Beim 34. Deutschen Fleischkongress der Lebensmittel Praxis auf dem Petersberg bei Bonn stand einmal mehr die Zukunft der Fleischversorgung im Fokus. Besonders deutlich wurde dies in einer Diskussionsrunde zum Thema „Geflügel gewinnt“, in der Chancen und Herausforderungen dieses Segments intensiv beleuchtet wurden.
Als einer der zentralen Gesprächspartner brachte Dr. Ingo Stryk, Geschäftsführer Marketing beim Wiesenhof Kontor, seine Perspektive ein und zeigte auf, welche Rolle Geflügel heute und in Zukunft im deutschen Lebensmittelhandel spielen kann.
Die Deutschen essen so viel Geflügel wie nie: Rund 20,9 Kilo pro Kopf im Jahr, Tendenz steigend. Besonders Hähnchen profitiert – es gilt als proteinreich, fettarm und passt damit ideal in den Zeitgeist. „Je jünger die Generationen, desto höher der Geflügelanteil“, sagt Dr. Ingo Stryck, Geschäftsführer Marketing beim Wiesenhof Geflügelkontor. Die ältere Aufbaugeneration mit starkem Fokus auf Schweinefleisch sterbe weg, die Jüngeren blieben beim Geflügel.
Branchenkommunikation ist wichtig
Ein Erfolgsfaktor liegt für Stryck in der Branchenkommunikation. Nach dem Aus der staatlichen CMA habe die Geflügelwirtschaft 2009 die IDEC gegründet – eine eigene Organisation, die das Image von Geflügel pflegt. Wöchentlich werden Food-Redaktionen mit Rezepten und fertigen Texten beliefert. „Wir liefern quasi druckfertiges Material. Das ist keine Raketenwissenschaft, aber sehr wirksam“, sagt Stryck. Die Ausgaben dafür seien deutlich niedriger, als viele vermuteten.
Stark ist die Branche auch in der Systemgastronomie: McDonald’s, Burger King, KFC – überall spielen Hähnchenprodukte eine zentrale Rolle. Technologisch ist Hähnchen ideal für Convenience: Nuggets, Crispy Chicken, Burger, Snacks. „Da kommt noch mehr“, ist Stryck überzeugt.
„Bau- und Umweltrecht sowie Bürokratie bremsen massiv“
Doch die Lage ist nicht nur rosig. Der Handel hat sich ehrgeizige Ziele gesetzt: Bis 2030 soll das Frischgeflügel weitgehend aus höheren Haltungsformen 3 und 4 stammen. Für die Praxis bedeutet das weniger Tiere pro Stall und längere Mastzeiten – die Branche bräuchte deutlich mehr Kapazitäten. „Die Investitionsbereitschaft ist da, aber Bau- und Umweltrecht sowie Bürokratie bremsen massiv“, warnt Stryck. Seine eigene Integration will bis 2040 vollständig auf Haltungsform 3 bei Hähnchen umstellen – „sofern der Markt das will“.
Beim Klima sieht sich Geflügel besser aufgestellt als viele andere Lebensmittel. Für Hähnchen wurden 2,2 Kilo CO₂ pro Kilo Fleisch berechnet – weniger als für ein Kilo Reis, wie Stryck betont. Haupttreiber ist das Futter, das rund 70 Prozent des CO₂-Fußabdrucks ausmacht. Parallel setzt die Branche fast vollständig auf GVO-freie Fütterung: Er kenne derzeit keine größere Integration, die noch gentechnisch veränderte Rohstoffe einsetze, sagt Stryck.
Trotz Preisanstiegen – Geflügel ist teurer geworden, der Abstand zum Schwein kleiner – rechnet er weiter mit stabiler Nachfrage. Zwar reagierten Verbraucher auf Preisunterschiede zwischen den Fleischarten, doch das Image von Geflügel sei deutlich besser als das von Rind und Schwein.
Stryck fürchtet keine Konkurrenz durch Laborfleisch
Konkurrenz aus dem Labor oder aus Pflanzenproteinen fürchtet Stryck nicht. Pflanzliche Alternativen sieht er als Ergänzung im Sortiment, nicht als Bedrohung. In zellbasiertes Fleisch ist man investiert, um technologisch nicht abgehängt zu werden. „Ob das wirklich kommt, weiß heute niemand“, sagt er.
Am Ende entscheidet für ihn weniger die Technik als die Politik: Ohne Planungssicherheit, weniger Bürokratie und klare Rahmenbedingungen werde es schwer, die Tierwohl- und Klimaziele mit deutscher Produktion zu erreichen – und den aktuellen Geflügelboom in eine stabile Zukunft zu überführen.