Das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung verzeichnete in seiner neuen Arbeitskampfbilanz einen leichten Rückgang der Streikaktivitäten in Deutschland für das Jahr 2024. Die Studie zählte im vergangenen Jahr 286 Arbeitskämpfe, 26 weniger als im Vorjahr.
Kürzere durchschnittliche Dauer der Streiks 2024
Trotz der geringeren Anzahl an Streiks stieg die Zahl der Teilnehmer auf rund 912.000 Personen, ein Plus von 55.000 gegenüber 2023. Die arbeitskampfbedingt ausgefallenen Arbeitstage sanken jedoch deutlich von etwa 1,5 Millionen auf 946.000. Das Institut erklärt dies mit der kürzeren durchschnittlichen Dauer der Streiks im Jahr 2024.
Die Studie zeigt, dass die meisten Arbeitskämpfe auf Haus-, Firmen- oder Konzernebene stattfanden und nicht im Rahmen von Flächentarifverhandlungen. Als Grund dafür nennt das Institut den Rückzug vieler Unternehmen aus Flächentarifverträgen in den vergangenen Jahren. Gewerkschaften hätten daraufhin verstärkt versucht, Haustarifverträge abzuschließen.
Bei Streiks liegt Deutschland knapp vor den USA
Im internationalen Vergleich bleibt Deutschland laut der Studie ein Land mit relativ wenigen Streiktagen. Mit durchschnittlich 21 Ausfalltagen pro 1.000 Beschäftigte im Zeitraum 2014 bis 2023 liegt Deutschland im Mittelfeld, gleichauf mit den Niederlanden und knapp vor den USA. Zum Vergleich: In Kanada fielen im selben Zeitraum durchschnittlich 108 Arbeitstage pro 1.000 Beschäftigte aus.
Das Institut weist darauf hin, dass nicht alle Streiks erfolgreich für die Gewerkschaften enden. Als Beispiel nennt die Studie den gescheiterten Kampf um einen Tarifvertrag bei der Schrott- und Recyclingfirma SRW Metalfloat im Frühjahr 2024. Auch die langjährigen Auseinandersetzungen bei Onlinehändlern wie Amazon oder Zalando hätten bisher keinen Durchbruch gebracht.
Arbeitgeber suchen häufiger Gang zum Gericht
Die Forscher beobachten zudem, dass Arbeitgeber häufiger versuchen, Streiks durch Anrufung von Gerichten abzuwehren, anstatt zu verhandeln. Dies binde Ressourcen auf Seiten der Gewerkschaften und mache den Einsatz des Streiks als Druckmittel riskanter, so das Institut.
Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft hatte in einer eigenen Analyse für 2024 eine „hohe Konfliktbereitschaft“ festgestellt. Als Ursache sehen die Forscher hohe Lohnforderungen der Gewerkschaften in einem wirtschaftlich stagnierenden Umfeld. Die höchste Konfliktintensität stellten sie im Einzelhandel sowie im Groß- und Außenhandel fest, gefolgt von der Tarifrunde zwischen Deutscher Bahn und GDL.
