Experte zu Just Eat Takeaway Lieferdienst kämpft mit weniger Bestellungen

Der Essenslieferdienst Just Eat Takeaway (Marke Lieferando) meldet für das erste Halbjahr 2025 einen Umsatz von 1,75 Milliarden Euro, ein Rückgang um rund 1 Prozent. Die Bestellungen sanken um 7 Prozent auf 308 Millionen. Branchen-Experte Mike Schwanke (Foto) ordnet diese Zahlen und die weitere Entwicklung bei Just Eat Takeaway gegenüber der Lebensmittel Praxis ein.

Donnerstag, 31. Juli 2025, 13:23 Uhr
Thomas Klaus
Kritischer Experte: Just Eat Takeaway muss nach Einschätzung von Mike Schwanke an vielen Stellschrauben drehen. Bildquelle: Atreus

Just Eat Takeaway meldet für das erste Halbjahr 2025 einen Umsatz von 1,75 Milliarden Euro, ein Rückgang um rund 1 Prozent. Die Bestellungen sanken um 7 Prozent auf 308 Millionen. Der Bruttotransaktionswert blieb mit 9,4 Milliarden Euro stabil. Zugleich erwartet das Management das Wachstum des Transaktionsvolumens und das bereinigte EBITDA jeweils nur am unteren Ende der Prognosen.

Schwanke: Stellenabbau betriebswirtschaftlich konsequent

„Vor diesem Hintergrund ist der Abbau von 2.000 Fahrerstellen und die stärkere Zusammenarbeit mit Subunternehmen eine betriebswirtschaftlich konsequente Maßnahme. Sie reduziert Fixkosten, wandelt Teile der Kostenbasis in variable Kosten und erhöht die Steuerbarkeit des Modells im Vorfeld der geplanten Übernahme durch den südafrikanischen Investor Prosus.“ Das sagt Experte Mike Schwanke von der Unternehmensberatung Atreus im Gespräch mit der LP. Er erläutert: Sinkende Bestellmengen bei stabiler Wertschöpfung deuten auf höhere Warenkörbe und bessere Monetarisierung pro Bestellung hin, aber auch auf eine Grenze der Nachfrage. 

Die Profitabilität werde daher weniger über reine Größenvorteile kommen, sondern über strengere Steuerung der Auslastung, datengetriebene Preis und Gebietsplanung, eine klarere Segmentierung der Kundinnen und Kunden sowie eine effizientere Allokation von Marketingbudgets.

Prosus verlängert Annahmefrist für die Aktionäre

Derweil hat der Investor Prosus, der Just Eat Takeaway übernehmen will, die Annahmefrist für die Aktionäre bis zum 1. Oktober verlängert. Bis dahin können die Aktionäre von Just Eat Takeaway entscheiden, ob sie dem Verkauf ihrer Aktien zustimmen. Die Entscheidung der EU, ob der Kauf europarechtlich gedeckt ist, wird nach Informationen von Schwanke für den 11. August erwartet. 

Prosus will Just Eat Takeaway für 4,1 Milliarden Euro übernehmen. Das Angebot wird von der Geschäftsführung und dem Aufsichtsrat unterstützt. Bislang war Prosus vor allem in Ländern wie China und Indien stark aufgestellt. Prosus ist eine Beteiligungsgesellschaft, die mehrheitlich dem Medienkonzern Naspers mit Sitz in Kapstadt gehört.

Qualitäts- und Reputationsrisiken auf Partner verlagert

Nach Einschätzung von Mike Schwanke sind für Just Eat Takeaway nun mehrere wirtschaftliche Hebel zentral. 

Der leichte Umsatzrückgang bei stabiler Wertschöpfung spricht nach Ansicht des Experten für Fortschritte bei Provisionen, Liefergebühren und Werbung. Das dürfe aber nicht die Preissensibilität überdehnen. Eine präzise Steuerung der Preiselastizität nach Stadt, Zeitfenster und Kategorie wird zur Kernkompetenz. 

Die Auslagerung der letzten Meile macht die Kostenstruktur aus Überzeugung von Schwanke beweglicher. Sie verlagere jedoch Qualitäts- und Reputationsrisiken auf Partner. Hersteller und Händler sollten daher zusätzliche Service Level Vereinbarungen einfordern und parallel alternative Kanäle aufbauen, empfiehlt der Experte.

Abhängigkeiten reduzieren und letzte Meile absichern

Die Ankündigung höherer Marketinginvestitionen zeige Druck auf Wiederkaufraten, so Schwanke. Entscheidend werde die Senkung der Akquisitionskosten durch First Party Daten, bessere Personalisierung und Kooperationen mit Marken und Handel, etwa über gebündelte Warenkörbe und gemeinsame Aktionen.

Für Hersteller und Händler folgt aus diesen Aspekten aus Sicht von Mike Schwanke eine klare Agenda. Er meint: Wer Plattformen als Umsatzsäule nutzt, sollte Abhängigkeiten reduzieren und Qualität der letzten Meile aktiv absichern. Das bedeutet eine breitere Kanalstrategie, eigene Direktangebote dort, wo es wirtschaftlich sinnvoll ist, sowie engere operative Partnerschaften mit klaren Qualitätskennzahlen. Gleichzeitig böten höhere Werbeerlöse auf der Plattform neue Touchpoints für Konsumgütermarken. Diese Chancen lohnen sich Schwanke zufolge nur, wenn Sichtbarkeit messbar in Warenkorb und Wiederkauf überführt werde.

Eigentümerwechsel bleibt Katalysator der weiteren Entwicklung

Der Eigentümerwechsel bleibt der Katalysator dieser Entwicklung bei Just Eat Takeaway, ist sich Schwanke sicher. Der Experte wörtlich: Prosus wird auf strikte Kennzahlensteuerung, Technologieeinsatz und einheitliche Prozesse drängen. Gelingt die Integration, kann das Modell trotz nachlassender Bestellfrequenz stabilere Erträge liefern. Misslingt sie, drohen eine weitere Erosion der Nachfrage durch höhere Gebühren und eine wachsende Lücke zwischen Markenversprechen und Servicequalität. Die Quartalszahlen lieferten dafür die Messlatte. Jetzt entscheide die operative Umsetzung, so Schwanke.

Mike Schwanke ist Direktor der Unternehmensberatungsgesellschaft Atreus. Von Juli 2020 bis Juni 2022 war er COO der Restaurantkette Nordsee, davor unter anderem Verkaufsdirektor der Reederei TUI Cruises und Marketingleiter bei der Drogeriekette Müller. 

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