Ein strahlender Godo Röben kommt dem LP-Redakteur zur gemeinsamen Tour durch den Lebensmittelhandel entgegen – ein gewinnendes Lächeln im Gesicht und den Einkaufswagen fest im Griff. Offensichtlich kauft da jemand gerne ein.
Und der ehemalige Rügenwalder-Manager, der als einer der Wegbereiter von Fleischalternativen im Lebensmitteleinzelhandel gilt, bestätigt das: „Für das Einkaufen bin ich in unserer Familie zuständig und nicht meine Frau.“ Und: Das Einkaufen dürfe von ihm aus gerne stundenlang dauern und dauert oft auch so lange.
Manchmal schließt sich die 23-jährige Tochter an, aber meistens zieht Godo Röben allein seine Runden durch die Food-Geschäfte. Als „unerlässliche Einkaufshilfe“ greift er dabei stets auf die App von Bring zurück.
Familienmensch durch und durch
Mit dem LP-Redakteur ist Godo Röben im Famila-Verbrauchermarkt in seinem Heimatort Brake im niedersächsischen Landkreis Wesermarsch verabredet. Ein 15.000-Einwohner-Städtchen, direkt an der Weser und nicht weit von der Nordseeküste entfernt gelegen. Hier wuchs Röben auf. Er blieb Brake trotz aller Veränderungen im Lebenslauf treu, und das soll dauerhaft so bleiben. Hier fühlt er sich wohl und möchte auf keinen Fall weg.
Die Verbundenheit zum Wasser und zum Maritimen hat Godo Röben tief verinnerlicht. Deshalb hat er sich in Brake für ein Büro mit breiten Fensterfronten und unverstelltem Blick auf die Weser entschieden. Vor allem aber ist Röben ein Familienmensch durch und durch. Zum Beispiel wird möglichst jeden Abend im Hause Röben gemeinsam gekocht und gegessen.
Im Famila-Markt steuert Godo Röben zielgerichtet die Regale mit dem Porridge an. „Mehr Ballaststoffe sind mir sehr wichtig“, sagt er. Er bewege sich damit auch in einem Trend, der aus den USA nach Europa gekommen sei: Das sogenannte Fibermaxxing soll die Ballaststoffaufnahme in der Ernährung gezielt erhöhen. Das Ganze hat keinen Diät-Charakter. Vielmehr geht es um mehr Sättigung, eine bessere Darmgesundheit und im besten Fall um ein geringeres Risiko für bestimmte chronische Krankheiten.
Reich an Ballaststoffen sind zum Beispiel auch die Produkte des Unternehmens Wholey, Hersteller von Cerealien- und Frühstücksprodukten, auf die Röben schwört und die er in seinem Einkaufswagen platziert. „Die Zutaten sind einfach gut“, meint er. Dazu gehören unter anderem natürliche Süßungsmittel wie Dattelsirup. Obwohl ihn seine Tochter beim Einkaufen nur gelegentlich begleitet – an sie denkt Röben im Famila-Markt jedes Mal. Denn sie benötigt aus gesundheitlichen Gründen glutenfreie Produkte. Die Auswahl sei in diesem Segment nach wie vor zu klein, bedauert Röben, und landet bei Artikeln des Herstellers Dr. Schär. Viel mehr ist in dem Braker Geschäft nicht zu finden.
Mandelmilch darf im Einkaufswagen von Röben ebenfalls nicht fehlen. Aus der macht er abends mithilfe verschiedener Gewürze eine sogenannte Goldene Milch. Das ist ein ayurvedisches Heißgetränk aus Kurkuma, Ingwer, Gewürzen und Milch. Angeblich hat es entzündungshemmende und wärmende Eigenschaften. „Absolut lecker“, versichert Röben.
Überhaupt, der Geschmack: Der ist aus Röbens Sicht das A und O, wenn vegane und vegetarische Produkte erfolgreich sein sollen. Missionarischen Eifer verspürt Röben nicht. Er ist davon überzeugt, dass die Zeit der fleischärmeren Ernährung und der Nachhaltigkeit in die Hände spielt, obwohl diese Themen zurzeit zurückgedrängt wirken.
„Wurst ist Zigarette der Zukunft“
Röben ist ein entspannter Charakter; ihn beunruhigt das nicht. „Bei jeder Art von gesellschaftlichem Wandel kommt es nahezu unvermeidlich zu einem ständigen Auf und Ab“, erinnert er. Das sei etwa bei der Transformation der Automobilindustrie und bei der Energiewende nicht anders.
Ökonomie und Ökologie – das ist für Röben bei der Ernährungswende entscheidend – müssen im Einklang sein: „Ich sehe das ganz pragmatisch und nicht dogmatisch.“ Er ist sich sicher: „In den kommenden zehn Jahren werden pflanzliche Produkte stärker zulegen als tierische.“ Auf lange Sicht ist für ihn klar: „Die Wurst ist die Zigarette der Zukunft.“ Aber problematisch sei, und damit schlägt er wieder einen Haken zum so wichtigen Geschmacksaspekt: „60 Prozent der Fleischalternativen schmecken nicht gut.“ Doch immerhin: Nach seinem Eindruck verbessere sich die Quote stetig. Man müsse wohl noch mehr Geduld an den Tag legen. Entspannt blickt Röben ebenfalls auf die Debatte um Bezeichnungen für vegane und vegetarische Produkte. „Die Branche“, glaubt er, „wird kreativ genug sein, um praxisnahe Regelungen zu finden.“
In der Obstabteilung des Braker Famila-Marktes gibt Godo Röben preis: „Beeren liebe ich und Bananen brauche ich für das Müsli.“ Bananen nimmt er also geschmacklich in Kauf. Schokolade hingegen ist bei Röben wohlgelitten und gern gegessen. Dass die dieses Mal im Einkaufswagen fehlt, bezeichnet er als Zufall. Denn süße Sünden dürfen es aus seiner Sicht gerne sein. Er ist nun einmal kein Dogmatiker.
An Produkten seines ehemaligen Arbeitgebers Rügenwalder Mühle kommt Röben beim Einkaufen nicht vorbei. „Rügenwalder produziert nach wie vor gute Sachen“, unterstreicht er. „Da gibt es nix.“ Seine Frau sieht das anders, macht um Rügenwalder-Ware einen großen Bogen.
26 Jahre lang leitete der Diplom-Kaufmann bei der Rügenwalder Mühle das Marketing, war neun Jahre Chef der Forschung und Entwicklung sowie vier Jahre Geschäftsführer. Dabei trieb er die Entwicklung des Unternehmens zu einem Hersteller von veganen und vegetarischen Angeboten und letztendlich zum Marktführer in Europa maßgeblich voran.
Und dann war Schluss
Relativ überraschend und unfreiwillig kam es für Röben 2021 zur Trennung von der Rügenwalder Mühle. „Mit viel Pioniergeist“, lobte Aufsichtsratsvorsitzender Dr. Gunnar Rauffus damals, „hat Godo Röben unser zweites Standbein, pflanzliche Proteine, entwickelt und aufgebaut.“ Und dennoch sollten neue Besen besser kehren, so der Plan. Röben räumt ein: Von diesem Schock musste er sich erholen, musste sich sammeln, die Krone richten und weitergehen. Inzwischen freut er sich jedoch über die berufliche Entwicklung, die das Ende für ihn bedeutete.
Seit seinem Ausscheiden vor rund fünf Jahren arbeitet Godo Röben als Beirat und Berater zu alternativen Proteinen, unter anderem für die Rewe Group, Lidl, Followfood und das niedersächsische Wissenschaftsministerium. Bei der Privatmolkerei Bauer sitzt er im Aufsichtsrat. Außerdem betätigt sich Röben, ehemaliges Vorstandsmitglied des Bundesverbandes für Alternative Proteinquellen, als Investor und Förderer von Start-ups im Lebensmittelbereich.
Direkt über den Rügenwalder-Produkten im Braker Famila-Markt finden sich Fleischalternativen der Marke Billie Green, die seit September 2022 auf dem Markt sind. Das bringt Godo Röben wieder zum spitzbübischen Lächeln. Denn an der Erfolgsgeschichte war er als Berater und Beiratsmitglied der produzierenden Firma The Plantly Butchers (TFB) maßgeblich beteiligt. Seit 2023 schaffte Billie Green ein Wachstum deutlich über dem Gesamtmarkt. „Nach verkauften Verpackungen ist man hinter der Rügenwalder Mühle schon die Nummer zwei“, weiß Röben. Sein ehemaliger Arbeitgeber sollte wohl auf der Hut sein; seine Marktführerschaft ist nicht in Stein gemeißelt. Diese Aussage schwingt da wohl ein wenig mit.
„Der Veggie-Markt ist eben sehr dynamisch, und auch das macht den Reiz für mich aus“, kommentiert der begeisterte Jogger – schnellen Schrittes auf dem Weg zur Self-Scanning-Kasse im Braker Famila-Markt. Auch in diesem Sinne wird der bekannte und erfahrene Veggie-Experte wohl eine reizende Persönlichkeit bleiben.
Die Hersteller vegetarischer und veganer Fleischalternativen melden erneut ein Plus, wenngleich auch kein so rasantes mehr wie in den Vorjahren. 2024 wurden nach Angaben des Statistischen Bundesamtes in Deutschland 126.500 Tonnen solcher Produkte produziert – ein Plus von 4 Prozent gegenüber 2023 (121.600 Tonnen). Auch der wirtschaftliche Wert stieg deutlich: Mit 647,1 Millionen Euro lag er rund 10,9 Prozent höher als im Vorjahr (583,2 Millionen Euro).
Mengenverdoppelung
Im Vergleich zu 2019 zeigt sich ein besonders starkes Wachstum: Die Produktionsmenge verdoppelte sich innerhalb von fünf Jahren (plus 109,5 Prozent). Damals lag sie noch bei 60.400 Tonnen. Nach Zahlen aus dem November 2025, die der Lebensmittel Praxis vorliegen, führt Rügenwalder das Marken-Ranking mit einem Marktanteil von knapp 36 Prozent und einem Plus von 5,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum an. Mit großem Abstand folgt Like mit einem Marktanteil von 6,3 Prozent und 7,6 Prozent Plus. Danach rangiert Billie Green mit einem Marktanteil von 4,9 Prozent und 25,1 Prozent Plus. Auffällig sind die starken Verluste von Gutfried auf dem achten Platz mit minus 24,7 Prozent, von Garden Gourmet auf dem vierten Platz mit minus 14,8 Prozent und von Greenforce auf dem fünften Platz mit minus 10,1 Prozent.
In Deutschland, Österreich und der Schweiz geben durchschnittlich 33 Prozent der Bevölkerung an, dass sie ihren Fleischkonsum reduzieren wollen. In der Schweiz liegt dieser Anteil bei 37 Prozent, in Österreich bei 32 und in Deutschland bei 31 Prozent. Zudem konsumieren rund 70 Prozent der Menschen im DACH-Raum zumindest gelegentlich vegane oder vegetarische Fleisch- und Wurstersatzprodukte. Das sind Ergebnisse aus dem Branchenreport „Fleischersatz im DACH-Raum“ des Meinungsforschungsinstitutes Yougov. Der wurde im Januar 2026 veröffentlicht.
Wie wichtig es den Menschen ist, dass Fleischalternativen echtem Fleisch ähneln, variiert deutlich zwischen den Ländern. So ist es in Österreich für 44 Prozent der Befragten relevant, dass vegane und vegetarische Alternativen geschmacklich möglichst nahe an Fleisch heranreichen.
Im Mittelfeld platziert
In Deutschland teilen diese Ansicht 32 Prozent, in der Schweiz 26 Prozent. Dieses länderspezifische Muster zeigt sich auch bei weiteren Kriterien wie Verarbeitung, Aussehen und Bezeichnung: Während diese Aspekte in Österreich besonders stark gewichtet werden, liegen die Werte in der Schweiz deutlich niedriger. Deutschland bewegt sich dabei überwiegend zwischen den beiden Ländern.
Verbot mit Folgen
Aktuell diskutieren die Händler und Hersteller intensiv über die Folgen eines möglichen EU-weiten Bezeichnungsverbotes wie zum Beispiel „vegane Wurst“ oder „pflanzlicher Burger“. Das EU-Parlament hatte im Oktober dafür gestimmt. Der Bundesverband für Alternative Proteinquellen (Balpro) beziffert den drohenden wirtschaftlichen Schaden auf rund 250 Millionen Euro. Dabei berücksichtigte der Verband vor allem erforderliche Änderungen bei Verpackungen sowie bei Marketing und Kommunikation.