Podcast Wasgau – „das gallische Dorf des Lebensmittelhandels“

Hintergrund

Thomas Bings ist Vorstandssprecher eines der letzten unabhängigen Lebensmittelhändler in Deutschland. In der neuen Regalplatz-Folge erklärt er, wie Wasgau Regionalität und Eigenständigkeit umsetzt – und wie er die Diskussion über Frauen in Führungspositionen bewertet.

Montag, 28. Juli 2025, 14:51 Uhr
Elena Kuss

„Es geht darum, die wirtschaftliche Situation zu verbessern, nicht um die Anzahl der Frauen auf einem Foto“, sagt Thomas Bings, Vorstandssprecher der Wasgau. Beim „Made for Germany“-Gipfel in Berlin drehte sich alles um die Frage, wie Unternehmer den Wirtschaftsstandort Deutschland zukunftsfähig machen. Mit dabei: Rewe-Chef Lionel Souque und viele Vertreter aus Handel, Industrie und Politik. Für Diskussionen sorgte vor allem das Gruppenfoto: unter all den Männern waren gerade mal zwei Frauen zu sehen – Katharina Reiche von der CDU und Bettina Orlopp von der Commerzbank.

Im Lebensmitteleinzelhandel erreichen Frauen Führungspositionen vor allem auf den unteren Ebenen. Thomas Bings, Vorstandssprecher der Wasgau, sieht darin nicht per se ein Problem. Im Aufsichtsrat der Wasgau sei eine paritätische Besetzung Realität. Eine gesetzlich verordnete Frauenquote hält Bings für das falsche Instrument. Er setzt auf individuelle Förderung statt verbindlicher Vorgaben. Frauen seien im Unternehmen besonders als Marktverantwortliche stark vertreten. In höheren Führungsetagen sinke ihr Anteil deutlich. Gründe sieht Bings in gesellschaftlichen Rahmenbedingungen: Frauen unterbrächen ihre Karrieren häufiger für die Familie, arbeiteten öfter in Teilzeit und seien im beruflichen Alltag oft zurückhaltender. Diese strukturellen Nachteile beeinflussten die Sichtbarkeit und Aufstiegschancen. Gleichzeitig beobachtet Bings: „Viele Frauen wollen nicht Vollzeit arbeiten, wenn sie eine Familie haben.“ Der Lebensmitteleinzelhandel komme diesen Wünschen entgegen, stoße jedoch zugleich an Grenzen, weil der Bedarf an Arbeitskraft oft größer sei als die vertraglich vereinbarte Arbeitszeit.

In einem Mentorenprogramm habe Bings erlebt, dass Frauen vor allem für ihre Leistungen anerkannt werden wollten – nicht wegen ihres Geschlechts. Entscheidend sei, so Bings, dass diejenigen, die führen wollen und können, auch die Möglichkeit dazu erhalten. „Wir brauchen Offenheit und Durchlässigkeit für Frauen in Führungspositionen, aber auch die Anerkennung, dass Männer und Frauen nicht gleich sind“, sagt Bings.

Die Debatte über Frauenquoten und symbolische Gesten wie das „Made for Germany“-Foto lenkt aus seiner Sicht von den eigentlichen Herausforderungen ab. Statt über Repräsentation auf Podien oder Bildern zu diskutieren, müsse die Aufmerksamkeit auf Investitionen, Standortfragen und Zukunftstechnologien gelenkt werden. Eine Quote ändere nichts an der Konjunktur.

Gleichzeitig plädiert Bings für mehr Zuversicht. Die wirtschaftliche Lage sei ernst, aber nicht hoffnungslos. Die Konjunktur verlaufe in Zyklen – eine Erholung sei absehbar. Entscheidend sei, die richtigen Maßnahmen zu ergreifen und eine positive Stimmung zu erzeugen. Bings Beispiel im Podcast Regalplatz: die Fußball-Weltmeisterschaft 2006.

Wasgau sieht sich als eines der letzten unabhängigen regionalen Handelsunternehmen. Der Sitz liegt in Pirmasens, das Unternehmen betreibt über 70 Märkte in Rheinland-Pfalz und dem Saarland. Die Eigenständigkeit ist laut Unternehmen Teil der DNA – und ein bewusster Gegenentwurf zu den großen Ketten.

Die Strategie beruht auf vier Säulen: Bäckerei, Metzgerei, Obst und Gemüse sowie Wein. In diesen Bereichen liegt der Regionalitätsanteil besonders hoch. Wasgau definiert Regionalität als einen Umkreis von 120 Kilometern rund um die Zentrale. Ziel sei es, die Wirtschaft in einer strukturschwachen Region zu stärken, die Qualität zu sichern und die Lieferkette kontrollierbar zu halten. Kurze Wege erhöhten zudem die Nachhaltigkeit.

Ein Beispiel dafür ist das Bio-Rindfleischsortiment an den Frischetheken: Wasgau arbeitet seit über 20 Jahren mit festen Erzeugerbetrieben zusammen und nimmt dabei das gesamte Tier ab – nicht nur die nachfragestarken Teilstücke. Diese Form der Verwertung sei wirtschaftlich sinnvoll und ermögliche den Landwirten langfristige Planungssicherheit.

Seine Eigenständigkeit verteidigt das Unternehmen seit Jahrzehnten. Eine geplante Übernahme durch Edeka in den 1990er Jahren scheiterte unter anderem am Einstieg der Unternehmerfamilie Hornbach, die ein großes Aktienpaket hält. Auch die Beteiligung von Rewe ändere laut Unternehmen nichts an der strategischen Unabhängigkeit. Die Partnerschaft diene vorrangig dem gemeinsamen Einkauf und dem Know-how-Transfer, etwa in den Bereichen Digitalisierung und Technologie.

Im Unterschied zur preisgetriebenen Eigenproduktion bei großen Konzernen verfolgt Wasgau eine Qualitätsstrategie. Die Metzgerei etwa ist eng mit dem Vertrieb verzahnt, die Sortimente werden auf die Verfügbarkeit aus der Produktion abgestimmt. Dieses Modell funktioniere nur bei überschaubaren Strukturen.

Die wachsende Regulierungsdichte stellt das Unternehmen dennoch vor Herausforderungen. Trotz seiner vergleichsweise kleinen Größe müsse Wasgau dieselben Standards erfüllen wie die großen Wettbewerber. Das erhöhe den administrativen Aufwand. Umso wichtiger seien stabile Partnerschaften – auch über die Region hinaus.

Wasgau bleibt damit ein regional verwurzelter Anbieter mit klarer Haltung: wirtschaftlich unabhängig, gesellschaftlich verantwortlich – und überzeugt, dass Vielfalt mehr braucht als ein gutes Foto.

Mehr erfahren Sie in der aktuellen Podcast-Folge.

 

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