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Handelsverbände 40 Milliarden Euro fehlen

Andrea Kurtz | 27. Mai 2020
Handelsverbände: 40 Milliarden Euro fehlen
Bildquelle: Die Hoffotografen

Mindestens 40 Milliarden Euro werden dem Handel Branchenschätzungen zufolge Ende des Jahres in der Kasse fehlen, schätzte Stephan Tromp, der stellvertretende Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Deutschland (HDE, Foto). Jetzt sind die Branchenverbände gefragt, die Interessen ihrer Mitglieder in Bund und Ländern lautstark zu vertreten.

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Beim jüngsten Digital-Talk der Händlerinitiative "Händler helfen Händlern" wartet Stephan Tromp,
Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Deutschland, mit düsteren Prognosen auf. Den Verbrauchern
sei derzeit die Konsumlust vergangen, konstatiert der Verbandschef. Entsprechend soll der
Handel in einem mittleren Szenario in diesem Jahr gegenüber Vorjahr mindestens 40 Milliarden Euro
an Umsatz verlieren. Das entspricht zwischen zehn und 15 Prozent des gesamten Einzelhandelsumsatzes
- und bringt den stationären Handel in echte Existenznot. „Denn früher war die Regel, dass ein
stationärer Händler pleite ist, wenn er zehn Prozent seines Umsatzes verliert", bringt es Marcus Diekmann,
Initiator der Initiative und Moderator der Runde, auf den Punkt.


Kein Wunder also, dass die Branche immer lauter nach staatlicher Unterstützung ruft. Doch von den
Milliarden, die der Staat in der Corona-Krise in die deutsche Wirtschaft pumpt, kommt bei den Händlern
vor Ort kaum etwas an. 60 bis 65 Prozent der Händleranträge auf Darlehen der KfW werden laut
HDE-Chef Tromp abgelehnt. Dabei sind Kredite für die Unternehmen ohnehin nicht die optimalste
Form der Unterstützung. „Wir sind mit dem Bundeswirtschaftsministerium im Gespräch, was Rettungsfonds
angeht", erzählt Tromp. „Wir brauchen nicht nur Kredite, sondern auch Soforthilfen, die
nicht zurückzuzahlen sind. Wir sind im Bundestag unterwegs, damit für die Händler in Sachen Miete
und Pacht eine bessere Verhandlungsbasis erreicht wird. Und wir fordern, die Binnenkonjunktur in
Form von Konsumschecks anzukurbeln - und das nicht nur für den Handel." Allerdings warnt Tromp
davor, den Händlern falsche Hoffnungen zu machen. „Nicht alles, was wir jetzt fordern und uns wünschen,
wird in Erfüllung gehen", sagt er. Schließlich würde der Staat langsam realisieren, was ihn die
Pandemie eigentlich kostet.


Auch der Online-Handel kann die Folgen der Corona-Pandemie nur bedingt ausgleichen. „Wir haben
bis jetzt noch keinerlei Prognose zugelassen", sagt Martin Groß-Albenhausen, stellvertretender
Hauptgeschäftsführer des bevh. „Wir gingen vor Corona von einem Umsatzplus von zehn bis elf Prozent
aus. Aktuell sind wir bei fünf bis sechs Prozent", so der bevh-Mann. „Das ist nicht das, was wir
wollten. Aber wir gehen davon aus, dass wir das Ziel in diesem Jahr noch erreichen." Allerdings erfordere
dies von den Online-Händlern harte Arbeit, weil die Mitarbeiter in den Logistikzentren in Doppelschichten
arbeiten müssten. Darüber hinaus sorgten Probleme in der Endkundenlogistik dafür,
dass Ware, die auf dem Hof ist, nicht zum Kunden kommt.


Wichtig sei Groß-Albenhausen zufolge, der Politik genau jetzt deutlich zu machen, dass E-Commerce
ein Gamechanger sei. Doch das Verständnis, was mit E-Commerce möglich ist und welche Schubkraft
im E-Commerce liegt, müsse sich in vielen Kommunen erst durchsetzen. „Wenn man es wie Ikea
schafft, kontaktlos Click & Collect zu ermöglichen, kann es nicht sein, dass es in einem Bundesland
drei Kommunen gibt, die völlig unterschiedlich entscheiden, ob das sicher funktioniert oder nicht",
sagt er. Ob E-Commerce für alle Händler der Rettungsstrohhalm ist, darüber ist sich Groß-Albenhausen
unschlüssig. Natürlich sei es eine Chance, dass viele Händler gelernt haben, wie man über Facebook
oder Instagram zu seinen Kunden Kontakt halten kann. Aber was man in den vergangenen 15
Jahren nicht gemacht hat, könne man nicht in fünf oder 15 Monaten auffangen. „Das wird nicht so
leicht. Das ist kein Spaziergang", so der E-Commerce-Experte.

Von der Politik wünscht er sich unter anderem eine Flexibilität in den Arbeitsprozessen. Die Öffnung
am Sonntag beispielsweise könne helfen, Konsum zu entzerren und Arbeit anders zu organisieren.
Darüber hinaus ist ihm ein Anliegen, dass Restanten gespendet werden dürfen, ohne dass Umsatzsteuer
fällig wird. Schlussendlich plädiert Groß-Albenhausen auch davor, dass Gelder in Digitalisierungsprojekte
vernünftig eingesetzt werden. „Bei dem Hackathon "Wir versus Virus" beispielsweise
wurden Ideen prämiert und mit großen Lorbeeren bedacht, die im Markt schon fünf Mal abgelehnt
wurden", sagt der Fürsprecher der Distanzhändler. Hier würde er sich wünschen, dass analog zum
Klimanotstand, den einige Kommunen ausgerufen haben, um bei jeder Entscheidung zwingend zu
hinterfragen, ob sie klimaschädlich oder klimafreundlich ist, ein Digitalnotstand ausgerufen würde.
Damit müsste man sich bei jeder Investitionsstrategie fragen, ob man sich damit gegen den nächsten
Sturm oder das nächste Virus, das eine Wertschöpfungskette zum Brechen oder zum Stocken bringt,
imprägnieren kann.


Günter Hübner, Direktor des Bundesverbands mittelständische Wirtschaft (BVMW), der als branchen-
neutrale Interessenvertretung kleine und mittlere Unternehmen vertritt, sieht „die knackigsten
Jahre unseres Lebens - egal in welcher Rolle und Konstellation" bevorstehen. Er plädiert dafür, die
Krise als Chance zu sehen, branchenübergreifend zu handeln und zu taktieren. „Alle Bereiche und
Branchen, die an einer Wertschöpfungskette unserer Wirtschaft beteiligt sind, müssen künftig viel
besser und intensiver zusammenarbeiten und die blinden Flecken, die bislang keiner auf dem Schirm
hatte, dazu nutzen, Innovation zu betreiben", sagt er. „Nicht der Impfstoff, sondern die Wirtschaft ist
unser Schicksal. Und wir schaffen es nur miteinander", so sein Fazit.


Der siebte Digital-Talk der Initiative „Händler helfen Händlern“ fand am Montag, den 25. Mai 2020
um 20.00 Uhr im Livestream statt und ist unter folgendem Link abrufbar:
https://neovaude.live/haendlerhelfenhaendlern-2020-05-25/


Über „Händler helfen Händlern“
Die Pro-Bono-Initiative „Händler helfen Händlern“ startete am 19. März 2020, als aufgrund der
Corona-Pandemie deutschlandweit nicht systemrelevante stationäre Geschäfte ihr Ladentüren
schließen mussten. Dazu haben führende mittelständische Handelsunternehmen eine Gruppe auf
der Karriereplattform LinkedIn ins Leben gerufen, die betroffene Unternehmer und Unternehmerinnen
informiert und untereinander vernetzt. Die Gruppe zählt mittlerweile über 2.600 Mitglieder, darunter
Händler, Handels- und Wirtschaftsverbände, Journalisten und Handelsexperten. Händler wie
Rose Bikes, BabyOne, MediaMarkt, Saturn, TomTailor und Intersport unterstützen die Initiative.