Generationswechsel „Jeder muss alles aussprechen dürfen“ – so gelingt die Nachfolge im Familienbetrieb

Auf der diesjährigen Tagung der MLF-Kaufleute dreht sich alles um das Thema Unternehmensnachfolge. Prominente Beispiele aus Handel und Industrie zeigen, wie sie gestaltet werden kann.

Mittwoch, 11. Juni 2025, 08:40 Uhr
Heidrun Mittler
Nachfolge im Lebensmittelhandel – so gelingt der Generationswechsel im Familienunternehmen
„Andere Unternehmen denken in Quartalen. Wir bei Dr. Oetker aber denken in Generationen.“ Carl Oetker, persönlich haftender Gesellschafter und CEO Oetker
Wann ist der Nachwuchs bereit, Verantwortung zu übernehmen? Bildquelle: Getty Images, Reinhard Rosendahl

Das teuerste und liebste Kapital der MLF-Kaufleute ist schon einen Tag vor den mittelständischen Lebensmittel-Filialisten nach Gütersloh gereist: Töchter und Söhne, allesamt junge Kaufleute, treffen sich schon am Vortag der Jahrestagung. Über 40 angehende Jungunternehmer diskutieren dabei im eigenen Zirkel über ihre Geschäftsideen und holen sich Inspiration im Kollegenkreis.

Am Tag danach stoßen sie zur Gruppe der etablierten Kaufleute und Lieferanten, die ihre Frühjahrstagung bei den Gastgebern Edeka Schenke veranstalten. Dann zeigen sich die stolzen Eltern mit ihrem Nachwuchs: Peter Wehrmann strahlt als leuchtendes Vorbild in die Runde, er ist schließlich in Begleitung von gleich vier seiner fünf Kinder nach Gütersloh gekommen. Bei ihm ist der Generationswechsel schon in vollem Gang, ebenso bei den Gastgebern Schenke. Auch bei allen anderen Teilnehmern stand oder steht das Thema Übergabe an, vielleicht bald, vielleicht in den nächsten Jahren. Alle Beteiligten treiben die gleichen Fragen um. Wie gelingt es, den Übergang möglichst geräuschlos zu gestalten? Was ist nötig, um mein Unternehmen zukunftssicher aufzustellen? Welche Fehler muss ich vermeiden, wo bekomme ich Unterstützung, fiskalischen und juristischen Rat? Das Motto der Tagung „Familienbande – Zusammenhalt als Erfolgsfaktor“ prägt den Kongress mit mehr als 420 Teilnehmern von der ersten Minute bis zur Verabschiedung.

Impulse durch einen Beirat

„Glück muss man sich erarbeiten“, lautet das Credo von Reiner Schenke, der in dritter Generation Einzelhandel betreibt. „Unsere Söhne geben uns Stabilität“, sagt er in der Podiumsdiskussion mit Blick auf seine Frau Jeannette. Die beiden regeln ihre Nachfolge zurzeit und haben dazu – neben vielen anderen Schritten (siehe Interview LP 9) – einen Beirat gegründet. Die Sicht von außen auf die Firmenentwicklung soll zusätzliche Impulse bringen. Im Podiumsgespräch mit den Händlern Friedhelm Dornseifer, Hubert Wilger, Schenke-Sohn Janik sowie dem Rapunzel-Geschäftsführer Leonhard Wilhelm werden Leitlinien für eine erfolgreiche Übergabe besprochen.

Hier die Kurzfassung: Der Prozess muss frühzeitig starten, etwa wenn die Eltern noch zehn Jahre in der Geschäftsführung vor sich haben. Wichtig sind zum einen ein kompetenter Steuerberater, zum anderen ein fähiger Anwalt, der die Verträge ausarbeitet. Das Entscheidende aber fasst Janik Schenke zusammen: „Alle Beteiligten müssen sich in ihrer Rolle wohlfühlen. Jeder muss alles aussprechen dürfen!“

Viele Nachfolger, viele Fragezeichen

Ein Familienunternehmen betreibt auch Carl Oetker, allerdings in anderem Umfang. Er spricht für Dr. Oetker, ein Unternehmen, das weltweit über 4,3 Milliarden Euro umsetzt. In Deutschland arbeiten rund 7.000 Mitarbeiter für den Nahrungsmittelkonzern, der 10.000 Produkte herstellt und vertreibt. Der Ururenkel des Firmengründers erläutert seine Wertvorstellung: Er möchte den Kunden „ein Gefühl von zu Hause geben“. Dabei denkt er „nicht in Quartalen, sondern in Generationen“. Abends öffnen Oetker und Deutschland-Chefin Doris Abeln die Türen der Oetker-Welt und geben Einblick in Versuchsküche und Produktentwicklung: Die Meinung der MLFler lautet unisono: Zwischen Pizza und Puddingpulver lässt sich prima feiern!

„Langfristiges Handeln und Denken“ ist auch das, was Melitta ausmacht. Matthias Rensch, Geschäftsführer Melitta Europa, und Christoph Schülermann, zuständig für den Geschäftsbereich Kaffee, legen dar, wie das von Amalie Auguste Melitta Bentz gegründete Unternehmen („Startkapital im Jahr 1908: 72 Reichspfennige“) es zu einem der Top-Arbeitgeber in Deutschland geschafft hat. Rensch schildert viele Services wie Paketannahme oder die Möglichkeit für Mitarbeiter, sich Essen aus der Kantine für abends mitnehmen zu können. Zudem können sich Melitta-Mitarbeiter bei privaten Problemen und Sorgen an einen externen Dienstleister wenden. Dieser unterstützt etwa bei der Vermittlung von Kitaplätzen oder Facharztterminen.

In der Geschäftsführung ist heute neben anderen Jero Bentz aus der vierten Generation aktiv. Weder Rensch noch Schülermann gehören von Geburt an in diesen Kreis. Doch beide Manager fühlen sich als Teil der „Melitta-Familie“ und signalisieren das allein schon durch die Auswahl ihrer Kleidung: Sie treten mit knallroten Hoodies und Sneakern auf, unübersehbar mit Melitta-Logo.

Dr. Markus Miele ist in die Fußstapfen seines Urgroßvaters getreten, der mit seinem Mitstreiter Reinhard Zinkann den Gerätehersteller Miele gegründet hat. Beide Familien sind stetig gewachsen, mittlerweile gibt es 80 Gesellschafter aus den beiden Stammhäusern, vier davon sind in der Geschäftsführung tätig. Die Größe des Kreises der Erben rückt eine Frage in den Vordergrund: Wer will und wer ist geeignet, die Nachfolge anzutreten? Der Firmenchef, unter anderem studierter Wirtschaftsingenieur, gibt spannende Einblicke, wie die Zukunft von Haushalt, Küche und Kochen aussehen kann. Die ersten Backöfen sind bereits vernetzt und können autonom arbeiten: Die Geräte sehen, wie die Pizza im Ofen bräunt und wann sie fertig ist.

Einen Lehrstuhl, der sich speziell mit der Nachfolge in Familienunternehmen beschäftigt, hat Christina Hoon, Professorin an der Uni Bielefeld, inne. „Seien Sie stolz darauf, dass Sie hier netzwerken können!“, ruft sie ins Publikum. Ihr Ziel ist es, Top-Talente in den Familienunternehmen und in der Region zu halten. Hoon weiß: „Radikale Lösungen funktionieren nicht.“ Laut Expertin gibt es kein einfaches Rezept, schließlich gehe es um „Geld, Macht und Liebe“. Deshalb stellt die Nachfolge kein rein unternehmerisches Phänomen dar, sondern besonders ein soziales. Wichtig ist auch, dass die Altersvorsorge der Elterngeneration gesichert ist. Ihr Rat an die Familien: Formulieren Sie eine Stellenausschreibung, in der steht, was Ihr Nachfolger können muss! Haben Sie einen geeigneten Kandidaten in den eigenen Reihen? Falls nicht, so Hoon, kann „ein Co-Leadership gut funktionieren“.

Die Herbsttagung der MLF-Kaufleute findet bei den Familien Boßler und Georg statt: Vom 5. bis 8. Oktober 2025 tagen die Kaufleute in der mondänen Kurstadt Wiesbaden. Das Motto im Herbst lautet: „Echt hessisch – vom Taunus bis zum Odenwald.“

Bilder zum Artikel

Bild öffnen „Andere Unternehmen denken in Quartalen. Wir bei Dr. Oetker aber denken in Generationen.“ Carl Oetker, persönlich haftender Gesellschafter und CEO Oetker
Bild öffnen „Unser Ziel ist es, die Arbeit im Haushalt zu reduzieren und möglichst angenehm zu gestalten.“ Dr. Markus Miele, geschäftsführender Gesellschafter Miele
Bild öffnen „Ob es ein Unternehmer-Gen gibt? Jedenfalls ist es nicht mit wissenschaftlichen Methoden nachweisbar.“ Prof. Dr. Christina Hoon, Universität Bielefeld

Anzeige

analytica 2026

analytica: die ganze Welt des Labors

Die Weltleitmesse für Labortechnik, Analytik, Biotechnologie und die analytica conference vom 24. bis 27. März 2026 in München.
Mehr erfahren

Neue Produkte

Regional-Star 2025 - Die Nominierten