Der Arbeitsmarkt steht vor einem paradoxen Befund: In Deutschland gibt es rund 1,2 Millionen offene Stellen – gleichzeitig sind etwa 2,8 Millionen Menschen arbeitslos. „Das wirft Fragen auf“, sagt Marc Nissen. „Haben diese Menschen nicht die passenden Fähigkeiten für die offenen Stellen, oder suchen die Unternehmen nach den falschen Qualifikationen?“ Für den Einzelhandel sei das besonders relevant, denn hier fehle es an Flexibilität. Viele Arbeitgeber suchten noch immer nach klassischen Jobtiteln wie der Einzelhandelskauffrau oder dem Einzelhandelskaufmann, statt nach Kompetenzen.
Nissen plädiert dafür, sich stärker auf sogenannte „Skills“ zu konzentrieren – also auf das, was Menschen wirklich können. Der Begriff „Skill-based Hiring“ beschreibt genau das: Unternehmen stellen Menschen auf Basis ihrer Fähigkeiten ein, nicht aufgrund ihrer formalen Qualifikation. „Besonders im Handel gibt es viele Erfolgsgeschichten von Quereinsteigern. Das zeigt, dass Offenheit gegenüber neuen Wegen funktioniert“, sagt Nissen.
Die Herausforderung liegt auch darin, dass sich die gefragten Fähigkeiten ständig verändern. Technologische Kompetenzen, etwa im Umgang mit Künstlicher Intelligenz, gewinnen an Bedeutung. Gleichzeitig rücken menschliche Fähigkeiten – Kommunikation, Teamarbeit, Empathie – stärker in den Vordergrund. „Das ist eine positive Entwicklung, weil sie zeigt, dass der Mensch in der Arbeitswelt weiterhin zählt“, betont Nissen.
Trotzdem ist die Wechselbereitschaft am Arbeitsmarkt historisch niedrig. „Wir arbeiten mit dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung zusammen und sehen, dass die Menschen vorsichtig sind“, erklärt Nissen. „Das liegt an der wirtschaftlichen Unsicherheit. Viele wollen kein Risiko eingehen.“ Für den Handel sei das einerseits ein Vorteil, weil Beschäftigte bleiben. Andererseits könne das zu Trägheit führen. „Es wäre ein Fehler zu glauben, Mitarbeiter bleiben einfach so. Niemand bleibt mehr 40 oder 45 Jahre im selben Unternehmen“, so Nissen. In den letzten 15 Jahren habe sich die Wechselbereitschaft insgesamt sogar verdoppelt – allerdings von einem sehr niedrigen Niveau aus.
Generation Z erwartet Sinn
Der Einzelhandel habe viele gute Argumente, warum es sich lohnt, in der Branche zu arbeiten. „Aber diese Geschichten werden zu selten erzählt“, sagt Nissen. „In der Tech-Branche denkt jeder, die Vorteile seien offensichtlich. Das ist im Handel ähnlich. Doch es reicht nicht, das vorauszusetzen. Unternehmen müssen klar kommunizieren, warum es großartig ist, bei ihnen zu arbeiten.“
Ein entscheidender Punkt ist für ihn die Generation Z, also jene Jahrgänge, die zwischen Mitte der 1990er und frühen 2010er Jahren geboren wurden. „Bis 2025 wird diese Generation bereits ein Viertel der weltweiten Erwerbstätigen ausmachen“, sagt Nissen. Für sie sei der „Purpose“, also der Sinn in der Arbeit, zentral. Hinzu kommen Weiterentwicklung und Weiterbildung. Der Einzelhandel könne hier punkten, wenn er diese Werte sichtbarer mache.
Ein weiteres Schlagwort, das Nissen anspricht, ist „Think Local“. In einem globalen Umfeld gewinne das Lokale an Bedeutung. „Das klingt nach einem Buzzword, aber im Handel ist es mit Leben gefüllt. Regionalität, Engagement vor Ort, Nachhaltigkeit – das sind Themen, die in der DNA des Handels liegen“, sagt Nissen.
KI und Weiterbildung als Zukunftsthema
Auch technologisch sieht er den Einzelhandel gut aufgestellt. „Der Handel ist bei der Nutzung von KI vorne mit dabei“, sagt Nissen. Künstliche Intelligenz könne etwa in der Logistik oder bei der Datenanalyse helfen, große Datenmengen zu bewältigen. Besonders in der Personalabteilung – kurz HR genannt – erleichtere sie Routinearbeiten wie das Durchsehen von Lebensläufen oder das Planen von Bewerbungsgesprächen. „Wir helfen Unternehmen, datengetriebener zu arbeiten und Kennzahlen zu definieren, die zeigen, wie erfolgreich ihre Personalstrategie ist.“
Nissen fordert, dass Unternehmen sich schon heute mit ihrer „Talentarchitektur“ beschäftigen – also mit der Frage, welche Fähigkeiten künftig benötigt werden. „Viele Unternehmen haben das nur in Excel-Tabellen abgebildet, aber nicht strategisch durchdacht“, sagt er. Bis 2030 werde sich das Bild der Arbeitswelt massiv verändern. Deshalb müsse Weiterbildung ein fester Bestandteil der Unternehmenskultur werden, kein Zusatzangebot.
„Post and Pray“ war gestern
Zudem brauche es einen Mentalitätswandel. „Wir müssen weg vom ‚Post and Pray‘, also dem Prinzip, eine Stellenanzeige zu veröffentlichen und dann auf Bewerbungen zu hoffen“, sagt Nissen. Stattdessen gelte es, aktiv Talente anzusprechen und langfristig zu binden. Führungskräfte sollten sich als „Talentmagnete“ verstehen, die ihre Erfolgsgeschichten teilen und damit neue Mitarbeiter gewinnen.
Für die Lebensmittelbranche heißt das: Wer im Wettbewerb um Talente bestehen will, muss den Sinn und die Perspektiven seiner Arbeit sichtbar machen – und offener werden für Menschen mit unkonventionellen Lebensläufen. „Der Einzelhandel hat alles, was es braucht“, sagt Nissen. „Er muss es nur erzählen.“
Die komplette Folge mit Marc Nissen hören Sie bei Regalplatz, dem Podcast der Lebensmittel Praxis – überall, wo es Podcasts gibt.


