Ein Tag im Allgäu. Acht Feneberg-Märkte in zehn Stunden. Der Allgäuer Königswinkel zeigt sich mit verschneiten Bergen und Sonnenschein im besten Licht. Und in den unterschiedlich großen Feneberg-Märkten zwischen Füssen, Nesselwang und Kempten läuft auf den ersten Blick alles in geordneten Bahnen. Die Regale sind gefüllt, Kunden kaufen. Der zweite Blick offenbart aber: Die wirtschaftliche Situation des größten Lebensmittelfilialisten Deutschlands bereitet den Beschäftigten Sorgen. Eine Verkäuferin, seit Jahrzehnten im Unternehmen, bringt es auf den Punkt: „Beim Feneberg zu arbeiten, das war mal was.“
Distanz zur Geschäftsführung wächst
In den Märkten wiederholen sich die Beobachtungen. Beschäftigte berichten von jahrelangem Lohnverzicht, von ersten Sanierungsrunden ab 2019 ohne nachhaltige Wirkung, von einer wachsenden Distanz zwischen Geschäftsleitung und Belegschaft. Auch Mitarbeiter-Gutscheine, die es zu Weihnachten gab, seien nach Neujahr eingefroren worden, Zusagen relativiert, Perspektiven vertagt. Das Schutzschirmverfahren kam für die meisten Feneberg-Beschäftigten überraschend – obwohl die wirtschaftlichen Warnzeichen seit Jahren sichtbar waren.
Während langjährige Mitarbeiter den möglichen Verlust eines Arbeitgebers beklagen, mit dem sie sich identifizieren, bewerten jüngere Beschäftigte die Lage nüchtern. Für sie ist Feneberg kein emotionales Erbe, sondern ein Arbeitgeber ohne Tarifbindung. Ein möglicher Eigentümerwechsel gilt manchen von ihnen weniger als Bedrohung denn als Chance auf verlässlichere Strukturen. Feneberg sei 2005 aus dem Tarif ausgestiegen, die Folgen seien bis heute spürbar. Lohnunterschiede zwischen Alt- und Neubeschäftigten, teils Stundenlöhne nahe dem Mindestlohn, geringe Planungssicherheit, heißt es auf Nachfrage der Lebensmittel Praxis auf den Flächen.
Spätestens ab 2019 befand sich Feneberg in einer Ergebnis- und Liquiditätskrise, die zunächst zur Erstellung eines Sanierungsgutachtens und einer engeren Bindung an Edeka Südbayern führte. „Da haben wir noch fest zur Familie gehalten und alle Kröten geschluckt. Kein Weihnachtsgeld, Lohnverzicht – wir haben an die Fenebergs geglaubt. Das ist heute anders“, kritisiert eine weitere langjährige Mitarbeitern die aus ihrer Sicht fehlende Kommunikation aus Kempten deutlich. Der Schutzschirm markiert nicht den Beginn der Krise, sondern macht sie öffentlich. Feneberg sei nicht allein an fehlender Nachfrage gescheitert – sondern an einem wirtschaftlichen Kurs, der operative Realität und strukturelle Risiken zu lange ausgeblendet habe, meint ein Feneberg-Mitarbeiter mit Führungsaufgaben. Die Aussagen der Beschäftigten treffen ins Mark. Besonders Ex-CEO Hannes Feneberg werden von Mitarbeitern fehlerhafte strategische Ausrichtungen vorgeworfen, die zu falschen Investitionsentscheidungen geführt hätten. Er habe stets nach dem Porsche-Ansatz verfahren, fast nie nach einer Sparlösung gegriffen, lautet die mehrfach geäußerte Kritik.
Mitarbeiter verweisen auf das verlustreiche Geschäft mit dem Lieferservice Freshfoods in München, das 2018 an Bringmeister weitergereicht wurde. Auch die Premium-Preisstrategie sowie die Fehleinschätzungen rund um die Tochtergesellschaft „Allgäu Fresh Foods“, die inzwischen zu 51 Prozent der Kupfer Holding gehört, werden Hannes Feneberg angeheftet.
Das habe Investitionen in effizientere Strukturen verhindert und den Negativlauf begründet. Die Feneberg-Logistik sei nicht wettbewerbsfähig gewesen, dort seien noch Einkäufer bezahlt worden, als es nach dem Einstieg der Edeka Südbayern nur noch Disponenten in Kempten gebraucht hätte, berichtet ein Insider. Wenn investiert wurde, sei geklotzt worden. So auch in Oberstaufen, wo ein Smart-Store mit Premium-Features entstanden sei. Dazu sagt ein Kenner der Szene: „Grundsätzlich ist die Idee nicht schlecht, gerade weil Feneberg stark im ländlichen Raum unterwegs ist. Aber: Wenn ein Unternehmen finanziell unter Druck steht, sollte es eher restrukturieren, statt Innovation zu priorisieren. Die Richtung ist also nicht falsch – der Zeitpunkt und die Ausführung können trotzdem problematisch sein.“
Was die Mitarbeiter besonders hinterfragen, sind die nicht handelsüblichen Pensionsrückstellungen, die zum Ende des Geschäftsjahres 2023/2024 mit rund 90 Millionen Euro die Bilanz beschwerten. „Ich weiß nicht, wer das mal bekommt. Ich gehöre nicht dazu“, war beim Recherche-Besuch im Allgäu oft zu hören.

Greift Rewe nach Feneberg?
Bei den Beobachtern des Feneberg-Verfahrens fällt derzeit auch immer wieder ein Name, der im Allgäu bislang keine ganz große Rolle spielt: Rewe. Die Kölner Handelsgruppe ist in der Region vergleichsweise schwach positioniert, kartellrechtlich kaum eingeschränkt – und strategisch hungrig, wie ein ehemaliger Edeka-Top-Manager im Gespräch mit der Lebensmittel Praxis die Lage rund um das Feneberg-Reich einschätzt. Er sagt: „Lionel Souque hat vielleicht längst beim Kartellamt angefragt. Für Rewe ist das jetzt eine große Chance, schnell Boden gutzumachen.“ Genau das macht die aktuelle Entwicklung für die Regionalgesellschaft Edeka Südbayern womöglich gefährlich.
Ein Einstieg von Rewe würde mehr als einen Eigentümerwechsel bedeuten. Er würde die Kräfteverhältnisse im süddeutschen Lebensmittelhandel verschieben. Für die Edeka Südbayern hieße das: Einkaufsvolumen ginge verloren, Logistikströme würden sich ändern, regionale Machtachsen kippen. Aus Sicht von Branchenkennern ist deshalb klar: „Edeka kann es sich kaum leisten, Rewe im Allgäu stärker werden zu lassen. Nicht aus Eitelkeit, sondern aus Systemlogik. Feneberg ist kein isolierter Player, sondern ein regionales Volumenbündel. Wer es übernimmt, gewinnt nicht nur Standorte“, sagt ein Branchenexperte, der nicht genannt werden möchte.
Dass Edeka Südbayern Anfragen unbeantwortet lässt, dürfte daher weniger Zurückhaltung als taktischen Überlegungen geschuldet sein. Ein zu frühes Eingreifen würde den Bieterprozess verzerren, zu spätes könnte Rewe den Zuschlag sichern. Dazwischen liege ein schmaler Grat – mit finanziellen Risiken, erklärt ein Verhandlungsstratege. In den Feneberg-Märkten ist die Hoffnung zuweilen eindeutig.
Für viele Beschäftigte war Feneberg besonders, seit 2019 wurde daraus aber Zug um Zug spürbarer ein Edeka-Unternehmen. Ab 2022 fanden auch die Eigenmarken der Edeka ihren Platz im Feneberg-Regal. Sollten Märkte in die Regiestruktur der Südbayern überführt werden, wäre das für viele Beschäftigte eine reale Verbesserung: Tariflöhne, klare Arbeitszeitmodelle, Sonderzahlungen. Gleichzeitig wäre es kein emotionaler Bruch mehr. Ein Übergang zur Edeka würde Sicherheit bringen – aber auch das endgültige Ende der Familien-Erzählung in Kempten markieren.
Fenebergs Weg in die Krise
Ab 2017 weist der Feneberg-Konzern einen nicht durch Eigenkapital gedeckten Fehlbetrag aus, die Verluste fressen also das Eigenkapital auf. Sanierungsmaßnahmen werden 2019 ergriffen, Logistik-Outsourcing, Filialschließungen und Personalkürzungen stabilisieren die Lage temporär. Hohe Investitionen in IT, Kassen und Ladenumbauten übersteigen den operativen Cashflow. Feneberg ist demnach auf Kredite, Gesellschafterdarlehen und Desinvestitionen angewiesen.
Hausgemachte Strukturkrise
Das Unternehmen gerät spätestens 2019 in eine Ergebnis- und Liquiditätskrise, ausgelöst durch ineffiziente Fleischproduktion, eine teure Modernisierung der Großmetzgerei und hohe Verwaltungskosten. Fehlgeschlagene Expansionen wie der Lieferdienst Fresh Foods sowie eine strategische Positionierung als preislicher Premiumanbieter belasten. Zusätzliche massive Schwierigkeiten entstehen aus historischen Pensionszusagen, deren Last durch sinkende Zinsen stetig steigt.
Externe Schocks
Corona verschafft Feneberg kurzfristig Liquidität. Doch die Folgen des Ukrainekriegs mit einem veränderten Konsumverhalten, hin zu Discount und Eigenmarke, verschärfen die Ertragsschwäche wieder.
Wie reagiert die Edeka Südbayern?
Der Fall Feneberg zwingt Edeka zu einer Selbstprüfung, heißt es bei Marktbeobachtern. Wirtschaftlich betrachtet sei der Schaden nicht nur potenziell hoch – er sei systemisch relevant. Das unbesicherte Nachrangdarlehen in Höhe von 20 Millionen Euro der Großhandlung an Feneberg lastet in den Büchern. Aus einem lokalen Problem wurde ein Verbundrisiko. Bei Edeka dürfte dies in den Zentralen die Diskussionen befeuern.
Der bereits zitierte ehemalige Edeka-Manager bringt es auf folgende Formel: „Zu viele Filialen in einer Hand widersprechen eigentlich dem Geist der Genossenschaft. Je größer der einzelne Kaufmann, desto größer das Klumpenrisiko – finanziell wie reputativ.“ Er erinnert an die „Schneeweiß-Doktrin“, nach der „jeder Händler maximal eine Fläche“ bekommen soll. Das Ziel des ehemaligen Hessenring-Chefs war nicht Romantik, sondern Risikobegrenzung. Keine Übermacht, klare Kontrolle durch die Regionalgesellschaft. In den zurückliegenden Jahren wurde dieser Ansatz aufgeweicht. Mehrbetriebsunternehmer gelten als effizient, professionell, zukunftsfähig.
Feneberg zeigt nun die Kehrseite: Wenn Größe mit Parallelstrukturen, hohen Fixkosten und fehlender Transparenz einhergeht, wird sie zur Gefahr – für den Händler selbst und für das System, betonen mehrere Branchenkenner auf Nachfrage. Im Vergleich zu anderen selbstständigen Handelsriesen im Markt weisen Bilanzvergleiche auf strukturelle Defizite bei Feneberg hin. Feneberg ist offenbar nicht der klassische „Alles eigenes Beton“-Händler, lässt ein Experte verlauten, viele Filialen seien wohl gemietet. Im Schutzschirmverfahren ist das eine Chance: Mieten lassen sich nachverhandeln.
Weckruf für Edeka
Die Edeka-Solidarität werde ohne Leitplanken zur Haftungsgemeinschaft, beklagt der Insider. „Ein unbesicherter Kredit mag kurzfristig Stabilität schaffen – langfristig stellt er die Frage nach Kontrolle und Konsequenz“, sagt er. Für viele Beobachter ist deshalb klar: Der Schutzschirm von Feneberg ist ein Weckruf – auch für den gesamten Verbund. Die entscheidende Frage lautet womöglich nicht, ob Feneberg gerettet wird – sondern zu welchem Preis und mit welchen strukturellen Lehren.
Allerdings ist es offenbar nicht so, dass die Edeka Südbayern zugeschaut hätte. Ein Handelsexperte merkt beim Blick in die Bilanz an: Die Feneberg-Zahlen wirkten so, als müsse das Unternehmen Ware vorfinanzieren, statt Liquidität durch ein Zahlungsziel zu gewinnen. Das lasse darauf schließen, dass die Edeka Südbayern längst reagiert habe und nicht noch mehr Geld verbrennen wollte.
Wie das Schutzschirmverfahren ausgeht, ist offen. „Feneberg beabsichtigt nicht, Standorte jetzt oder in Zukunft zu schließen oder den Betrieb einzuschränken“, erklärt der Feneberg-Generalbevollmächtigte Jochen Sedlitz, Partner der Kanzlei Grub Brugger. Mehr wollen weder er noch weitere an dem Schutzschirmverfahren Beteiligten aus dem Feneberg-Umfeld auf Anfrage der Lebensmittel Praxis sagen.
Fest steht jedoch: Die Investorensuche läuft. Bei den Mitarbeitern machen alle Wettbewerber die Runde. Denkbar sei vieles: Fortbestand in Edeka-Südbayern-Regie oder auch das Filetieren der besten Flächen mit Weitergabe an Investoren. Dann wären Rewe, Kaufland und auch der zweite regionale Riese, V-Markt, eventuell im Spiel.
Vertrauen verloren
Meinung von LP-Redakteur Matthias Mahr
Feneberg hat leider einen Platz in den Geschichtsbüchern des Handels sicher. Noch kennen wir nicht das ganze Bild, warum es der gestandenen Händlerfamilie aus dem Allgäu nicht gelungen ist, das Ruder herumzureißen. Fest steht: Seit Jahren wurden massive Fehler gemacht, aber der letzte ist mit Geld nicht aufzuwiegen. Zu spät erhielten Mitarbeiter sowie Kunden Kenntnis von der erneuten wirtschaftlichen Schieflage. Das hat Vertrauen verspielt. Bei meinem Tagestrip durch das Allgäu habe ich das Herzblut gespürt, das für die Fenebergs auf der Fläche gegeben wurde. Hut ab! Ich hoffe für die Menschen, dass es im Allgäu irgendwie weitergeht!

