Nach sechs Jahren beendet die Verbraucherinitiative „Du bist hier der Chef!“ ihre Arbeit zum Jahreswechsel. Der Versuch, Verbraucher an der Gestaltung von Produkten demokratisch zu beteiligen, sei vor allem am Handel gescheitert, teilte die Initiative mit. „Trotz nachgewiesener Nachfrage, 2,8 Millionen verkaufter Produkte und fairer Preise für Landwirte blieb die deutschlandweite Listung durch große Handelsketten aus“, heißt es in der Mitteilung. „Die Initiative gibt nun ihr gesamtes Wissen open-source weiter – als ,Kompost' für die nächste Generation demokratischer Lebensmittel.“
Die Zahlen sprechen aus Sicht der Initiatoren eine klare Sprache: Über 35.000 Verbraucher haben den Angaben zufolge Produkte demokratisch mitgestaltet, 50.000 Menschen aktiv partizipiert. Die Verbraucher-Milch habe Landwirten durchschnittlich 8,4 Prozent mehr gezahlt als der Bio-Marktdurchschnitt über 4,5 Jahre. Während der Inflationskrise 2022 stieg der Preis der Verbraucher-Milch dank transparenter Community-Abstimmung um nur 10 Prozent, während der Markt um 27 Prozent anzog. „Wir haben bewiesen, dass es funktioniert", sagt Nicolas Barthelmé, Gründer und Vorstand der Initiative. „Verbraucher sind bereit, für Transparenz und faire Erzeugerpreise zu zahlen. Landwirte bekommen endlich planbare Einkommen. Aber die dicken Türen des Handels blieben verschlossen.“
Die Initiative war 2019 in Eltville am Rhein nach dem Vorbild der französischen Initiative „C'est qui le patron?!“ als gemeinnütziger Verein und operative Unternehmensgesellschaft ins Leben gerufen worden.
Die Schaffung von Produkten funktionierte bei der Initiative nach folgenden Prinzipien:
- Co-Kreation (Produkt-O-Mat): Verbraucher entscheiden demokratisch über alle Produktkriterien, von Tierhaltung über Herkunft bis zum fairen Erzeugerpreis. Ein Frage-ntwort-Tool zeigt transparent, wie sich jede Entscheidung auf den Preis auswirkt.
- Transparente Preisbildung: Alle Kosten werden offengelegt, vom Acker bis zum Regal. Verbraucher sehen exakt, welcher Anteil bei den Landwirten ankommt.
- Partizipative Audits: Community-Mitglieder besuchen die Höfe und prüfen, ob die gewählten Kriterien eingehalten werden.
- Faire Erzeugerpreise: Landwirte erhalten garantierte Preise - finanziert durch bewusste Kaufentscheidungen der Verbraucher.
Mehr als einmal erlebte das Team hinter der Initiative nach eigenen Angaben dasselbe Muster: Anfängliche Begeisterung in Listungsgesprächen, gefolgt von Stillstand. „Das Konzept machte den Handel neugierig", erklärt Barthelmé. „Nach vielen Gesprächen war man sich einig: Das Thema ist wichtig. Doch die Angst den ersten Schritt in Richtung höherer Einkaufspreise und Preistransparenz zu wagen, lähmte viele Handelspartner.“
Die Initiative hatte gehofft, die Verfügbarkeit ihrer Produkte zu erweitern und neue Sortimente aufzubauen. „Wir konnten weder die Verfügbarkeit noch die Anzahl unserer Produkte elementar erhöhen“, bedauert Barthelmé. „Die Bereitschaft des Handels, sich aktiv am Aufbau eines neuen transparenten Sortiments an fairen Produkten zu beteiligen, blieb aus.“
Allerdings wird die Initiative nicht vollständig abgewickelt: Die sogenannte Verbraucher-Milch als Leuchtturm-Projekt der Initiative, bleibt in den bereits belieferten Märkten erhältlich, heißt es. Nicolas Barthelmé wird als 1. Vorsitzender des Vereins zum Jahreswechsel wieder ins Ehrenamt wechseln. Die Initiative soll von engagierten Verbrauchern weitergeführt werden.

