Massenentlassungen geplant Auch Lieferando will nun Subunternehmen als Partner

Der Essens-Lieferdienst Lieferando will ab dem Jahresende rund 2.000 Fahrerinnen und Fahrer entlassen. Das Unternehmen möchte künftig verstärkt mit Subunternehmen zusammenarbeiten. Diese sollen bis Frühling 2026 rund 5 Prozent aller Bestellungen ausliefern.

Freitag, 18. Juli 2025, 10:46 Uhr
Thomas Klaus
Zunehmender Konkurrenzdruck: Auch Lieferando wechselt nun zum Teil auf ein Drittanbietermodell. Bildquelle: Just Eat Takeaway

Der Essens-Lieferdienst Lieferando entlässt ab dem Jahresende rund 2.000 Fahrerinnen und Fahrer. Dies entspricht etwa 20 Prozent der gesamten Flotte. Das bestätigt Lennard Neubauer, Geschäftsführer von Lieferandos Marktplatzgesellschaft.

Grund für diesen Schritt sei eine Umstrukturierung des Geschäftsmodells. Lieferando will künftig bei der Auslieferung auf der „letzten Meile“ verstärkt mit Subunternehmen zusammenarbeiten. Diese so genannten Flottenpartner sind örtliche Logistiker. 

Neues Modell soll Expansion beschleunigen

„Das flexiblere Flottenpartnernetzwerk stärkt unsere Auslieferung, macht sie agiler und effizienter“, begründet Neubauer den Schritt. Das sei eine wichtige Maßnahme auch zum Ausbau der Kapazitäten, Servicezeiten und der Versorgung in Randbezirken. Kunden erwarteten zuverlässigen Service und kurze Bestellzeiten, fügt der Deutschland-Chef hinzu. Das optimierte Modell solle auch die Expansion in zahlreiche weitere Städte beschleunigen, heißt es. 

Takeaway Express soll Kern der Auslieferung bleiben

In kleineren Märkten wie Wiesbaden, Lübeck oder Bochum wird Lieferando künftig mit spezialisierten Logistik-Unternehmen kooperieren, die die Auslieferung mit eigenen Fahrern übernehmen. Kern der Auslieferung bleibt Neubauer zufolge jedoch Takeaway Express, die Logistikgesellschaft von Lieferandos Mutterkonzern. Diese werde weiter die mit Abstand größte Flotte stellen und in mehr als 70 Prozent der Städte Lieferpartner bleiben.

Strenge Kriterien bei der Auswahl der Subunternehmen

Die Auftragsverteilung wird nach Lieferando-Angaben von Stadt zu Stadt variieren. Das sei abhängig von örtlichen Anforderungen. Neubauer betont, bei der Auswahl der Subunternehmen würden strenge Kriterien gelten, um faire Arbeitsbedingungen zu gewährleisten. 

Das Modell sei bereits in einigen kleineren Märkten erfolgreich getestet worden. Neubauer verweist in diesem Zusammenhang auch auf häufigere Beschwerden in einigen Städten beim bisherigen Modell; diese betreffen Serviceverfügbarkeit und Lieferzeiten.

Spezialisierte Dienstleister in der Branche Standard

Lennard Neubauer unterstreicht, dass in der Branche spezialisierte Logistikdienstleister üblicher Standard seien. Demgegenüber habe Lieferando bislang fast ausschließlich seine deutsche Schwestergesellschaft mit deren direktangestellten Fahrern beauftragt. Nun werde der Service zweigleisig. 

Tatsächlich gehen auch Wettbewerber wie Uber Eats und Wolt so vor, dass sie Subunternehmer beauftragen. Wolt behauptet jedoch, dass bei den eigenen Partnerunternehmen die Fahrerinnen und Fahrer stets direkt angestellt seien. Doch das ist nicht bei allen Wettbewerbern der Fall. 

NGG: Entscheidung ist absolute Katastrophe

Der Gesamtbetriebsrat und die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) kritisieren die Pläne scharf. Sie befürchten Schwierigkeiten bei der Kontrolle der Arbeitsbedingungen bei Subunternehmen. Mark Baumeister, Referatsleiter Gastgewerbe bei der NGG, bezeichnet die Entscheidung als „absolute Katastrophe“ und fordert die Politik zum Handeln auf. Diese müsse handeln, um solche Geschäftsmodelle in Zukunft zu unterbinden: „Wir brauchen definitiv das Gebot der Festanstellung wie in der Fleischindustrie.“

Baumeister weiter: „Lieferando gibt die Verantwortung für Beschäftigte ab, das können wir nicht gutheißen. Wir sehen das als einen Angriff auf Mitbestimmung und Beschäftigtenstrukturen bei Lieferando.“ 

Sozialplan-Prozess soll schnellstens beginnen

Das Unternehmen will die Verhandlungen über einen Sozialplan so schnell wie möglich beginnen und diesen Prozess bis Ende des Jahres oder spätestens im ersten Quartal 2026 abschließen.

Die NGG kämpft bereits seit Jahren um einen Tarifvertrag für die Lieferando-Beschäftigten und einen Mindestlohn von 15 Euro pro Stunde. Erst kürzlich rief die Gewerkschaft deshalb erneut zu Warnstreiks in Hamburg auf. Mit der Auslagerung eines Teils des Liefergeschäfts an Drittunternehmen dürfte es die Gewerkschaft deutlich schwerer haben, für einheitliche Beschäftigungsverhältnisse zu sorgen. 

EU-Plattformrichtlinie gilt in Deutschland noch nicht

Arbeitnehmervertreter kritisieren im Lieferdienst-Sektor generell ausbeuterische Verhältnisse und weit verbreitete Scheinselbstständigkeit. Das Problem ist EU-weit so groß, dass die EU-Kommission 2024 eine Plattformrichtlinie erlassen hat, die Scheinselbstständigkeit im Plattformgeschäft unterbinden soll. Die Plattformen müssen belegen, dass sie ihre Fahrer nicht so wie Angestellte kontrollieren. Nur dann dürfen die Fahrer als selbstständig eingestuft werden. Diese Richtlinie muss auf nationaler Ebene noch umgesetzt werden; dafür ist noch ein Jahr Zeit. 

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