Langfinger machen dem Einzelhandel in Sachsen zunehmend zu schaffen und lösen aufseiten des dortigen Handelsverbands Betriebsamkeit aus. Im vergangenen Jahr erfassten die Behörden insgesamt fast 20.500 einfache und schwere Ladendiebstähle im Freistaat. 2021 waren es nur gut halb so viele. Dabei deutet sich auch für das erste Halbjahr 2025 bereits ein weiterer Anstieg an. Schwere Ladendiebstähle sind durch hohen Warenwert und hohen kriminellen Aufwand charakterisiert.
René Glaser, Hauptgeschäftsführer beim Handelsverband Sachsen, geht davon aus, dass das tatsächliche Ausmaß der Diebstähle sogar viel größer ist: Er stützt sich auf Rückmeldungen von Händlern und Studien. Denen zufolge liege die Dunkelziffer bei weit über 90 Prozent, da viele Taten nicht zur Anzeige gebracht oder nicht entdeckt würden. Der Handelsverband Deutschland (HDE) bestätigt diese Zahlen für die gesamte Republik.
Oft schlagen organisierte Tätergruppen zu
Zunehmend sind organisierte Gruppen die Täter, die Waren auf dem Graumarkt weiterverkaufen. Begehrt sind zum Beispiel Alkohol, Düfte und Kosmetikartikel. Der Schaden für den Handel durch Ladendiebstahl ist sehr hoch. Experten gehen bundesweit von drei Milliarden im vergangenen Jahr aus. Glaser schätzt den Verlust für Sachsen auf rund 150 Millionen Euro.
Wie Glaser berichtet, traf sich der Handelsverband kürzlich mit dem Amtschef des sächsischen Justizministeriums, Till Pietzcker. Ähnliche Termine habe es bereits mit dem sächsischen Innenminister Armin Schuster (CDU), mit Staatsanwaltschaften, Polizeipräsidenten, Vertretern des Landeskriminalamtes und Vertretern des Sächsischen Landtags gegeben. Auch im Rahmen des wirtschaftspolitischen Empfangs des Handelsverbandes im Juni im Landtag sei die Diebstahls-Problematik umfassend dargestellt worden, so Glaser.
Kommunikation zum Thema soll verbessert werden
Als ein Ergebnis des Termins mit Pietzcker nennt René Glaser, dass das Justizministerium noch einmal die Praxis rund um das Thema Verfahrenseinstellungen und die Anwendung der beschleunigten Verfahren prüfen wolle. Letzteres bezeichnet eine schnelle Ahndung im Rahmen des Strafverfahrens. Außerdem solle die „Kommunikation als Element der Prävention“ verbessert und intensiviert werden. „Diebstahl ist kein Bagatelldelikt“, betont Glaser. Dieser Punkt könnte von einer Aufklärungskampagne flankiert werden, ergänzt er.
Im Gespräch ist ferner ein Sicherheitsgipfel, nach dem konkrete Maßnahmen abgeleitet werden könnten. Ferner wird der Handelsverband in Zusammenarbeit mit dem Landeskriminalamt eine Veranstaltungs- und Schulungsreihe mit Schwerpunkt Prävention für Einzelhandelsunternehmen auflegen. Glaser: „Weitere Punkte befinden sich in der Absprache und müssen noch konkretisiert werden.“
Vitrinen-Waren mit Barrierewirkung für ehrliche Kunden
Mit Sorge betrachtet der Hauptgeschäftsführer eine der Folgen der Ladendiebstähle: Höherpreisige Waren würden häufiger in Vitrinen eingeschlossen. René Glaser wörtlich: „Unter anderem aus Rückmeldungen und verschiedenen Gesprächen mit Einzelhandelsunternehmen haben wir in diesem Zusammenhang die Erkenntnis, dass mit Blick auf Produkte, die nur auf Verlangen vom Personal ausgegeben werden, die Nachfrage aufgrund einer gewissen Barrierewirkung sinken kann. Daher ist eine solche Maßnahme oft der letzte Schritt.“
HDE streitet auf Bundesebene gegen Ladendiebstähle
Das Engagement des Handelsverbandes Sachsen fügt sich in eine dauerhaft angelegte Kampagne des Handelsverbandes Deutschland (HDE) ein. Dieser kritisiert: „Während sich die Diebstähle weiterhin auf einem hohen Niveau bewegen und teilweise mit großer krimineller Energie durchgeführt werden, ist in der Branche der Eindruck entstanden, dass dem Staat mitunter der ernsthafte Wille zur Rechtsdurchsetzung fehlt und die zunehmenden Übergriffe von staatlichen Stellen ignoriert oder sogar bagatellisiert werden. Viele Händler sind frustriert, da Anzeigen selten zu einer Verurteilung und Sanktionierung der Täter führen und ersparen sich den mit der Strafanzeige verbundenen bürokratischen Aufwand.“
Konsequentere Strafverfolgung und Sanktionierung gefordert
Dringend erforderlich sei wegen der damit verbundenen Präventionswirkung eine konsequentere Strafverfolgung und Sanktionierung der überführten Täter. Insbesondere der bandenmäßig organisierte und gewerbsmäßige Ladendiebstahl müsse dabei nachdrücklich bekämpft werden, so der HDE. Handelsunternehmen müssten sich darauf verlassen können, dass der Staat mit seinen Behörden die „Achtung und den Schutz des Eigentums zuverlässig und effizient sicherstellt“. Zu oft blieben heute Strafen aus, und Verfahren würden eingestellt. Dem stimmt René Glaser ausdrücklich zu.
