Fleischwirtschaft Große Herausforderungen

Laut einer Umfrage unter den Top-Managern der Fleisch- und Wurstwarenindustrie ist der Blick der Unternehmen auf das Jahr 2024 kritisch. Die Politik wird weiterhin als unberechenbar eingeschätzt.

Mittwoch, 17. Januar 2024 - Fleisch
Jens Hertling
Artikelbild Große Herausforderungen
Dr. Ingmar Ingold, Wiltmann
Bildquelle: Cornelius, Infamily Foods, Westfleisch, Zur Mühlen Gruppe, Vion Food Group, Wiltmann, Steinhaus,

 Hier sehen Sie die ausfühlichen Antworten der Top-Manager:

Peter Cornelius, Geschäftsführer der Cornelius GmbH

Welches sind die Herausforderungen für die Branche im Jahr 2024?
Die Herausforderungen für 2024 lassen sich klar benennen: Steigende Energiekosten und Rohstoffkosten. Der Fachkräftemangel sowie das Arbeitnehmerüberlassungsgesetz, das die Fleischbranche einseitig benachteilig. Hinzu kommen die tiefgehende Krise in der Landwirtschaft, das Schlachthofsterben und die stockende Tierwohlinitiative.

Was sind die besonderen Herausforderungen für Ihr Unternehmen? Wie wollen Sie diese meistern?
Die genannten Herausforderungen lassen sich nur schwer priorisieren, wir müssen uns ihnen gleichermaßen stellen. Dies tun wir mit der Kraft des Mittelstandes: offensiv, nachhaltig und kreativ.

Hohen Energiekosten begegnen wir mit eigener Technologie wie unserer Photovoltaikanlage oder der geplanten Installation eines Windrades auf dem Firmengelände. Unser klares Ziel ist die nachhaltige und von Stromanbietern unabhängige Stromversorgung. Nachhaltigkeit ist ein wichtiges Thema für uns und wird auch in anderen Bereichen unseres Unternehmens sichtbar, wie zum Beispiel bei neuen Verpackungskonzepten und dem angestrebten papierlosen Unternehmen. Herausforderungen, denen wir uns nur mittelbar stellen können, begegnen wir mit Gesprächen und dem Einbringen unserer Expertise. In den Verbänden. In der Politik. Bei allen Steakholdern.

Erwarten Sie hier mehr Hilfe von der Politik?
Unbedingt. Wir als Schlüsselbranche der Ernährungsindustrie haben geliefert mit der Einführung der Haltungsstufen, bei Tierwohl, Fett- und Salzreduktion. Jetzt fordern wir Bewegung in der Politik und Unterstützung seitens der Politik. Wir fordern eine Reform der Arbeitnehmerüberlassung, eine Gleichbehandlung in der „Strompreisbremse“, wir fordern, dass das EU-Nachhaltigkeitsgesetz für uns realisierbar ausgelegt wird. Und neben dieser Unterstützung, dass unsere Branche mehr gehört wird und unsere Expertise und Bedeutung in die politische Diskussion und in die Entscheidungen eingebunden wird.

 

Hans Ewald Reinert, Gesellschafter von Infamily Foods

Welches sind die Herausforderungen für die Branche im Jahr 2024?
Die vielseitig bekannten Herausforderungen aus dem Jahr 2023 werden uns auch im Jahr 2024 begleiten. Dabei möchte ich gerne zwei große Themenpunkte besonders herausstellen: Arbeitskräftemangel und Rohstoffmärkte bzw. Rohstoffverfügbarkeiten. Unsere große Aufgabe wird es sein, für beide Themenschwerpunkte entsprechende kurzfristige, aber auch mittel- und langfristige, wirtschaftlich rentable Lösungen zu finden. Wir sehen jedoch auch zwei Trümpfe für das kommende Jahr, mit denen wir uns intensiv beschäftigen werden: Strategisches Category Management und Markenführung.

Was sind die besonderen Herausforderungen für Ihr Unternehmen? Wie wollen Sie diese meistern?
Unsere Vision der integrierten Proteinstrategie der gesamten InFamily-Foods-Unternehmensgruppe hat in den beiden Jahren 2022 und 2023 bereits große Fortschritte gemacht und wir konnten erste sichtbare Erfolge verbuchen. Diese Aktivitäten stehen auch im Jahr 2024 weiterhin auf unserer vollen Agenda. Auch die eingeleitete Transformation unserer größten Unternehmenssäule der The Family Butchers (TFB), zeigt bereits große Fortschritte und wir befinden uns absolut im festgelegten Zeitplan. Somit schauen wir sehr optimistisch auf die neuen Werksstrukturen, ein bereinigtes Produktportfolio und angepasste Kostenstrukturen innerhalb der TFB. Dies ermöglicht es uns, die Strukturen des Unternehmens zukunftsorientiert in eine agile und wertschöpfende Organisation auszurichten und die TFB langfristig zu stabilisieren. Ebenfalls hat unsere zweite Unternehmenssäule, The Planlty Butchers (TPB), ein sehr gutes und erfolgreiches erstes, volles Geschäftsjahr 2023 hingelegt. Ein zweistelliger Millionenumsatz mit der Marke Billie Green wird uns zum Jahreswechsel erwarten. Weitere Produktgenerationen und -innovationen warten 2024 bereits auf ihren Markteintritt und werden die Innovationskraft unserer noch sehr jungen Marke bestätigen. Entsprechend gehen wir im Jahr 2024 von deutlich, steigenden Umsatzzahlen aus.

Insgesamt steht die Fleischbranche weiterhin vor großen Herausforderungen und Veränderungen. An dieser Stelle wird es weitere Gewinner und Verlierer geben. Der Lebensmitteleinzelhandel ist zurück in der Phase vor der Pandemie: Harte Bandagen und hohe Veränderungsgeschwindigkeit. Agilität, zukunftsorientierte Lösungen und Einigkeit im Marktsortiment werden perspektivisch erfolgsversprechende Faktoren sein.

Erwarten Sie hier mehr Hilfe von der Politik?
Eine unserer größten Herausforderungen aus den letzten Jahren und auch im Jahr 2024 wird das Thema „Arbeitskräftemangel“ sein. Hier gilt es kurzfristig eine gemeinsame Lösung zwischen Politik und Wirtschaft zu finden, wie es uns bereits viele andere Länder vormachen. Unsere Politik hat nun die Chance, Bürokratie einzudämmen und aktiv an einer Migrationspolitik zu arbeiten, sodass der Einsatz von ausländischen Mitbürgern als Arbeitskräfte erleichtert und beschleunigt wird.

 

Michael Schulze Kalthoff, geschäftsführender Vorstand bei Westfleisch

„Die große Herausforderung für die Unternehmen der Fleischwirtschaft bleibt, die deutlich gestiegenen Kosten, die stetig steigenden Anforderungen aus der Politik und die Preis- sowie Qualitäts-Vorstellungen der Verbraucher und des Handels zu wirtschaftlich vernünftigen Bedingungen unter einen Hut zu bekommen. Hier sind wir aber gut aufgestellt, Westfleisch stellte bereits frühzeitig die richtigen Weichen: mit starkem Fokus auf Qualität und einem breiten Portfolio, mit dem wir zum Beispiel alle Haltungsformen abdecken, können wir die unterschiedlichen Wünsche unserer Kunden hervorragend erfüllen.

Auch das Thema „Nachhaltigkeit“ spielt dabei eine ganz entscheidende Rolle. Unser Selbstverständnis lautet: das Fleisch, das hierzulande gegessen wird, sollte auch hier produziert werden. Das gilt gleichermaßen für Schwein wie für Rind. Umso mehr freut es uns, dass unsere entsprechenden Programme mit dem Handel bei den Verbrauchern extrem gut ankommen. Diese Erfahrungen fließen nicht zuletzt in unsere Projekte in der Weiterverarbeitung ein, mit denen wir uns sukzessive immer vertikaler entwickeln. Sicherlich auch ein Feld, auf dem wir 2024 weitere große Schritte unternehmen werden."

 

Maximilian Tönnies, Geschäftsführer bei der Zur Mühlen Gruppe

Welches sind die Herausforderungen für die Branche im Jahr 2024?
Nach dem rückläufigen Fleischkonsum in den vergangenen Jahren sehen wir uns wieder im Aufwind. Fleisch ist für mehr als 90 Prozent der Deutschen ein wertgeschätztes Lebensmittel. Das Image von Fleisch erholt sich langsam. Der Ruf des tierischen Lebensmittels hat die Talfahrt überwunden. Dennoch: Der Export aufgrund der anhaltenden Probleme mit der Afrikanischen Schweinepest und der daraus resultierenden Einfuhrverbote für CHEN-Teile ist alles andere als zufriedenstellend. Dieses Thema wird uns auch 2024 fordern.

Was sind die besonderen Herausforderungen für Ihr Unternehmen? Wie wollen Sie diese meistern?
Die Ansprüche an Tierwohl, Klimawandel und Nachhaltigkeit sind entlang der gesamten Wertschöpfungskette höher denn je. Dort setzt unsere kürzlich vorgestellte Klimaplattform an. Sie bietet die Chance, Klimaschutzleistungen der heimischen Landwirtschaft transparent machen. Die deutsche Lebensmittelproduktion ist schließlich eng gekoppelt an eine nachhaltige Nutztierhaltung. Das Wissen um die Klimawirkung ist elementar für das Aufzeigen der Verbesserungspotentiale und das Ergreifen von Maßnahmen.

Erwarten Sie hier mehr Hilfe von der Politik?
Engagement von der Politik erwarten wir vielmehr hinsichtlich der Strategien zur ASP-Bekämpfung und in Bezug auf erforderliche Regionalisierungsabkommen. Die Entwicklung der deutschen Fleischexporte hängt wegen der hohen Bedeutung des Schweinefleischs davon ganz wesentlich ab. Diese müssen vom Bundeslandwirtschaftsministerium mit Nachdruck geführt werden. Mit Blick auf den heimischen Markt bleibt festzuhalten, dass unsere Bauern Sorge dafür tragen, dass die Regale in den Supermärkten mit frischen und qualitativ hochwertigen Lebensmitteln aus unseren Regionen gefüllt sind. Und weil wir diese starke und regional verankerte Land- und Ernährungswirtschaft brauchen, müssen alle – Politik, Veredelungswirtschaft und Handel - Perspektiven aufzeigen und Sicherheiten geben.

 

Philippe Thomas, COO Deutschland Vion Food Group

Welches sind die Herausforderungen für die Branche im Jahr 2024?
Der Markt verändert sich stark und schnell. Wir bewegen uns von homogener Massen-produktion zu stark segmentierten Märkten. Wir müssen weg von den Stückzahlen hin zu mehr Effizienz und Profitabilität in der gesamten Kette. Regionalität, Nachhaltigkeit, Tierwohl, spezielle Cuts oder Rassen – alles zusammen oder die einzelnen Attribute ge-hören zu den Anforderungen der Konsumenten. Darum ist unser Weg, genau solche Konzepte „à la carte“ in robusten Ketten mit Landwirten und Kunden zu entwickeln – nachhaltig und regional.

Was sind die besonderen Herausforderungen für Ihr Unternehmen? Wie wollen Sie diese meistern?
Wir werden uns darauf fokussieren, unser Netz optimal auszulasten – dafür haben wir eine Reihe von Maßnahmen entwickelt, die den Fokus auf zukunftssichere Leistung und Aufbau von regionalen, nachfrageorientierten Ketten haben. Das geht mit Datenaus-tausch, Partnerschaften und langfristigen Verträgen. Vor allem der Handel kann durch solche maßgeschneiderte Konzepte Verbraucher stärker an sich binden.

Erwarten Sie hier mehr Hilfe von der Politik?
Jahr für Jahr erwarten wir mehr Tempo, klare Rahmenbedingungen und finanzielle Unterstützung für die Landwirte von der Politik. Leider werden diese Erwartungen regel-mäßig nicht erfüllt. Wir müssen als gesamte Kette den Druck erhöhen und den Dialog stärken – für die Versorgungssicherheit mit Fleisch aus der heimischen Produktion.

 

Dr. Ingmar Ingold, Geschäftsführer bei Wiltmann

Welches sind die Herausforderungen für die Branche im Jahr 2024?
Die beiden letzten Jahre waren geprägt von massiven Kostensteigerungen, die weder rechtzeitig noch in angemessener Höhe weitergegeben werden konnten. Erschwerend hinzu kam eine äußerst bescheidene Konsumstimmung. Beides zusammen hat der gesamten Branche viel Substanz gekostet – die es in 2024 und Folgejahren wieder aufzubauen gilt.

Was sind die besonderen Herausforderungen für Ihr Unternehmen? Wie wollen Sie diese meistern?
Mehr Effizienz ist die eine Herausforderung. Hierbei wird unser Programm „Fit für 2025“ helfen, das in 2024 in die Ausrollung geht. Am Markt wiederum wollen wir die Kategorie Wurst weiterentwickeln, im Marken- wie im Handelsmarkensegment. Ich hoffe sehr, dass das Jahr 2024 hierfür sowohl auf unserer als auch auf Handelsseite mehr Gelegenheiten bietet. Es muss mehr konstruktive Ruhe einkehren.

Erwarten Sie hier mehr Hilfe von der Politik?
Die größte Hilfe wäre es vielleicht, wenn die Politik nicht „hilft“.

 

Anja Steinhaus-Nafe, Geschäftsführerin beim Nahrungsmittelhersteller Steinhaus

Welches sind die Herausforderungen für die Branche im Jahr 2024?
Die jüngsten politischen Entwicklungen für die Landwirte und die sich durch immer neue Regeln ändernden Rahmenbedingungen unserer Branche mit zunehmender Entmündigung der Verbraucher.

Was sind die besonderen Herausforderungen für Ihr Unternehmen? Wie wollen Sie diese meistern?
Wir werden trotz erschwerter Rahmenbedingungen und gestiegener Kosten keine Abstriche bei der Qualität machen wollen. Die Personaldisposition bleibt weiterhin vor dem Hintergrund der Warenverfügbarkeit die größte Herausforderung. Gerade hier weiten wir unsere Recruiting Maßnahmen deutlich aus.

Erwarten Sie hier mehr Hilfe von der Politik?
Wir erwarten das getroffene Zusagen zuverlässig und über planbare Fristen eingehalten werden. Die Rahmenbedingungen müssen auch einen fairen Wettbewerb mit dem benachbarten Ausland zulassen.

 

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