David Hegemann, selbstständiger Rewe-Kaufmann mit rund 88.000 Followern auf Instagram, beschreibt Social Media als Chance, seinem Markt ein Gesicht zu geben. Zwar brächten Follower aus München keine direkte wirtschaftliche Wirkung für seinen Düsseldorfer Standort, doch sie öffneten andere Türen – etwa bei gesellschaftlichen Themen wie Inklusion. Hegemann betont auf der Bühne des Branchenwettbewerbs Supermarkt des Jahres der Lebensmittel Praxis: „Inklusion ist mein Herzensthema.“ Aktionen wie die „Stille Stunde“ – eine verkaufsarme Zeit für Menschen mit Reizempfindlichkeit – sind Beispiele für solche Initiativen, die durch Social Media Aufmerksamkeit weit über den Markt hinaus erhalten.
„Wir sind nicht Taylor Swift“
Gleichzeitig gilt auch: „Wir sind nicht Taylor Swift“, sagt Ulrike Jakobi, Edeka-Kauffrau aus Bensheim. Doch genau diese Bodenständigkeit ist ihr Vorteil. Ihre Videos zeigen Geschichten aus dem Marktalltag – etwa den Karriereweg eines Mitarbeiters, der vor Jahren, wie er selbst sagt, sich in seinem „Anfänger-Deutsch“ bei den Jakobis beworben hatte. Die Reaktionen auf solche Inhalte sind unmittelbar. Auch Hegemann bestätigt: „Ich bekomme jeden Tag Anfragen von Menschen, die bei mir arbeiten möchten.“
Beide Kaufleute setzen auf eine persönliche Note. Hegemann beantwortet jede Nachricht selbst – mehrere Hundert am Tag. Jakobi produziert mit Unterstützung einer Marketingmitarbeiterin, Hegemann betreibt den Kanal neben dem operativen Geschäft. Der Aufwand zahlt sich aus: Kundennähe entsteht, Mitarbeitende werden auf der Straße erkannt, Gewinnspiele binden Follower langfristig, und selbst spontane Ideen können viral gehen.
Mitarbeiter sind in aller Regel gerne dabei
Alle Mitarbeitenden, die auf den Kanälen zu sehen sind, müssen vorher schriftlich ihre Zustimmung geben. „Ich hatte mal den Fall, dass ein Mitarbeiter seine Zustimmung widerrufen hat und wollte, dass wir seine Erwähnung entfernen. Das habe ich dann auch gemacht“, sagt Hegemann. Normalerweise sind die Mitarbeiter jedoch stolz und froh, dabei zu sein.
Social Media birgt jedoch auch Risiken. Hegemann berichtet von einem Shitstorm, nachdem er versucht hatte, Fleisch aus besseren Haltungsbedingungen anzubieten und dazu einen Bericht veröffentlichte. „Ich war super stolz darauf, habe es gepostet und dann den Shitstorm meines Lebens kassiert.“ Die teils hasserfüllten Reaktionen zeigen: Sichtbarkeit macht angreifbar. Umso wichtiger ist es, sich authentisch und reflektiert zu zeigen – und den Mut zu haben, dennoch neue Wege zu gehen.
Für beide Händler steht fest: Social Media ist kein reiner Marketingkanal, sondern ein persönlicher. Der Schlüssel liegt nicht in Perfektion, sondern im echten Erleben. Oder wie Jakobi sagt: „Trauen Sie sich und probieren Sie es aus! Und man braucht nicht unbedingt ein großes Marketingbudget dafür.“
