Die Mehrheit der Menschen in Deutschland lehnt häufigere Ladenöffnungen am Sonntag ab. Dies ergab eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Yougov im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur. 59 Prozent der Befragten sprachen sich gegen eine grundsätzlich häufigere Öffnung von Geschäften an Sonntagen aus. Nur 34 Prozent befürworteten dies, wie die Umfrage unter 2.006 Personen Ende Juli 2025 ergab.
Als Hauptargument gegen verkaufsoffene Sonntage nannten 70 Prozent der Kritiker, dass der Sonntag ein Ruhetag bleiben sollte. 68 Prozent verwiesen auf den Schutz der Beschäftigten im Handel. Drei Viertel der Gegner argumentierten, es gebe an anderen Tagen genügend Einkaufsmöglichkeiten. Mehr als die Hälfte aller Befragten bezweifelt zudem, dass häufigere Sonntagsöffnungen dem Einzelhandel wirtschaftlich helfen würden. Nur 35 Prozent glauben an positive wirtschaftliche Effekte.
Die Befürworter nannten als wichtigste Gründe den Wunsch nach mehr Flexibilität und Spontaneität beim Einkaufen. 42 Prozent gaben an, unter der Woche zu wenig Zeit zum Einkaufen zu haben. 37 Prozent gehen nach eigenen Angaben gerne zum Zeitvertreib bummeln. Drei von vier Unterstützern würden sonntags vor allem Lebensmittel und Getränke einkaufen wollen. Auch Kleidung und Schuhe stehen bei 59 Prozent der Befürworter auf dem Einkaufszettel, gefolgt von Drogerieartikeln mit 43 Prozent sowie Elektronik und Technik mit 33 Prozent. Die meisten würden dabei klassische Geschäfte in der Innenstadt und in Einkaufszentren bevorzugen.
Smart Stores verzeichnen starkes Wachstum
Eine mögliche Kompromisslösung könnten digitale Minimärkte ohne Personal sein. Diese Smart Stores verzeichnen laut Prof. Stephan Rüschen von der Dualen Hochschule Baden-Württemberg derzeit einen starken Zuwachs. „Die Kunden sind sehr sehr happy, dass sie dieses Angebot haben“, teilte der Handelsexperte mit. Eine DHBW-Erhebung zeigt, dass über 80 Prozent der Nutzer dieser Märkte eine Vereinfachung ihres Alltags und eine Aufwertung ihres Wohnorts wahrnehmen. Ende Juni 2025 gab es bundesweit 723 solcher Märkte. „Im Moment gibt es fast jeden Tag eine Neueröffnung“, erklärte Rüschen. Rund 30 Prozent des Umsatzes in diesen Läden werde sonntags erzielt. Der Betrieb lohne sich für die Unternehmen in der Regel nur mit der Sonntagsöffnung.
Der Handelsverband Deutschland sieht in den digitalen Minimärkten Chancen. „Sie kommen an den Sonntagen gänzlich ohne Personal aus und stören somit die Sonn- und Feiertagsruhe nicht“, erklärte HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth. Angesichts des Personalmangels und steigender Lohnnebenkosten werde die Digitalisierung von Prozessen im Einzelhandel künftig noch wichtiger. Die rechtliche Situation bleibt jedoch umstritten. Bislang haben nur Mecklenburg-Vorpommern, Hessen, Sachsen-Anhalt und Bayern ihre Ladenöffnungsgesetze für vollautomatisierte Verkaufsstellen angepasst. In anderen Bundesländern wie Baden-Württemberg sind entsprechende Änderungen geplant.
Bündnis warnt vor Verdrängung von Bäckereien und Metzgereien
Die „Allianz für den freien Sonntag“, ein Bündnis aus kirchlichen Organisationen und der Gewerkschaft Verdi, kritisiert, dass auch Smart Stores Personal für Wareneinräumung, Reinigung und Überwachung benötigen. Das Bündnis warnt zudem vor einer Wettbewerbsverzerrung zulasten klassischer Geschäfte und einer Verdrängung mittelständischer Händler, Bäckereien und Metzgereien. Der bayerische Ableger des Bündnisses kündigte eine Klage gegen das neue bayerische Ladenschlussgesetz an. Handelsexperte Rüschen hält es für möglich, dass das Thema am Bundesverfassungsgericht landen könnte. Die im Grundgesetz verankerte Sonntagsruhe könne nur mit einer Zweidrittelmehrheit im Bundestag geändert werden.
