Nachfrageverschiebung Weniger Hunger, kleinerer Warenkorb – wie die Abnehmspritze die Branche umkrempelt

Medikamente werden auch in Deutschland Millionen Menschen die Lust auf manche Lebensmittel nehmen. Wie sich Händler und Hersteller darauf jetzt einstellen können.

Dienstag, 17. Februar 2026, 07:40 Uhr
Tobias Dünnebacke
Bildquelle: Illustration: Lebensmittel Praxis (mit Unterstützung durch KI, Foto des Schokoriegels von Getty Images)

In rund 30.000 deutschen Haushalten wird ganz genau Buch geführt: Jede Packung Joghurt, jeder Schokoriegel und jede Dose Fertigsuppe wandern über die Scanner der Marktforscher von Yougov. In einigen dieser Haushalte wandelt sich das Bild langsam, aber ziemlich sicher: Wo früher Limonaden, Fruchtsäfte und Smoothies gekauft wurden, sind jetzt eher Kräutertee und Sportgetränke in der Einkaufstüte.

Einige Beobachter sind sich sicher, das seien Vorboten einer Transformation, frühe Nebenwirkungen des Siegeszugs einer neuen Medikamentengattung: der Abnehmspritze. Denn die habe das Potenzial, die Nachfrage nach ganzen Warengruppen in deutschen Supermärkten zu verschieben.

Die Medikamente imitieren das körpereigene Hormon GLP-1 und sorgen so für ein frühzeitiges Sättigungsgefühl. Einige Folgen für die Lebensmittelbranche sind offensichtlich: Wer weniger Hunger hat, lässt sich nicht so schnell zum impulsiven Griff in das Chips- oder Schokoregal verleiten. Manche Nutzer berichten von regelrechtem Ekel gegenüber Fettigem und Zuckerhaltigem. Wer sich die Abnehmspritze setzt, greift eher zu kleinen Portionen, Proteinen und Produkten mit hoher Nährstoffdichte.

Händler und Hersteller stellt das vor die Frage: Droht ein leiser, aber dauerhafter Volumenverlust in den klassisch kalorienreichen Genussregalen? Und gibt es auch hier, wie so oft bei Veränderungen, Chancen – etwa auf eine Ära des neuen, kleinen Hungers, der die Konsumenten weniger essen, aber hochwertiger und teurer kaufen lässt? Experten sind sich einig, dass das Thema nicht ignoriert werden kann. „GLP-1 wird auch in Europa ein Massenmarkt, wenn die Preise für die Medikamente fallen“, sagt Alexander Belderok, Partner bei der Unternehmensberatung Roland Berger.

Welches Potenzial hinter den Abnehmspritzen steckt, zeigt auch ein Blick nach Amerika. Für die beiden führenden Anbieter, Novo Nor­disk und Eli Lilly, ist das Geschäft mit den Produkten unter Marken wie Ozempic, Wegovy und Mounjaro dort eine Goldgrube. Die Analysten von Goldman Sachs gehen allein für die Vereinigten Staaten von einem Marktpotenzial von rund 70 Milliarden US-Dollar aus. Prominente wie Oprah Winfrey und Elon Musk stehen offen dazu, mit den Appetithemmern abgenommen zu haben. Nicht zuletzt das hat die Spritzen salonfähig gemacht. Laut Zahlen von Mintel und Euromonitor nutzten im Jahr 2025 rund 18 Prozent der US-Verbraucher entsprechende Produkte. Ein Jahr zuvor waren es noch 10 Prozent.

In Deutschland sehen die Zahlen noch anders aus. „Die Amerikaner sind uns voraus. Wir können Tendenzen sehen, wohin der Trend gehen könnte“, sagt Anna-Katharina Kraus von Yougov. Sie hat Zugriff auf das Panel mit 30.000 Haushalten und weiß daher ziemlich genau: Hierzulande nutzen bereits 2 Millionen Haushalte Abnehmspritzen, weitere 2 Millionen sind offen dafür – Tendenz steigend.

Abnehmspritzen werden schon in 5 Prozent der Haushalte genutzt

Nachahmerprodukte kommen

Viel deutet darauf hin, dass sich 2026 entscheiden wird, ob GLP-1-Medikamente auch in Europa einen Massenmarkt begründen. Noch sind viele Interessierte von den Preisen abgeschreckt: Eine Behandlung kann im Monat bis zu 300 Euro kosten. Stand heute übernehmen die Krankenkassen die Rechnung nur im Rahmen einer Diabetes-Erkrankung, nicht aber bei dem Wunsch, Gewicht zu verlieren. Doch es ist absehbar, dass die Spritzen weit günstiger werden. Die Patente für den Wirkstoff Semaglutid laufen in diesem Jahr unter anderem in Indien und China aus. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis günstigere Nachahmerprodukte auch auf den europäischen Markt kommen. Experten halten es für realistisch, dass die Preise dann auf ein Viertel des heutigen Niveaus sinken. Die Spritze dürfte in Zukunft also kaum teurer als die monatliche Gebühr für ein Fitnessstudio sein.

Zudem steigt die Bereitschaft der Bundesbürger, für die eigene Gesundheit mehr Geld auszugeben. „Die Deutschen waren es lange gewohnt, dass die Krankenkassen Kosten, auch für die Prävention, übernehmen. Jetzt lernen sie langsam, auch selbst Geld für ihre eigene Gesundheit zu investieren, zum Beispiel über Proteinpulver oder Nahrungsergänzungsmittel. Hier ändert sich grundlegend etwas“, sagt Kraus von Yougov in Anlehnung an das, was derzeit als „Longevity“-Trend bezeichnet wird. Die Bereitschaft wachse, auch die Abnehmspritze zu nutzen. „Unter den Inte­ressierten sind eher jüngere Haushalte, bei denen das Thema Selbstoptimierung einen hohen Stellenwert hat“, berichtet Kraus.

Lesen Sie auch das Interview mit Jonny Forsyth, Senior Director Food & Drink beim Marktforschungsunternehmen Mintel mit Sitz in London.

Und selbst für jene, die Angst vor Nadeln haben, gibt es bald ein Angebot – denn die Pharmakonzerne entwickeln GLP-1-Medikamente in Pillen-Form. Novo Nordisk hat als erster Hersteller vor wenigen Wochen in den USA eine Wegovy-Tablette auf den Markt gebracht. Das vergrößert den potenziellen Nutzerkreis enorm: In Deutschland leiden Studien zufolge rund 30 Prozent der Menschen mindestens an einer latenten Angst vor Injektionen mit der Nadel.

„Die GLP-1-Tablette wird das Wachstum definitiv ankurbeln“, ist denn auch der Analyst Jonny Forsyth von Mintel überzeugt (Interview auf Seite 20). Bei aller Euphorie warnt er aber auch: Mit steigender Bekanntheit würden auch die Tücken der Abnehmspritzen stärker in den Fokus rücken. „Besonders in den USA denken viele: ‚Super, ich nehme einfach diese Spritze oder Pille und meine Probleme sind gelöst‘“, sagt der Experte. Nutzer müssten aber unbedingt Sport treiben und sich gesünder ernähren. Sonst droht die Schwächung der sogenannten mageren Muskelmasse – ein besonders im höheren Alter gesundheitliches Risiko. Hinzu kommt der Jo-Jo-Effekt: Wer das Medikament einmal absetzt, nimmt schnell wieder an Gewicht zu.

Wenn der Absatz von appetithemmenden Medikamenten und damit das Sättigungsgefühl der Anwender steigt, sinkt der Konsum von Lebensmitteln und Getränken – das ist keine Hypothese mehr, sondern gründlich erforscht: Aufgrund der hohen Nutzerzahl gibt es insbesondere aus den USA belastbare Zahlen über die Auswirkungen auf das Einkaufsverhalten der Abnehmspritzen-Klientel. Laut der Studie „The No-Hunger Games“ von der Cornell University geben gut verdienende US-Haushalte mit mindestens einem GLP-1-Nutzer bis zu 9 Prozent weniger für Essen und Trinken aus.

Die Medikamente sorgen aber nicht nur für kleinere Warenkörbe, sondern beeinflussen auch das, was im Einkaufswagen landet. Viele Nutzer berichten, dass ihnen fettige Speisen nicht mehr schmecken und Süßigkeiten oft als zu süß wahrgenommen werden. Bereits heute zeigt sich, dass Verwender der Abnehmspritze in den USA für salzige Snacks, Süßwaren und Softdrinks deutlich weniger ausgeben (siehe Grafik). Die Analysten von Morningstar und Euromonitor gehen von einem potenziellen Umsatzverlust von bis zu 8 Milliarden US-Dollar in den Vereinigten Staaten bis 2031 in diesen Produktgruppen aus. „Ein dauerhafter Volumenrückgang in klassischen Genuss- und Alltagssortimenten ist plausibel“, sagt auch Esther Liesenberg, Partner und Konsumgüterexpertin bei Alix Partners, gegenüber der Lebensmittel Praxis.

Weniger Heißhunger bei GLP-1-Nutzern

Wann reagiert die Lebensmittelindustrie?

Angesichts dieser Erkenntnisse ist es überraschend, wie überschaubar das Angebot der Konsumgüterindustrie für die Millionen GLP-1-Verwender ist. Solche Innovationen der Markenartikelindustrie muss man hierzulande mit der Lupe suchen. „Zum aktuellen Zeitpunkt sind wir in diesem Markt noch nicht tätig“, heißt es dazu beispielsweise von Dr. Oetker auf Nachfrage. Eine Sprecherin des Bielefelder Konzerns erklärt aber auch, dass man beobachte, wie Verbraucher mit diesem Thema umgehen, ob sich ihre Ernährungsweisen vor dem Hintergrund der Diätspritzen verändern und welche Anforderungen sie an diese Produkte stellen.

Auch sonst hat praktisch kein Hersteller auf dem deutschen Markt Produkte im Sortiment, die sich gezielt an GLP-1-Verwender richten. Mintel-Experte Jonny Forsyth aus Großbritannien beobachtet denn auch, dass die Konsumgüterindus­trie nur sehr langsam Interesse an dem Thema entwickele. Britische Handelsketten hingegen hätten sehr schnell mit eigenen Produkten auf den GLP-1-Trend reagiert, was die Markenhersteller überrascht habe. Ist der Handel also mittlerweile der bessere Trendscout?

Patrick Schlüter, Geschäftsleiter der Globus-Markthalle in Koblenz, kann man mit Fug und Recht als solchen bezeichnen: Der Kaufmann ist bekannt dafür, in Sachen Trends gerne vor der Welle zu schwimmen und frühzeitig auf aktuelle Entwicklungen zu reagieren. Auch er erkennt noch keine Bewegung seitens der Markenhersteller. Auch ohne Angebot der Industrie habe er aber die Chance, das Thema aktiv zu gestalten, mit mehr zucker- und fettarmen Produkten, kleineren Verpackungen sowie Regalkommunikation und Sonderplatzierungen, sagt er. Schlüter ist überzeugt: Das Volumen in bestimmten Kategorien wie Süßwaren und Fertiggerichten wird zurückgehen.

Der Trend hin zur Abnehmspritze sei zwar eine Chance, dass bewusster Genuss von höherwertigen Lebensmitteln in den Mittelpunkt rücke. „Im Ergebnis jedoch wird das den Volumenrückgang nicht kompensieren“, warnt Schlüter im Gespräch mit der LP. Der Händler plant, erste Testversuche mit Sonderplatzierungen in diesem Jahr zu starten. „Mittelfristig, also für einen Zeithorizont von drei bis fünf Jahren, glaube ich an einen Massenmarkt, weil Übergewicht ein wesentlicher Auslöser für viele Krankheiten ist“, sagt der Koblenzer Händler über die Abnehmspritze.

Drei Fragen an ...

Alexander Belderok, Managing Partner bei Roland Berger

Bleibt der Trend zu GLP-1?

Da fast die Hälfte der europäischen Erwachsenen übergewichtig ist, gibt es hier ein großes Potenzial für Medikamente zur Gewichtsgewinnung. Sobald orale Produkte verfügbar sind und preislich auf dem Niveau einer Premium-Fitnessstudio-Mitgliedschaft liegen, wird GLP-1 zu einem Massenmarkt werden.

Was raten Sie dem Handel?

Sie müssen ihre Sortimente anpassen, um den Bedürfnissen der GLP-1-Nutzer und dem breiteren Trend zu einem gesunden Lebensstil gerecht zu werden. Dazu gehört das Angebot kleinerer Portionsgrößen, protein- und ballaststoffreicher Alternativen sowie Hydratationslösungen.

Was heißt das für Hersteller?

Die Volumina in Genusskategorien werden reduziert, während die Nachfrage nach funktionellen Produkten steigt. Obwohl das Volumen sinken mag, könnten die Ausgaben stabil bleiben oder sogar steigen, da diese Verbraucher zu Premium wechseln.

Es gibt Chancen!

Schon jetzt ist abzusehen, welche Produkte im Handel stärker nachgefragt werden, wenn sich noch mehr Menschen die Abnehmspritze setzen. Hoch im Kurs steht bei den Anwendern das ohnehin schon im Trend liegende Protein. Forscher wissen: Bis zu 40 Prozent des während der Behandlung verlorenen Gewichts können auf Muskeln entfallen. „Das führt zu Kraftverlust, einem verlangsamten Stoffwechsel und einem höheren Verletzungsrisiko“, erklärt die Ernährungsberaterin Jennifer Rawlings in einem Beitrag der Marktforscher von The Food Institute aus Amerika. Neben Protein-Shakes, High-Protein-Quarks und Riegeln sorgen auch mageres Fleisch oder pflanzliche Proteine für einen Ausgleich.

Das zweite Thema ist die Nährstoffdichte. Wer weniger isst, braucht bei geringerer Menge mehr Eisen, Magnesium und andere wichtige Inhaltsstoff. Danone bietet auf dem US-Markt bereits den griechischen Joghurt Oikos in der Variante „Fusion“ gezielt für diesen Bedarf an. Der Trinkjoghurt soll in wenigen Schlucken das Nährstoff-Defizit ausgleichen, das durch den Appetitverlust entsteht. Auch Wettbewerber Nestlé hat mit Vital Pursuit eine erste Marke speziell für GLP-1-Nutzer auf den US-Markt gebracht. Die tiefgekühlten Pizzen und Bowls sind reich an Eiweiß und Ballaststoffen. Der Eishersteller Two Spoons bewirbt seine Marke ebenfalls explizit als „GLP-1-friendly“. Das Eis ist so entworfen, dass es die Nebenwirkungen der Spritzen wie Übelkeit bei Fett und Zucker umgeht und Muskelschwund entgegenwirkt. Doch bislang ist keines dieser Produkte in Deutschland gelistet.

Da eine häufige Nebenwirkung der Spritze eine verlangsamte Verdauung ist, greifen Nutzer außerdem häufiger zu Lebensmitteln, die den Darm unterstützen, wie Vollkornprodukte oder Flohsamenschalen. Bei Getränken könnten jene Marken punkten, die den Mineralhaushalt stabil halten, beispielsweise Wasser mit angereicherten Vitaminen und dezentem Geschmack. „Es ergeben sich spürbare Chancen für kalorienreduzierte, funktionale und ‚Better for you‘-Produkte, da Gesundheit, Wohlbefinden und Effizienz im Fokus stehen“, fasst Expertin Esther Liesenberg von der Beratung Alix Partners zusammen.

Außerdem beobachten Analysten ein steigendes Interesse an dekorativer Kosmetik. Der Grund ist das sogenannte Ozempic Face: Wenn das Fettgewebe schnell schwindet, wirkt die Haut oft schlaff und eingefallen, was die Nachfrage nach Make-up ankurbelt. Die Marktforscher von Yougov raten vor allem, jetzt die jüngere Generation im Blick zu haben. Die heutigen Verwender von Abnehmspritzen in Deutschland seien vor allem ältere Konsumenten. Diabetes-Patienten mit relativ geringem Einkommen und wenig Willen, den eigenen Lebensstil trotz der Krankheit zu ändern. Die an GLP-1-Spritzen interessierte Gruppe sei dagegen jünger, stamme etwa aus der Millennials-Generation oder der bis 1980 geborenen Gen X. „Diese Gruppe zeigt großes Interesse an neuen Produkten und internationalen Spezialitäten“, sagt Yougov-Expertin Kraus.

Nur auf Rezept

In Deutschland unterliegen GLP-1-Präparate einer strikten Rezeptpflicht. Die medizinische Indikation für eine Verschreibung ist an klare Kriterien geknüpft, wie ein Body-Mass-Index (BMI) von mindestens 30. Alternativ ein BMI ab 27, sofern gleichzeitig gewichtsbedingte Vorerkrankungen wie Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen oder Typ-2-Diabetes vorliegen. Hinsichtlich der Kostenübernahme besteht eine deutliche Trennung zwischen medizinischer Notwendigkeit und kassenrechtlicher Einstufung. Obwohl die Behandlungskosten jährlich bis zu 4.000 Euro betragen können, leisten die gesetzlichen Krankenkassen eine Erstattung in der Regel nur bei einer diagnostizierten Diabetes-Erkrankung.

Krankenkassen zahlen nicht für Diät

„Angesichts der hohen Kosten von GLP-1-Präparaten ist eine vollständige Erstattung von Therapien für alle Menschen mit Adipositas in Deutschland – also etwa 20 Prozent der Erwachsenen – derzeit nicht realistisch“, sagt Iryna Scheurlen, Expertin bei der Beratung Strategy& Deutschland. Dies gelte besonders vor dem Hintergrund der bereits bestehenden erheblichen finanziellen Belastungen der Krankenkassen.