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AMI Sinkende Schweinefleischpreise

Jens Hertling | 25. September 2020
AMI: Sinkende Schweinefleischpreise
Bildquelle: AMI

Tim Koch, Analyst der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft (AMI), erwartet sinkende Schweinefleischpreise.

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Kam die Meldung für Sie überraschend?
Seit vielen Jahren reden wir darüber, dass die Schweinepest immer näher rückt. Jetzt ist sie da und vom Bund bis zu den Ländern und den Landwirten haben sich alle darauf vorbereitet.“

Ab wann haben Sie damit gerechnet?
Ich war eigentlich überrascht, dass es so lange gedauert hat…

Was sind aus Ihrer Sicht jetzt die dringendsten Maßnahmen?
Die Politik wird angemessen handeln. Wir haben am Beispiel von Belgien gesehen, wie es gut funktionieren kann. Das heißt, den Bereich abschotten, gut durchtesten und dann die weitere Ausbreitung verhindern. Und aus Sicht der Fleischindustrie ist es die dringendste Maßnahme, neue Absatzmärkte zu finden.

Wie wirkt sich der Ausbruch der ASP auf die Schweinepreise aus?
Einen Tag nach Bekanntwerden des Falls in Brandenburg stürzte der Schweinepreis nach Branchendaten um 20 Cent auf 1,27 Euro pro Kilogramm Schlachtgewicht. Der Preissauschlag mit 20 Cent hat mich mit dieser Deutlichkeit eher überrascht. Ich habe eher mit nur zehn Cent Abschlag gerechnet. Ich gehe jetzt davon aus, dass diese 20 Cent ausreichend sind, und dass wieder ein wenig Ruhe einkehrt.

Gab es in der Geschichte bisher ähnliche Konstellationen?
Als die ASP in Belgien auftrat, gab es einen Preisabschlag von zehn Cent pro Kilogramm. Danach war die Preisbewegung wieder sehr ähnlich zum deutschen Markt und der Preis hat sich stabilisiert beziehungsweise unterlag den normalen Marktschwankungen. Ich hoffe, dass es jetzt eine ähnliche Entwicklung in Deutschland gibt und wir zu einer normalen Entwicklung zurückkehren können.

Ist mit weiteren Preisturbolenzen zu rechnen?
Ich rechne mit keinen starken Schwankungen. Ich habe dennoch die Hoffnung, dass wir für dieses Jahr ein wenig Ruhe hineinbringen können. Alles andere muss die Zukunft zeigen.

Welche Erwartungen hatten Sie an den Rest des Jahres gestellt?
Ich hatte erwartet, dass es zum Jahresende bzw. im Herbst noch einen leichten Preisanstieg beim Schweinefleisch geben könnte. Wir haben jetzt noch die Erschwernis, dass sich Corona noch auswirkt. Die private Nachfrage, die schon seit Jahren beim Schweinefleisch schwächelt, wird noch weniger Impulse erhalten. Hier ist es vollkommen unrelevant, dass ASP für Menschen vollkommen ungefährlich ist Das ist wieder eine Meldung für den Verbraucher, der nicht tief in der Materie steckt und den Appetit auf Schweinefleisch verdirbt. Dazu kommt der Fall Tönnies, Werksverträge und andere Skandale. Ich sehe im Moment nicht viel Positives im Markt.

Welche Auswirkungen wird es auf den Handel geben?
Wir haben jetzt zu viel Schweinefleisch auf dem Markt. Ich rechne mit billigeren Preisen. Ein Abschlag von 20 Cent pro Kilogramm wirkt sich immer auf den Fleisch- und Wurstmarkt aus. Ich gehe davon aus, dass Fleisch- und Wurstprodukte Ende Oktober bis Anfang November noch günstiger werden.

Wenn Schweinefleisch billiger wird, könnte es dann andere Produkte wie Rind und Geflügel verdrängen?
Billigprodukte gibt es auf dem Markt genug. Erfahrungsgemäß sind solche Krisen geeignet, Premiumprodukte und Bio-Fleisch nach vorne zu bringen. Der Verbraucher wird die Chance nutzen, nach höherwertigen Fleischprodukten sich orientieren. Natürlich werden Rindfleisch und Geflügel davon profitieren.

Wie sieht es mit den Schweinefleisch-Nebenprodukte, wie Öhrchen, Füßchen und Schnäuzchen aus? Tönnies schreibt auf seiner Homepage: „Ohne die Wertschöpfung des Exports gehen Landwirtschaftsexperten davon aus, dass die Verbraucherpreise erheblich steigen.“ Wie denken Sie darüber?
Diese Produkte abzusetzen, ist wirklich ein Problem. Allerdings dürften sie in den 20 Cent eingepreist sein.

Wie wird sich das auf den Handel mit der EU auswirken?
Es wird nicht weniger exportiert werden. Innerhalb der EU ist grundsätzlich eine Zonierung vorgesehen, außerhalb derer der Handel weitergehen kann. Dies bedeutet, dass unmittelbar nur die Produkte nicht mehr für den Export genutzt werden dürften, die in einer Kernzone um eine Fundstelle herum erzeugt würden. Es muss auch berücksichtigt werden, dass die ASP derzeit in keinem Nutztierbestand aufgetreten ist.

Welche weiteren Szenarien sehen Sie?
Der Ausfall der deutschen Importe wird die Nachfrage nach Fleisch von anderen großen Lieferanten wie etwa den USA und Spanien ankurbeln und könnte außerdem für höhere Weltmarktpreise sorgen.

Wie lange wird China den Handel mit deutschem Fleisch aussetzen?
Das wird eine Weile dauern, und ist erst denkbar, wenn Deutschland wieder ASP-frei ist. Belgien ist seit einem Jahr wieder von ASP-frei und darf immer noch nicht nach China liefern.

Wie hat sich der Export mit Schweinfleisch mit Asien zuletzt entwickelt?
Die chinesische Importnachfrage hatte sich - auch wegen der in China ASP-bedingt gesunkenen Bestände - allein im ersten Halbjahr 2020 gegenüber dem Vorjahr ungefähr verdoppelt. Insgesamt waren es etwa 70 Prozent. China ist ein lukrativer, aber kein leichter Markt.

Wie geht es weiter?
Ich bin zuversichtlich, dass es gelingen wird, die ASP unter Kontrolle zu bekommen. Im Nachbarland Belgien ist dies ebenfalls gelungen. Entscheidend dabei ist dort die schnelle und entschlossene Reaktion der Behörden gewesen. Das Kerngebiet von ca. 12.500 Hektar wurde weiträumig abgesperrt und rund 2.000 Wildschweine geschossen und anderweitig entnommen worden.