Den Bundesbürgern ist nachhaltiger Konsum doch noch wichtig. Bananen, Schokolade, Kaffee oder Rosen mit dem grün-blau-schwarzen Siegel von Fairtrade waren im vergangenen Jahr wieder stärker gefragt. „In Deutschland gibt es grundsätzlich ein hohes Verbraucherinteresse am fairen Handel“, bringt Dr. Robert Kecskes, Senior Insights Director bei YouGov Shoppers Intelligence das Ergebnis einer aktuellen Studie auf den Punkt. Dass dies keine Lippenbekenntnisse sind, zeigt die Bilanz zum vergangenen Geschäftsjahr. Die Fair-Handels-Organisation hat Rekordzahlen bei den Pro-Kopf-Ausgaben sowie steigende Absatz- und Umsatzzahlen mit Fairtrade-gesiegelten Produkten vermeldet. 35 Euro gab jeder Bundesbürger für die Produkte aus. Damit stieg der Umsatz um 13 Prozent auf 2,9 Milliarden Euro. Der Absatz legte um 5 Prozent zu. Die Fairtrade-Prämie, die zusätzlich zum Verkaufspreis gezahlt wird, stieg auf 44 Millionen Euro. Damit sei Fairtrade Deutschland in allen drei Kernzahlen gewachsen und stehe besser da als vor der Absatzdelle 2023, sagt Claudia Brück, Vorständin für Kommunikation und Politik bei Fairtrade Deutschland der Lebensmittel Praxis.
Der Absatz von zertifiziertem Kaffee stieg um 6 Prozent auf 24.660 Tonnen, der Absatz von Kakaobohnen um 11 Prozent auf 89.000 Tonnen. Und das trotz hoher Preise. „Durch den Klimawandel fielen die letzten Ernten im globalen Süden um bis zu 30 Prozent niedriger aus – ein Grund dafür, warum die Preise für Kaffee doppelt, die für Kakao dreimal so hoch sind als noch vor zwei Jahren“, sagt Brück. Was gefährlich sei und die Rohstoffpreise explodieren ließe, seien Börsenspekulationen. „Die hohen Preise kommen daher nicht eins zu eins bei den Produzenten im globalen Süden an.“ Nach den Standards von Fairtrade können Verträge seitens der Produzenten „wieder aufgemacht“ werden, wenn der Preis beispielsweise für Kakao in der Zwischenzeit enorm anstieg, erklärt die Vorständin.
Auch andere wichtige Produktkategorien legten zu. Der Verkauf von Fairtrade-Rosen stieg um rund 10 Prozent auf knapp 509 Millionen Stiele, der von Bananen um 7 Prozent (121.800 Tonnen). Bei Südfrüchten wie Ananas aus dem fairen Handel sieht Brück noch enormes Wachstumspotenzial. Vorausgesetzt, Händler könnten diese ganzjährig aus fairem Handel anbieten. In England gebe es bereits Anbieter, die es vormachten. Der Haken: Lieferketten müssten erntephasenbedingt über den globalen Süden hinweg aufgebaut werden. Für den hohen Aufwand sei noch Überzeugungsarbeit nötig.
Auch fehle der Kaufdruck bei Produkten, die bisher wenig mit dem fairen Handel in Verbindung gebracht wurden, erklärt Brück. Bei Honig und Wein liege der Fokus der Konsumenten oft auf der Region. Dass es zu wenig Honig aus heimischer Erzeugung gebe, um den Bedarf decken zu können, sei den Verbrauchern nicht bewusst.

Gesetze fehlgeleitet
Zu schaffen machen den Produzenten im globalen Süden die Regulierungen der EU-Bio-Verordnung zu Importen aus Drittstaaten – für Brück aus entwicklungspolitischer Sicht „eine Katastrophe“. „Wir haben schon vor fünf Jahren gewarnt, dass die neue Bio-Verordnung die Arbeit von 30 Jahren Entwicklungsunterstützung gefährden könnte“, so Brück. Fairtrade berät die Produzenten intensiv und bietet auch in den nächsten Wochen Webinare an, um die Auswirkungen der Regulierung zu erklären und zu zeigen, was zu tun ist. Besonders betroffen seien Kooperativen, die sowohl Bio- als auch Nicht-Bio-Mitglieder haben. „Diese müssen nun getrennt werden, was mit erheblichem bürokratischem Aufwand und Kosten verbunden ist. Ob dies dazu führt, dass Kooperativen aus der Bio-Zertifizierung aussteigen, können wir derzeit noch nicht abschätzen“, sagt Brück. Händler und Hersteller hätten es mit in der Hand, denn sie entschieden, ob sie bereit seien, die Mehrkosten zu bezahlen.
Kritisch sieht Brück auch den sogenannten Omnibus-Vorschlag, der unter anderem das europäische Lieferkettengesetz sowie die Nachhaltigkeitsberichtspflicht verschlanken soll: „Auf EU-Ebene erleben wir sowohl Verschiebungen als auch Verwässerungen, obwohl sich die Wirtschaft Stabilität und Verlässlichkeit wünscht. Wenn ich mit Partnern aus der Wirtschaft spreche, sagen sie, dass Sorgfaltspflichten als Risikomanagement verstanden werden sollten.“ Fairtrade befürchte, dass die Kleinbauern im globalen Süden nicht berücksichtigt werden und die systematische Verbesserung vor Ort nicht ankommen wird. Und „dass wir eine Phase von vier bis fünf Jahren des Stillstands erleben werden, während der Klimawandel uns zeigt, dass wir diese Zeit eigentlich nicht haben“.
3 Fragen an
Claudia Brück, Vorständin für Kommunikation und Politik bei Fairtrade Deutschland
Frau Brück, was steht in den nächsten Jahren im Fokus der Arbeit von Fairtrade Deutschland?
Claudia Brück: Wir arbeiten an der Strategie für 2026 bis 2028, sowohl in Deutschland als auch international. Ein Schwerpunkt wird definitiv auf existenzsichernden Einkommen liegen. Wir überarbeiten derzeit die Fairtrade-Preise und den Textilstandard, da wir bisher nicht den erhofften Erfolg erzielt haben. Ein großes Thema ist der Klimawandel: Wie können wir widerstandsfähigere Lieferketten und Pflanzen entwickeln?
Wie weit sind Sie beim Thema existenzsichernde Einkommen?
Wir haben vier verschiedene Ansätze in Projekten mit Tony’s Chocolonely, Lidl, Aldi und Rewe getestet und gelernt, dass es nicht ausreicht, nur einen höheren Preis zu zahlen. Wir haben den existenzsichernden Preis überarbeitet, indem wir eine Mischung aus höherem Preis und Produktivitätssteigerungen einbezogen haben. Wichtig ist, dass wir das kollegiale und kooperative Element stärken. Es ist sinnvoller, wenn Bauern Ressourcen wie Traktoren teilen, anstatt dass jeder alles selbst anschaffen muss. Deshalb haben wir jetzt einen Ansatz mit einem höheren existenzsichernden Referenzpreis unter Fairtrade und einem „Living Income Booster“. Dieses Geld wird für Beratung, Biodiversität, alternative Einkommensquellen und Produktivitätssteigerungen genutzt.
Die Partner finanzieren also das Modell? Wie ist die Resonanz?
Ja, genau. Wir haben wirklich interessante Gespräche mit allen vier großen Supermarktketten geführt.
