Fairtrade Deutschland Umsatzdelle durch Preiskämpfe

Nach 15 Jahren zweistelligen Umsatzwachstums musste der Handel mit Fairtrade-zertifizierten Waren 2020 in Deutschland eine rückläufige Entwicklung hinnehmen. Negativ ausgewirkt haben sich vor allem die pandemiebedingten Schließungen der Gastronomie, aber auch Preis- und Machtkämpfe deutscher Händler und großer Kakaoverarbeiter, so Dieter Overath, Vorstandsvorsitzender Transfair e.V., gegenüber der Lebensmittel Praxis.

Mittwoch, 05. Mai 2021 - Handel
Bettina Röttig
Artikelbild Umsatzdelle durch Preiskämpfe
Bildquelle: Carsten Hoppen

Transfair hat sein Ziel, mit Fairtrade-zertifizierten Produkten die Zwei-Milliarden-Umsatzgrenze in Deutschland zu überschreiten, 2020 verfehlt. Im Vergleich zum Vorjahr brach der Umsatz um rund 5 Prozent auf 1,9 Milliarden Euro ein. Damit ist Deutschland der einzige Absatzmarkt für Fairtrade-Ware, der im vergangenen Jahr einen rückläufigen Gesamtumsatz verzeichnete. „Dies liegt nicht an einem veränderten Kaufverhalten der Bundesbürger“, betont Dieter Overath, „sondern daran, dass kein anderes Land so stark im Out-of-Home-Segment aufgestellt ist.“ Zugleich seien es deutsche Handelskonzerne, die durch erweiterte Sortimente das Wachstum des Fairen Handels in anderen europäischen Ländern beflügelten.

Erfolge verbuchte hierzulande Fairtrade-zertifizierter Kaffee. Von dem Wachmacher tranken die Bundesbürger größere Mengen in ihren eigenen vier Wänden, wodurch der Einbruch im Außer-Haus-Markt mehr als kompensiert werden konnte. Insgesamt wurden mit 24.000 Tonnen 6 Prozent mehr Fairtrade-Kaffee verkauft. Im Einzelhandel legte der Absatz mit Fairtrade-Kaffee um 17 Prozent zu.

Negativ auf die Bilanz in Deutschland ausgewirkt haben sich Probleme im Absatz mit Bananen - eines der stärksten Fairtrade-Produkte. Dies hatte laut Overath unter anderem damit zu tun, dass Discounter Lidl die Umstellung seines Bananen-Angebots auf 100 Prozent Fairtrade-Bananen wieder zurückgenommen hatte, mit der Begründung, der Wettbewerb habe Kunden durch Preisdumpingaktionen mit Bananen abgeworben. „Da haben die Wettbewerber Lidl eine Harke zeigen wollen - auf Kosten der Produzenten im Süden“, kommentiert der Deutschland-Chef von Transfair. Die veränderte Strategie führte zu einer geringeren Nachfrage, der Absatz lag mit knapp 112.000 verkauften Tonnen um 14 Prozent unter dem Vorjahreswert (Umsatz: minus 19 Prozent). Dies sei der erste Absatzeinbruch bei Bananen seit 1999.

Machtdemonstrationen gab es in den letzten Monaten, so Overath, seitens der Global-Player der Kakao- und Schokoladenindustrie jenen Ländern gegenüber, die einen Referenzpreis für existenzsichernde Löhne im Kakao-Anbau eingeführt hätten. Es sei sehr offensichtlich, dass Barry Callebaut und Co. Kakao „gebunkert“ und so den Preisdruck massiv erhöht hätten. Um 25 Prozent sei der Kakao-Preis in der Elfenbeinküste daraufhin eingebrochen. „Nie war die Diskrepanz zwischen dem Gerede von hiesigen Unternehmen über ihre soziale Verantwortung und dem Preisverfall in einigen Produkt-Bereichen so hoch wie in den vergangenen Monaten“, prangert Overath an. Die Preisentwicklung stünde diametral zu dem, was neue Lieferkettengesetze und die Nachhaltigkeitsziele der UN forderten. Mit den aktuellen Marktpreisen kämen die Menschen in den Produzentenländern nicht über die Runden.

„Den letzten Cent herausquetschen: diese Managementmethode ist ein Auslaufmodell! Es gilt, die Versorgungssicherheit auch für die kommenden Jahrzehnte zu sichern – diesen Job machen aktuell wir, nicht die großen verarbeitenden Unternehmen“, betont Overath. Denn junge Menschen hätten keine Lust mehr, Kakao- oder Kaffeebohnen für einen Euro am Tag zu pflücken. Sie alle hätten Smartphones, wüssten, wie die wohlhabende westliche Welt aussehe. Zudem schlage der Klimawandel in den Ländern des Südens bereits stark zu und verändere die Anbaubedingungen. Ohne Investitionen gebe es in Zukunft weder ausreichend Arbeiter auf den Plantagen noch könne man Maßnahmen zur Entwicklung anpassungsfähiger Pflanzen finanzieren.

Drei Fragen an Dieter Overath, Vorstandsvorsitzender Transfair e.V.:

Inwiefern hat sich das Fairtrade-System während der Corona-Pandemie als Resilienzfaktor erwiesen?

Dieter Overath: Es gibt Untersuchungen, die belegen, dass Fairtrade in normalen Zeiten in vielerlei Hinsicht ein Stabilitätsfaktor für die zertifizierten Organisationen ist: Um jungen Menschen vor Ort Perspektiven zu geben, um Frauen bessere Teilhabe zu ermöglichen und Kinderarbeit zu bekämpfen, aber auch im Kampf gegen den Klimawandel. Die Klimakrise wirkt sich jetzt schon ungleich heftiger im Süden aus. Investitionen in stabilere Pflanzen und Schattengewächse sind nötig und mit den zusätzlichen Mitteln aus den Fairtrade-Prämien möglich. Dass die Menschen im globalen Süden gerade während der Pandemie von den stabilen Strukturen des Fairtrade-System profitieren, hat sogar die Politik anerkannt - in Form von monetärer Unterstützung. Fairtrade hatte im Frühsommer letzten Jahres bereits 3,4 Millionen Euro aus eigenen Mitteln als Soforthilfe bereitgestellt, das Ausmaß der Pandemie überstieg jedoch unsere Möglichkeiten. Unter anderem das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) und die Deutsche Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) haben Gelder beigesteuert, so dass ein Hilfs-Fonds von 15 Millionen Euro zusammenkam.

Gibt es konkrete Beispiele dazu, was mit der Fairtrade-Prämie während der Pandemie erreicht wurde?

Die Fairtrade-Prämie hat im Grunde zu einem Fairtrade-Kurzarbeitergeld geführt. Insgesamt wurden die Prämien flexibel eingesetzt, um die Sicherheit für die Kleinbauern zu erhöhen Jobs von Arbeitern zu sichern, es wurden Seifen und Desinfektionsmittel davon gekauft oder Nähmaschinen, um Masken herzustellen. Ein ganz konkretes Beispiel wäre der Kaffeeanbau in Peru. Der Hauptlockdown traf das Land inmitten der Kaffee-Ernte. Keine Busse fuhren mehr, um Erntehelfer zu den Kaffeefeldern zu bringen oder die Ernte zur Kooperative. Die Fairtrade-Prämie wurde dazu eingesetzt, die gesamte Logistik aufrechtzuerhalten. So ist keine Kaffeekirsche verdorrt, die Ernte konnte eingeholt werden.

Wo muss sich Fairtrade noch weiterentwickeln?

Wir brauchen ein besseres Data-Management auf globaler Ebene, um maximale Transparenz gewährleisten und die Vorteile der Digitalisierung zielführender nutzen zu können. Wir haben neue Mitarbeiter für Digitalisierung eingestellt, um gerüstet zu sein. Auch werden wir die direkte Kommunikation mit jungen Menschen in den Produzentenländern ausbauen, damit sie über ihren Alltag berichten können und ihre Herausforderungen für den deutschen Konsumenten greifbarer werden. Denn nur mit einer besseren Aufklärung kommen wir zu einem bewussteren Einkauf und dahin, dass Billigangebote für Bananen vom Konsumenten abgestraft werden. Da sind wir beim nächsten Punkt: Wir müssen schneller weiterkommen beim Thema existenzsichernde Einkommen. Diese sind ein Menschenrecht und wenn wir sie nicht gewährleisten können, werden wir Probleme wie beispielsweise Abholzung von Urwäldern nicht abschaffen können. Es gilt also auch, soziale Gerechtigkeit und Klimaschutz noch näher zusammenzubringen. Wir sind keine Umweltorganisation, können und müssen aber mehr Kooperationen mit Klima- und Umweltschutzorganisationen eingehen.

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