Bürokratische Achterbahnfahrt Wie viel Unsicherheit verträgt die Wirtschaft?

„Wir dürfen uns nicht emotional im Detail verlieren und nicht immer nur die Probleme sehen, sondern sie lösen“: Thomas Bings (Wasgau) brachte die engagierte Diskussion zum Thema Bürokratie und Nachhaltigkeit wieder ins Konkrete. Sein Beispiel auf der Bühne beim Kongress der Lebensmittel Praxis: ein E-Lkw. 

Donnerstag, 22. Mai 2025, 13:49 Uhr
Susanne Klopsch
Es lieferten sich eine lebhafte Debatte (von links): Hendrik Varnholt, Alexander Fackelmann, Katharina Reuter, Thomas Bings, Matthias Jungblut, Josef Hovenjürgen und Bettina Röttig. Bildquelle: Jörn Strojny

„Bürokratische Achterbahnfahrt: Wie viel Unsicherheit verträgt die Wirtschaft?“ lautete die Überschrift über den zweiten Programmpunkt des Tages beim Kongress heute anlässlich der Branchenveranstaltung Supermarkt des Jahres. Es diskutierten Katharina Reuter (Geschäftsführerin Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft), Alexander Fackelmann (Inhaber Fackelmann), Matthias Jungblut (Co-Founder und CPO Osapiens), Thomas Bings (Vorstand Wasgau Produktions & Handels AG), sowie Josef Hovenjürgen (Parlamentarischer Staatssekretär im Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Digitalisierung des Landes Nordrhein-Westfalen). Unter der Moderation von Hendrik Varnholt, Chefredakteur der Lebensmittel Praxis, sowie Bettina Röttig, Redakteurin der Lebensmittel Praxis, wurde meinungsstark diskutiert.

Die neue Bundesregierung will Bürokratie abbauen. Das steht mehrfach im Koalitionsvertrag. Zur Bürokratie hierzulande hat jeder eine Meinung. Meist keine gute. Mit Recht, wie Alexander Fackelmann aufzeigt: „6 Milliarden Euro hoch sind die jährlichen Bürokratiekosten, die die Unternehmen hierzulande ausgeben müssen.“ Lieferkettenpflichten, Nachhaltigkeitsberichte: Die Erfüllung der Vorgaben braucht Menschen, die sich im Unternehmen darum kümmern. Doch das größte Problem ist eigentlich, da waren sich alle einig, das politische Hin und Her. Thomas Bings (Wasgau) nannte als Beispiel die seit zwei Jahren laufende Planung von Photovoltaik für eine in einem Gewerbegebiet zu bauende Halle: „Dafür brauchen wir nun auf einmal ein Lärmgutachten, das uns 80.000 Euro kosten wird.“ Das rief Staatssekretär Hovenjürgen auf den Plan: Diese Einzelfälle könne ein Gesetz nicht planen. „Aber wir müssen den Menschen in den Verwaltungen den Mut zurückgeben, zu entscheiden.“

Mut hatte man bei der Wasgau: Gegen alle Bedenken ob der Kosten oder nicht genügend vorhandener Ladestationen, des anderen Fahrverhaltens schaffte das Unternehmen einen E-Lkw an. Das Resultat schilderte Thomas Bings: „Alle sind zufrieden, es passt. Wir werden mehr E-Lkw anschaffen.“ Einfach ins Tun kommen.

Eine Diskussion entzündete sich am Thema neue Gaskraftwerke. Katharina Reuter sieht dies vor allem mit Blick auf die Klimaziele der Bundesregierung kritisch: „10 Gigawatt mehr reichen.“ Geplant sind 20 Gigawattwerke. „Wir brauchen sie“, sagte hingegen Staatssekretär Hovenjürgen, „um Kapazitätsengpässe abzufedern.“ Alexander Fackelmann wollte gleich die Rückkehr zur Atomkraft: „Das Ausland lacht über uns“, weil wir teuer Strom einkaufen müssten. „Das moderne Unternehmertum will nachhaltig und zukunftsfähig arbeiten“, konterte Reuter. Ihr Wunsch: „Es braucht bei den Klimazielen, bei der Nachhaltigkeit, gemeinsame Leitplanken mit der Wirtschaft.“

Matthias Jungblut warnte vor einem internationalen Flickenteppich an Regelungen: „Der produziert für alle Unternehmen am Ende mehr Kosten.“ Und erhöht den Konkurrenzdruck weiter: „China investiert gerade intensiv in das Thema Nachhaltigkeit.“

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