Wissenschaftlicher Beirat Neues Gutachten will Alternativprodukte nach vorne bringen

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Der Wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz (WBAE) hat dem Bundesagrarminister Alois Rainer ein Gutachten zu Alternativprodukten zu tierischen Lebensmitteln übergeben. Das Gremium sieht sehr großes Potenzial.

Mittwoch, 23. Juli 2025, 12:08 Uhr
Thomas Klaus und Bettina Röttig
Liegt die Zukunft in Alternativen zu tierschen Produkten? Die Experten des Wissenschaftlichen Beirates warnen davor, pflanzliche Produkte im Markt zu behindern. Bildquelle: Mirco Moskopp

Das Gutachten „Mehr Auswahl am gemeinsamen Tisch: Alternativprodukte zu tierischen Lebensmitteln als Beitrag zu einer nachhaltigeren Ernährung“ des WBAE beleuchtet auf knapp 400 Seiten die aktuelle und zukünftige Bedeutung dieser Produkte für Verbraucher, gesundheitliche Aspekte sowie mögliche Auswirkungen auf Umwelt und landwirtschaftliche Produktion.

Gutachten bündelt Kernkompetenzen des Beirates

„Der WBAE wählt seine Themen selbst“, erklärte Prof. Dr. Achim Spiller, Vorsitzender des Gremiums bei der Präsentation der Kernergebnisse. Warum dann das Thema Alternativprodukte? Das Thema habe ein erhebliches Potenzial für die Gestaltung fairer Ernährungsumgebungen und für die Ernährungswirtschaft und brauche eine ausgewogene, langfristige Gesamtschau.

Das Gutachten bündele die Kernkompetenzen des Beirats, Agrarwissenschaften, Ernährungswissenschaften, Lebensmitteltechnologie, Ethik und Recht.

Beirat will Desinformationen entgegen wirken

Der Beirat wolle damit auch Desinformationen entgegen wirken, unterstrich Spiller. So stünden Alternativprodukte unter Generalverdacht, hoch verarbeitet und somit gesundheitlich bedenklich zu sein. Diese Annahme sei nicht wissenschaftlich hergeleitet, nannten der Wissenschaftler ein Beispiel. Nicht der Verarbeitungsgrad sei ausschlaggebend für den gesundheitlichen Mehrwert eines Produkts, sondern vielmehr dessen Nährstoffgehalt. Der Nutri-Score könne Verbrauchern hier als nützliche Orientierung dienen. 

Deutschland größter Markt für pflanzliche Alternativen

Deutschland ist mit 1,9 Milliarden Euro Umsatz größter EU-Markt für pflanzliche Alternativen. 2023 lag der Pro-Kopf-Absatz bei 5,1 kg Milch- und 0,8 kg Fleischalternativen. Dies entspricht 1 bis 2 Prozent des gesamten Tierproduktvolumens.

Das Gutachten enthält drei Szenarien bis 2045, die von einer Trendfortschreibung (40 kg Fleisch, 384 kg Milchprodukte pro Jahr; 20 kg Milch-, 3 kg Fleischalternativen) bis hin zu „stark beschleunigtem Wandel“ reichen.

Das letzgenannte Szenario bedeute eine Annährung des Konsums an die von der EAT-Lancet-Kommission vorgeschlagene Planetary-Health-Diet mit rund 20 Kilogramm Fleisch pro Kopf und Jahr und einer Halbierung der Milcherzeugung. Zugleich stiege der Konsum der Alternativen auf 77 kg beziehungsweise 16 kg.

Ungleichbehandlung bei Mehrwertsteuer beenden

Der Beirat erläutert in dem Gutachten, rein pflanzliche Alternativen würden voraussichtlich schon bald so günstig sein, dass sie eine breite Käuferschaft ansprechen und zunehmend nachgefragt werden. Die Experten warnen davor, Alternativen im Markt zu behindern. Ins Auge steche etwa eine Ungleichbehandlung bei der Mehrwertsteuer, die baldmöglichst beendet werden sollte. Derzeit gilt für viele Ersatzprodukte der volle Satz von 19 Prozent, für Fleisch und Milch der reduzierte Satz von 7 Prozent.

Pflanzliche und andere Alternativen zu Fleisch- und Milchprodukten etwa auf Basis von Soja, Getreide oder Gemüse könnten eine flexible, alltagstaugliche, schrittweise Verringerung des Konsums tierischer Produkte erreichen. Davon ist der WBAE überzeugt.

Breite Bevölkerungsgruppen ansprechen

Durch eine Vielfalt an Möglichkeiten sollten breite Bevölkerungsgruppen angesprochen und somit relevante Umwelt- und Gesundheitswirkungen erzielt werden, heißt es in dem Gutachten. Das eröffne Spielräume für die individuelle Ernährungsgestaltung, sei aber auch eine Herausforderung für das Miteinander. 

Die Nutztierhaltung habe global gesehen erhebliche Umweltwirkungen, die durch das prognostizierte Wachstum der Weltbevölkerung und damit auch der Zahl der Nutztiere noch verstärkt würden, heißt es in dem Gutachten. „Eine Verringerung des Konsums tierischer Lebensmittel wäre deshalb ein Beitrag zu einer nachhaltigeren Ernährung. Alternativprodukte können helfen, diese Reduktion im Alltag einfacher umzusetzen – ohne eine grundlegende Umstellung der Ernährung und somit auf einem niedrigschwelligen Weg“, lautet eine Kernaussage des Gremiums.

Beirat rät zu flexibler 3-R-Strategie

Der Beirat empfiehlt eine flexible 3-R-Stragegie (Reduce, Remix & Replace): 1. Portionsgrößen tierischer Produkte verringern, 2. Hybridrezepte einsetzen, 3. tierische Produkte ganz ersetzen.
So sollen Omnivore wie Veganer gleichermaßen abgeholt werden. Trotz aktuell geringer Kaufanteile berge die zahlenmäßig große Gruppe der Omnivore und Flexitarier erhebliches Potenzial: „Schon eine moderate Reduktion ihres Konsums tierischer Produkte hätte voraussichtlich einen größeren Gesamteffekt als ein möglicher Zuwachs an zum Beispiel Vegetariern“, erläuterten die Wissenschaftler. Alternativen können nach Einschätzung des WBAE helfen, den von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfohlenen Richtwert von maximal 300 g Fleisch pro Woche zu erreichen. 

Auch Gemeinschaftsverpflegung mit viel Potenzial

Die Mitglieder des Beirats sehen besonderes Potenzial in der Gemeinschaftsgastronomie und empfehlen, auch vermehrt angereicherte pflanzliche Alternativen in die Speisepläne zu integrieren. So könnten zum Beispiel pflanzliche Milchalternativen eine adäquate Alternative zu Kuhmilch darstellen, wenn sie mit Kalzium, Jod, Vitamin B2 und B12 angereichert seien. Das würde aus Sicht der WBAE-Mitglieder zu einer fairen Ernährungsumgebung und einer verbesserten Versorgung von vulnerablen Gruppen wie Senioren oder Kindern und Jugendlichen beitragen.

Forschung soll massiv gefördert werden

Das Gutachten betont: Alternativprodukte auf Basis von Pflanzen, modernen Fermentationsverfahren und der Zellkultivierung sind noch in einem frühen Entwicklungsstadium. Es brauche mehr öffentliche Innovationsförderung, damit das volle Potenzial dieser Technologien gehoben werde. Im Sinne eines innovativen Forschungs- und Entwicklungsfeldes für alternative Proteine empfiehlt der Beirat unter anderem ein langfristiges Zielbild für die Forschung, eine stärkere Grundlagenforschung und die Vernetzung der Akteure in einem gemeinsamen Research Hub. Ein Research Hub ist eine Plattform oder ein Zentrum, das die Zusammenarbeit und den Austausch von Forschern fördert – oft über Disziplinen, Institutionen oder sogar Länder hinweg. 

Rainer: Keine Vorgaben für die Konsumenten

Die Gutachter raten ferner dazu, Unternehmen bei der Erstellung von Zulassungsanträgen stärker zu unterstützen, rechtssichere Verkostungsmöglichkeiten für neuartige Lebensmittel zu schaffen sowie die konkrete Umsetzung des europäischen Zulassungsverfahrens kontinuierlich zu beobachten und zu evaluieren.

Bundesminister Rainer sagte bei der Entgegennahme des Gutachtens: „Ziel der Bundesregierung ist es, vielseitiges und ausgewogenes Essen zu stärken, ohne den Konsumenten Vorgaben zu machen. Verbraucher sollen nach ihren Präferenzen entscheiden können und jeweils ein gutes Angebot vorfinden. Dabei werden wir die Verbraucher durch Information und klare Kennzeichnung unterstützen.“

Koalitionsvertrag enthält bereits klare Aussagen

Das neue Gutachten zeige, welche Rolle Alternativprodukte spielen könnten. Ihm sei es wichtig, das eine nicht gegen das andere auszuspielen, so der CSU-Politiker. Er verwies auf den Koalitionsvertrag. In dem sei bereits vereinbart worden, den heimischen Anbau von Eiweißpflanzen sowie die Entwicklung und Markteinführung nachhaltiger alternativer Proteine zu stärken. Die Land- und Ernährungswirtschaft solle für diesen wachsenden Markt gut aufgestellt und eine EU-Proteinstrategie unterstützt werden, erläuterte Rainer.

BALpro sieht Rückendeckung durch die Wissenschaft

Der Bundesverband für Alternative Proteinquellen (BALPro) begrüßt die wissenschaftliche Rückendeckung und unterstützt die Forderungen nach einheitlichen Mehrwertsteuersätzen, schnelleren Novel-Food-Verfahren und dauerhaft angelegten Förderprogrammen.

Fabio Ziemßen, Vorstandsvorsitzender des Verbandes, erklärt im Gespräch mit der Lebensmittel Praxis: „Das Gutachten erkennt die wirtschaftlichen Potenziale des Bereichs der Alternativen Proteine für einen nachhaltigen Lebensmittelsektor an und betont zugleich: Es geht darum, alle an einen Tisch zu bringen, auf alle Bedürfnisse einzugehen, ohne Diskriminierung der Produktkategorien.“

Sein Appell: „International wird Deutschland oft als Vorzeigeland genannt, weil sich der Markt hier nicht nur gut entwickelt hat, sondern auch, weil unsere Produkte im Supermarkt eine hohe Prominenz genießen. Wir sollten diese Vorreiterrolle nutzen, um uns als Innovationsstandort im Ausland besser zu präsentieren. Die Lebensmittelwirtschaft von morgen ist bunter und diverser und spiegelt wider, dass alle Parteien am gemeinsamen Tisch gleichermaßen bedient werden.“

Für die Mitgliedsunternehmen des Verbandes sieht Ziemßen folgende Signale: „Das Gutachten zeigt unseren Mitgliedern, dass wir nicht nur auf dem richtigen Kurs sind, sondern auch klare Signale aus der Wissenschaft erhalten. Diese zeigen, dass wir erfolgreich sind, wenn wir nicht ideologisieren, sondern das Beispiel des gemeinsamen Tisches nutzen, um unsere Produkte langfristig in einer vielfältigen Ernährungslandschaft zu positionieren. Zweitens: Die Rückendeckung des WBAE müssen wir nutzen, um die Mündigkeit der Bürger und die Wahlfreiheit zu fördern. Diese ist nur gegeben, wenn wir eine Gleichstellung der Steuersätze für Produkte des täglichen Bedarfs mit einem Schwerpunkt auf Milchprodukten erreichen. Drittens setzen wir uns für eine umfangreichere Förderung ein. Das bedeutet, dass bestehende Programme wie das Stakeholder-Forum der BLE oder die Anlaufstelle für die Eiweißpflanzenstrategie nicht nur fortgeführt, sondern auch verstärkt werden müssen. Viertens ist es wichtiger denn je, einen interdisziplinären Ansatz von der Landwirtschaft bis zum Handel zu verfolgen. Dass die Landwirtschaft bei einer schrittweisen Anpassung von Produktionsprozessen nichts zu befürchten hat,  müssen wir noch stärker in unserem Narrativ verankern, ebenso wie die gesundheitlichen Aspekte, die im Gutachten betont werden.“

Rzegotta: Gutachten ist bestens geeignete Blaupause

Ivo Rzegotta, Senior Public Affairs Manager des Think Tanks Good Food Institute Europe, kommentierte das Gutachten: „Mit dem liegt nun eine Blaupause vor, wie sich der Koalitionsvertrag in konkrete politische Maßnahmen übersetzen lässt.“ Die Vorschläge zur Stärkung der Innovationsfähigkeit, zu einer transparenten und effizienten Regulierung und zur Sicherstellung eines fairen Wettbewerbs seien „bestens geeignet, um Deutschlands Rolle als Innovationsmotor in diesem Bereich zu stärken“. Daher sollte die Bundesregierung diese Vorschläge nun aufgreifen und zu einem wesentlichen Teil ihrer politischen Agenda machen, forderte Rzegotta.

ProVeg hebt Mehrwertsteuer-Frage hervor

Die Ernährungsorganisation ProVeg hebt in ihrer Stellungnahme das Steuer-Thema hervor. Erst kürzlich haben der Lebensmitteleinzelhändler Rewe sowie die Hersteller vly, Berief und Oatly eine gemeinsame Petition für die Angleichung des Mehrwertsteuersatzes gestartet. ProVeg unterstützt diese Initiative und und sieht darin ein klares Zeichen für eine zukunftsorientierte Lebensmittelpolitik. „Eine Angleichung der Mehrwertsteuer auf pflanzliche Milchalternativen an das Niveau ihrer tierischen Pendants, so wie es bereits in Portugal und Frankreich der Fall ist, wäre ein großer Schritt in Richtung des im Koalitionsvertrag festgehaltenen Ziels zur Förderung alternativer Proteine.“ Das betont Simon Handschuh, Referent für Politik bei ProVeg.

 

 

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