Deutschlands Wirtschaft jammert. Zu Recht?
Hinnerk Ehlers: Die täglichen Herausforderungen beschäftigen auch uns. Aber Frosta kann sich einem Jammern nicht anschließen. Unser Geschäft erweist sich als krisenfest. Es verzeichnet eine sehr gute Entwicklung. Der Umsatz unserer Marke Frosta wächst seit vielen Jahren zweistellig, im Jahr 2024 waren es plus 13,5 Prozent.
Wie holen Sie trotz der angespannten wirtschaftlichen Lage das Beste für Ihr Unternehmen heraus?
Wir verstehen unseren Job so, dass wir uns im bestehenden System zurechtfinden müssen. Im Englischen sagt man: You have to navigate the system. Das gilt auch für uns. Dafür müssen aber die volkswirtschaftlichen Rahmenbedingungen wie Steuern und Abgaben, Genehmigungsverfahren, Umweltauflagen, Einwanderung etc. stabil bleiben, damit wir uns darin bewegen können, um die Attraktivität unseres Markengeschäfts zu steigern.
Und wenn dieser Rahmen nicht gegeben ist? Wandert Frosta dann aus?
Kapital ist flexibel und mobil, aber wir sind historisch und emotional an unsere vier Standorte in Bremerhaven, Lommatzsch bei Meißen, Bobenheim bei Worms sowie Bydgoszcz in Polen gebunden. Wir sind fest in unserem Gründungsstandort Bremerhaven verwurzelt. Wir zahlen hier gerne unsere Steuern und haben nicht vor, ins Ausland abzuwandern.
Was treibt Sie derzeit am meisten um?
Was uns Sorgen bereitet, ist die Unsicherheit in den globalen Lieferketten und die internationale Unruhe. Wir beziehen unsere Rohstoffe aus den besten Anbaugebieten der Welt. Es macht uns nervös, wenn es zu internationalen Konflikten kommt. Zusätzliche Zölle und Handelsrestriktionen wären ein echtes Problem für uns. Unseren Fisch, den Alaska-Pollack, beziehen wir zum Beispiel aus Wildfang in amerikanischen Gewässern. Die Fangmengen sind limitiert. Wir hoffen, dass die Lage stabil bleibt und dass keine weiteren Zölle auferlegt werden. Und wenn doch, dann werden die Preise steigen und einige Produkte eventuell nicht mehr verfügbar sein.
Gibt es weitere Handelsbeschränkungen?
Währungsschwankungen beeinflussen unsere Kalkulation, da auf dem Weltmarkt alles in Dollar gehandelt wird. Diese Unsicherheiten sind ein ständiger Begleiter.
Wie reagieren Sie auf die Beschränkungen?
Unsere Kunden erwarten Jahresgespräche und Preisgarantien, deshalb müssen wir in diesen hoch volatilen Zeiten im Einkauf sehr gut aufgestellt sein. Selbst wenn wir die besten Konditionen aushandeln, kann es passieren, dass ein Lieferant nicht mehr liefert, ein Zoll eingeführt wird oder der Sueskanal nicht befahrbar ist, weil Rebellen Schiffe kapern. All diese Unsicherheiten müssen wir in unserer Kalkulation berücksichtigen.
Wie gelingt es Ihnen, sich geschickt durch diese Krisen zu manövrieren?
Wir stellen die Lieferkette breit und unabhängig auf. Aber genauso wichtig ist es, hier in Deutschland mit einem starken Marketingkonzept die Menschen für unsere Marke zu begeistern, besonders in diesen herausfordernden Zeiten.
Viele Unternehmen klagen über fehlendes Fachpersonal. Sie auch?
Der Fachkräftemangel ist unsere Wachstumsbremse, allerdings gibt es an unseren Standorten unterschiedliche Herausforderungen, qualifiziertes Personal zu finden: Während in Bobenheim bei Worms ein starker Wettbewerb um Fachkräfte herrscht, besteht in Bremerhaven eine hohe Arbeitslosigkeit. Was uns Hoffnung gibt: In dieser wirtschaftlich unsicheren Zeit werden die Menschen mobiler und schauen sich nach neuen Chancen um. Vor allem hoch qualifizierte Arbeitssuchende sind eher wieder bereit, ihren Arbeitsort zu wechseln.
Ist Ihr neues Schichtmodell am Standort Bremerhaven die richtige Antwort auf den Arbeitskräftemangel?
Aufgrund der hohen Nachfrage nach unseren Fertiggerichten und um die Produktionskapazitäten auszunutzen, haben wir in Bremerhaven zusätzlichen Schichtbedarf, vor allem am Wochenende. Deshalb haben wir ein Schichtmodell entwickelt: Wir bieten den Mitarbeitern 10 Prozent mehr Lohn, die Arbeitszeit verkürzen wir um 10 Prozent auf 33,8 Stunden pro Woche. In dieser Arbeitszeit ist allerdings die Wochenendschicht inkludiert. Für Menschen in bestimmten Lebensphasen passt dieses Modell sehr gut.
Mit welchen besonderen „Goodies“ binden Sie Mitarbeiter an das Unternehmen?
Wir sind eine Aktiengesellschaft. Einmal im Jahr bieten wir ein Programm an, bei dem Mitarbeiter mit einer Firmenzugehörigkeit von mindestens einem Jahr Aktien zu einem stark reduzierten Preis erwerben können. Diese Aktien sind mit einer Haltefrist verbunden. Sie sind ein indirektes Commitment. Die Mitarbeiter sagen: Wir sind Frosta.
Die Zuschläge für Überstunden sollen künftig steuerfrei sein. Was halten Sie davon?
Es ist gut, wenn zusätzliche Arbeit besonders belohnt wird. Überstunden sollten nach unserem Verständnis grundsätzlich kein Dauerzustand sein. Daher würden wir uns ein solches Signal noch dringender für die Wochenendarbeit wünschen. Damit würden kontinuierliche Schichtmodelle automatisch attraktiver und wir könnten bestehende Anlagen besser nutzen.
Die Körperschaftsteuer soll von 2028 an stufenweise von 15 Prozent um jeweils einen Prozentpunkt sinken. Wie finden Sie das?
Grundsätzlich befürworten wir alle Maßnahmen der zukünftigen Bundesregierung, mit denen wir zusätzliche liquide Mittel generieren und den Erfolg von Frosta weiter gestalten können. Wir hätten uns hier eine unmittelbare Umsetzung gewünscht und nicht erst im Jahr 2028.
Wo sollte die Politik noch nachsteuern?
Ein großes Thema ist für uns die Kennzeichnung von Lebensmitteln. Aktuell fördert das bestehende System eher den Preiswettbewerb als den Qualitätswettbewerb. Wir haben konkrete Forderungen an die Politik, die wir seit vielen Jahren vortragen – bisher leider ohne Erfolg.
Was fordern Sie genau?
Erstens: Alle Zutaten müssen auf der Zutatenliste stehen. Aktuell ist das nicht der Fall. So sind technische Hilfsstoffe, wie zum Beispiel Carrageen oder Enzyme nicht deklarationspflichtig.
Zweitens sollten aromatisierte Produkte auf der Vorderseite der Verpackung als solche erkennbar sein – unabhängig davon, ob es sich um natürliche oder künstliche Aromen handelt. Aromen beeinflussen die Qualität eines Lebensmittels wesentlich. Sie sollten nicht versteckt werden können. Und drittens setzt die Lebensmittelindustrie immer häufiger Hightech-Zutaten ein, die wie Zusatzstoffe wirken, laut Lebensmittelrecht aber nicht als solche definiert sind.
Hersteller dürfen die Produkte mit Slogans wie „Frei von Zusatzstoffen“ oder „Ohne Geschmacksverstärker“ bewerben. Das ist aus unserer Sicht irreführend. So kann ein „Trockenmilcherzeugnis“ als Geschmacksverstärker dienen. Wir fordern: Zutaten mit Zusatzstofffunktion sind mit ihrer Funktion zu deklarieren, zum Beispiel „Trockenmilcherzeugnis (Geschmacksverstärker)“.
Fürchten Sie nicht um das Alleinstellungsmerkmal von Frosta, das Reinheitsgebot?
Wir verzichten seit über 20 Jahren komplett auf Zusatzstoffe, Aromen und sonstige Zusätze, auch auf diejenigen, die laut Gesetz gar nicht zwingend zu deklarieren sind. Das war eine riesige Herausforderung. Ein Beispiel: Sahne enthält in der Regel den Stabilisator Carrageen, um das Aufrahmen der Sahne zu verhindern. Wir verwenden nur Sahne pur und haben ein Rührwerk, damit sie nicht aufrahmt. Nach unserer Kenntnis gibt es kein Unternehmen, das wie wir komplett auf Zusatzstoffe, Aromen und andere „Tricks“ verzichtet. Außer der transparenten Zutatenliste drucken wir die Herkunftsländer aller Zutaten chargengenau auf jede Verpackung. Unser Frosta-Reinheitsgebot ist sehr komplex. Deshalb fürchten wir keine Nachahmer.
Sie beziehen Brokkoli aus Ecuador und Hähnchenfleisch aus Thailand. Warum unterstützen Sie nicht deutsche oder europäische Produkte?
Der Brokkoli wächst in Ecuador auf über 2.000 Metern Höhe. Schädlinge gibt es aufgrund der Höhe nicht, deshalb müssen die Farmer den Brokkoli nicht behandeln. Wir können bis zu dreimal im Jahr ernten, die Qualität ist sehr gut. Und der CO2-Fußabdruck ist nicht höher als bei Brokkoli aus Europa. Für Hähnchenfleisch sind die Produktionsbedingungen in Thailand erstklassig. Die Tiere haben dort mehr Platz als in Deutschland vorgeschrieben und die Hygienevorschriften sind deutlich strenger als bei uns. Dadurch sind die Tiere seltener krank. Es gibt dort integrierte Systeme, die wir durch eigene Auditoren kontrollieren, und unsere QS-Leiterin ist selbst regelmäßig vor Ort.
Spielt hier nicht auch der Preis eine Rolle?
Natürlich, aber für uns steht die Qualität im Vordergrund. So stammt das Hühnerfleisch für unser beliebtestes Produkt, das Hühnerfrikassee, aus Deutschland oder Polen.
Welche Investitionen tätigen Sie?
Wir investieren an unseren Standorten zum Beispiel in alternative Energien mit einer Investitionssumme in Millionenhöhe. In Bremerhaven wollen wir ein Windrad bauen, und in Lommatzsch planen wir einen großen Solarpark. Dafür haben wir mit lokalen Landwirten Flächen getauscht, um zusammenhängende Flächen zu schaffen. Wir starten noch in diesem Jahr mit dem Bau des Solarparks. Im nächsten Jahr können wir damit den Energiebedarf des Gemüsewerks in Lommatzsch mit selbst erzeugter Solarenergie decken. Das Thema Nachhaltigkeit ist fest in unserer DNA verankert. Doch sobald wir uns für ein Projekt entscheiden, beginnt der bürokratische Albtraum in Deutschland. Das erleben wir derzeit bei der Genehmigung für das Windrad auf unserem eigenen Grundstück.
Welche bürokratischen Hürden sind das?
Für das geplante Windrad auf unserem Gelände ist selbst der Schattenwurf, der eventuell für einige Minuten bei besonderer Sonneneinstrahlung entstehen kann, ein Hindernis. Dies könnte unsere Büros betreffen, aber natürlich könnten wir uns mit einer Jalousie sehr einfach dagegen schützen. Das reicht der Behörde aber leider nicht aus. Außerdem müssen wir sehr viele unterschiedliche Behörden ansprechen, um final eine Genehmigung zu bekommen. Es ist auch nicht klar, welche Windräder grundsätzlich die Behördenvorgaben erfüllen, sondern man muss verschiedenste Windräder anfragen und erhält dann erst nach Wochen eine Rückmeldung, ob das gewählte Windrad eine Chance auf Genehmigung erhalten könnte. Der Prozess ist extrem komplex und selbst nach 18 Monaten haben wir heute noch keine verbindliche Baugenehmigung.
Beteiligen Sie sich an Kooperationen in Sachen Energiemanagement?
Ja, wir sind Mitinitiator der „Climate Cooperation Fischereihafen CCF“ in Bremerhaven. Das ist eine bundesweit einmalige Klimaschutz-Initiative in einem 450 Hektar großen Gewerbegebiet. Daran beteiligen sich rund 40 Unternehmen unterschiedlicher Branchen. Es geht darum, Energieüberschüsse untereinander auszutauschen. In den nächsten fünf bis zehn Jahren wollen wir die autarke Energieversorgung des Fischereihafens mit Strom aus Windenergie und Photovoltaik sowie synthetischem Gas realisieren. Erste Studien zeigen, dass Photovoltaik- und Windkraftanlagen mindestens 105 GWh Strom direkt im Fischereihafen erzeugen können.
Frosta bezieht Gemüse nur aus Freilandanbau, auch aus Deutschland. Ist dieser Standort klimabedingt gefährdet?
Alles, was wir einkaufen, ist sonnengereift und kommt nicht aus Gewächshäusern. Da machen wir keine Kompromisse. Dass der Klimawandel alles unsicherer und unvorhersehbarer macht, erschwert es, im Voraus Preise mit unseren Abnehmern festzulegen. Nicht nur deshalb verfolgen wir eine Strategie des Multiple Sourcing. Wir pflegen verschiedene Lieferantenbeziehungen, sei es in Italien, Südamerika oder Asien.
