings musste er zwei Dinge schmerzlich lernen, obwohl er die Fakten aus der Statistik vorher schon kannte: „Der Krankenstand ist aktuell schwierig“, äußert er. Am Morgen haben sich acht Mitarbeiter krank gemeldet, ein Viertel der Belegschaft in einer Schicht. Diese Woche ist besonders krass, schließlich leidet ganz Bergisch Gladbach unter einer Grippewelle. Bestürzt ist Forssman-Trevedy außerdem über die Diebstahlquote. Und „wie selbstverständlich es manche Diebe finden, dass sie klauen“.
Gegen die Diebstahl-Problematik ist der Kaufmann bereits erfolgreich vorgegangen, er hat unzählige Videokameras installieren lassen und alle blinden Flecke im Markt beseitigt. Über den neu installierten Self-Scanning-Kassen hängen jetzt große Bildschirme, die Transparenz im Bezahlvorgang schaffen. Zusätzlich ist viermal pro Woche ein Detektiv im Markt präsent. „Das spricht sich unter den Dieben rum und sorgt spürbar für mehr Ruhe und Ordnung.“ Gegen den Krankenstand nach Karneval und überhaupt in der Erkältungszeit ist fürs Erste kein Kraut gewachsen.
Jeder Mitarbeiter ist wichtig
Doch Forssman-Trevedy weiß, dass er die Qualität des Marktes nur steigern kann, wenn er in die Mitarbeiter investiert. Er hat nicht nur zusätzliches Personal gesucht und angestellt, sondern nimmt sich auch viel Zeit für die Führungsarbeit. Er spricht mit jedem seiner Angestellten und hat auf verschiedenen Ebenen wöchentliche Treffen für den Austausch und Feedbackgespräche eingeführt. „Gute Führung kostet Zeit“, so sein Credo.
Zuversicht und Freude zieht der Kaufmann aus dem Unternehmertum, das er jetzt ausleben kann. Nicht zu vergessen das Plus an Lebensqualität, das er persönlich gewonnen hat: Er verbringt viel mehr Zeit als früher mit seiner Familie, die in Bergisch Gladbach lebt, kann sogar mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren.
In kleinen Schritten verändert er im Markt Sortimente und Anordnung, wie man am Beispiel der Obst- und Gemüse-Abteilung sieht. Er hat die Herstellung von Salaten und Gemüse in der Schnippelküche eingestellt („nicht rentabel“) und legt stattdessen qualitativ hochwertige, ultrafrische Produkte von externen Lieferanten in die Kühltruhe. Regionale Anbieter stehen – wie auch bei anderen Rewe-Märkten – im Blickpunkt, daneben aber auch außergewöhnliche Produkte: Gerade testet er eine Ingwerpresse für 30 Euro pro Stück, selbstredend steht sie bei den aromatischen Knollen. Die hohe Kaufkraft am Ort hilft, vier Kartons der Pressen haben schon ihren Weg über die Ladenkassen zum Konsumenten gemacht.
Der Inhaber setzt auf das Besondere, will in jeder Warengruppe und jedem Regal Überraschungen bieten. Damit bietet er seinem stärksten Mitbewerber, Edeka Breidohr, Paroli. „Beste Qualität zum besten Preis“, kündigt er seine Strategie an. Manche Warengruppen sind seit der Übernahme enorm gewachsen, etwa Tee. Forssman-Trevedy hat mehrere Anbieter eingelistet, wie Twinings oder Yogitea. Das Gewürzregal ist neben die Fleischbedientheke gerückt und nun doppelt so groß wie zuvor, durch Marken wie Ankerkraut oder Just spices.
Sortimentsstruktur verändert
Neu gestaltet hat der Betreiber die Weinabteilung, dort sieht man sein Faible für französische Produkte. Wobei er noch weiter geht: In einem Regal stehen ausschließlich seine persönlichen Lieblingsprodukte, angefangen vom Aperitif Chartreuse über südafrikanischen Wein von Ernie Els bis zu seinem favorisierten Champagner Ruinart. Forssman-Trevedy hat das Preisniveau bei den Weinen deutlich angehoben. Bei seiner Vorgängerin lag der Durchschnittspreis bei nur 5 Euro, dann war es schwierig, überhaupt eine Flasche für 10 Euro zu verkaufen. Jetzt finden die guten Tropfen für 10, 15 Euro und mehr ohne Probleme den Weg zum Kunden. Den Grundstein fürs Weinsortiment bezieht er über die Rewe-Großhandlung und den Kölner Weinkeller, zudem investiert der Kaufmann viel Zeit, um Direktlieferanten an Bord zu bringen. Hier zahlen sich seine Erfahrungen und guten Kontakte aus der Wasgau-Zeit aus.
Rewe Forssman-Trevedy, Odenthaler Str. 196, 51467 Bergisch Gladbach
| Übernahme | 1.7.2025 |
| Verkaufsfläche | 2.240 qm |
| Artikel | 26.000 |
| Untermieter | 1 |
| Mitarbeiter (Köpfe) | 75 |
| Öffnungszeiten Mo.- Sa. | 7 bis 22 Uhr |
| Parkplätze | 99 |
| Kassen | 7 plus 4 SCO |
| Kaufkraft Ort | 114* |
| Umsatzziel | 19,5 Mio. Euro/Jahr |
| Durchschnittsbon | 28 Euro |
| Abholservice | 75 Abholungen/Woche |
*Kaufkraftindex 100 entspricht dem Durchschnitt aller deutschen Städte. Der Index gibt an, wie hoch die finanziellen Mittel der Bevölkerung sind, um Güter und Dienstleistungen zu erwerben.
Quelle: MB-Research
Abholstation im Untergeschoss
Die Verkaufsfläche liegt auf zwei Stockwerken. Im Untergeschoss, das über eine Treppe und einen Aufzug erreichbar ist, befindet sich ein Getränkemarkt mit einem begehbaren Kühlraum, hier lagern unter anderem kleine Kölsch-Partyfässer. Insgesamt führt der Markt acht unterschiedliche Sorten des obergärigen Biers im Sortiment.
Daneben findet der Kunde im Untergeschoss Kosmetik- und Drogerieartikel sowie Nonfood. Auch bei den Körperpflegeprodukten testet Ambroise Forssman-Trevedy spezielle Angebote: Friseurprodukte vom Düsseldorfer Salon „Your hair dresser“, dessen Flasche Shampoo über 20 Euro kostet. „Aber dafür reicht ein Tropfen Produkt aus“, so der Betreiber über die Salonware. Die hochpreisigen Haarpflegeartikel sind bislang nur in drei deutschen Supermärkten zu finden. Rein optisch möchte er am Untergeschoss noch vieles verändern, aber „eines nach dem anderen“, wie er sagt. Fest steht: In den nächsten Monaten lässt er die Treppe umbauen und ansprechend gestalten. Bislang kommt sie im nüchternen 60er-Jahre-Stil daher.
Unten gibt es eine separate Kasse und einen eigenen Ein- und Ausgang, der direkt zu den Parkplätzen führt. Neben der Kasse hat der Betreiber eine separate Abholstation eingerichtet, mit großen Kühlschränken und Tiefkühltruhen. Er sieht großes Potenzial in diesem Bereich, will ihn bewusst forcieren. Zurzeit bestellen etwa 75 Kunden pro Woche ihren Einkauf online und holen ihn anschließend ab, Tendenz steigend. Schon jetzt sind zwei Parkplätze für Verbraucher reserviert, die ihren Einkauf an der Station einladen.
Welche Pläne hegt Forssman-Trevedy für seine berufliche Zukunft? „Erst einmal bringe ich den Markt auf den Stand, den ich mir vorstelle“, antwortet er. Wie ein Standort läuft, könne man generell frühestens nach einem Jahr beantworten. Ihm sei wichtig, „nicht auf einer Helikopter-Ebene zu bleiben“, sondern sich intensiv in alle Sortimente einzuarbeiten: „Wenn man einen Artikel nicht testet, erfährt man nicht, ob er funktioniert.“ Forssman-Trevedy will sich deshalb unter anderem in einem Arbeitskreis der Rewe engagieren, wo es um Sortimentsfragen geht.
Kontakt zu Mitstreitern
Dem gebürtigen Franzosen liegt viel am Netzwerken, nicht nur mit Mitbewerbern, sondern auch mit anderen Rewe-Kaufleuten. Er weiß: Es braucht Zeit, entsprechende Kontakte zu knüpfen. Grundsätzlich kann er sich vorstellen, in Zukunft einmal einen weiteren Markt zu übernehmen. Gibt es Überlegungen, in Ämter innerhalb der Rewe-Gruppe zu gehen, dort mehr Verantwortung zu übernehmen? Diese Frage lässt er beim Besuch der Lebensmittel Praxis erst einmal unbeantwortet. Zunächst will er seine offenen Projekte in der Odenthaler Straße abarbeiten, eines nach dem anderen.
