Der Weihnachtsmann wird 2025 sicher wieder für alle einiges Feines im Gepäck haben. Sinkende Preise für seine Schokoladen-Variante sind jedoch bestimmt nicht dabei. Wie auch? Allein schon die Kakaopreise blieben weiterhin hoch. Für den Ausblick aufs frohe Fest am PoS hilft auch ein Blick zurück. Die Preisentwicklung beim Schokoosterhasen zeigt den Weg, den der bärtige Schokomann wohl auch gehen wird. „Der klassische Lindt-Goldhase mit 100 Gramm Gewicht kostete zum Beispiel 2021 noch 3,19 Euro, dieses Jahr sind es 4,29 Euro – eine Preissteigerung von rund 34 Prozent“, rechnet René Petri vor. Er ist Senior Vice President und Deutschlandchef bei Proxima, einer Unternehmensberatung mit den Schwerpunkten Einkaufsstrategie und Supply-Chain-Management (siehe Interview im blauen Kasten).
Neben der Preiserhöhung käme für den Weihnachtsmann auch eine Diät, also Gewichtsreduzierung, infrage. Letzteres schließt für Lindt & Sprüngli (Lindt) eine Mediensprecherin auf Anfrage ausdrücklich aus: „Es werden keine Anpassungen bei den Grammaturen der Weihnachtsmänner vorgenommen.“ Die Gruppe werde die Auswirkungen der steigenden Kakaokosten teilweise mit strengem Kostenmanagement abfedern, „dennoch werden weitere Preissteigerungen erforderlich sein“.
Resiliente Lieferketten sind ein Muss, um im Spannungsfeld von Klimawandel, rechtlichen Vorgaben und Wettbewerb bestehen zu können. Jedes Unternehmen muss für sich definieren, wie es vorgehen will, sagt Petri. „Beispielsweise können Hedging-Strategien gezielt weiterentwickelt werden, indem Volumenflexibilität, also ‚Volume Flex Bands‘, und Preisbegrenzungen, sogenannte ‚Option Collars‘, in Kakaoterminkontrakte integriert werden.“ So ließen sich extreme Preisanstiege abfedern, während bei fallenden Preisen ein Teil des Einsparpotenzials erhalten bliebe. „Zudem empfiehlt sich der Aufbau von Beschaffungsmodellen mit mehreren Ursprungsregionen und Zwischenhändlern, insbesondere für kritische Rohstoffströme innerhalb der Rezeptur. Auch die langfristige Bindung von Einkaufsvolumen an Lieferantenentwicklungsprogramme kann helfen, strukturelle Risiken zu senken und künftige Kosten zu stabilisieren.“
Ritter Sport arbeitet nach eigenen Angaben seit vielen Jahren in Kakaoprogrammen mit Kakaobauern in seinen fünf Bezugsländern zusammen: Elfenbeinküste, Ghana, Nigeria, Nicaragua und Peru. „So fördern wir einen resilienten Kakaoanbau und haben Einfluss auf die Kakaoqualitäten“, sagt Petra Fix, zuständig für Globale Nachhaltigkeitskommunikation. „Gute Schokolade braucht guten Kakao.“
Gleichzeitig werden die Waldenbucher – wie letztlich die gesamte Branche – zu Klimaexperten. Es stellt sich stets die Frage: Welche aktuellen und künftigen Folgen hat der Klimawandel? Um im zweiten Schritt „mögliche neue Kakao-Anbaugebiete beziehungsweise -länder auf ihre Qualitäten, ihre Rahmenbedingungen und Einsatzmöglichkeiten für unsere Schokoladen zu bewerten“, wie Fix sagt.
Seit 2012 betreibt Ritter Sport die eigene Kakaoplantage El Cacao im Südosten Nicaraguas. „Auf einer Gesamtfläche von 2.500 Hektar bauen wir auf etwa der Hälfte der Fläche Kakao in Mischkultur, also in Agroforstwirtschaft, auf ehemaligem Weideland an, die andere Hälfte schützen wir in ihrer ursprünglichen Form als Regenwald und Feuchtgebiete“, sagt Fix.
Hersteller Lindt & Sprüngli bezieht „Farming Program“-Kakaobohnen aus Ghana, Ecuador, der Dominikanischen Republik, Madagaskar, Papua-Neuguinea und Peru. Um Bauernhaushalte bei der Anpassung an den Klimawandel zu unterstützen, fördert das Unternehmen laut einer Sprecherin auch Agroforstsysteme.
„Ein enormer Aufwand“
Transparente Lieferketten und regulatorische Anforderungen wie etwa die Nachhaltigkeitsberichterstattungen (CSRD) „sind ein enormer Aufwand für Manner, aber auch sehr wichtig für die Zukunft“, betont Sabine Brandl. Sie ist Vorständin beim Wiener Waffelspezialisten. Stolz ist Brandl, dass die Science Based Targets Initiative (SBTi) die wissenschaftsbasierten Klimaziele (Energie, Industrie sowie Forst-, Land- und Agrarwirtschaft) des Unternehmens offiziell validiert hat. Dies sei ein wichtiger Baustein, um den Anforderungen des EU-Lieferkettengesetzes (CSDDD) in Bezug auf Umweltstandards nachzukommen.
Ein zentrales Thema in Sachen Nachhaltigkeit ist die Sicherung qualitativ hochwertigen Kakaos. Er macht 30 Prozent im Rohstoffeinsatz aus. 2024 verdoppelten sich die Kosten, sagt Brandl: „Um eine kontinuierliche und qualitativ hochwertige Warenverfügbarkeit sicherzustellen, wurden bereits zu höheren Preisniveaus Rohstoffmengen für die Jahre 2025 und 2026 abgesichert.“ Das Unternehmen ist Österreichs größter Fairtrade-Partner.
Der Schokoladen-Osterhase hatte 2025 im Preis gegenüber Vorjahr schon ordentlich zugelegt. Was erwarten Sie für den Schoko-Weihnachtsmann?
Die Kakaopreise haben sich über den Sommer etwas entspannt: Sie liegen derzeit bei rund 8.000 US-Dollar pro Tonne, im Vergleich zu den 12.000 US-Dollar pro Tonne zum Anfang des Jahres. Trotzdem sind die Preise immer noch zwei- bis dreimal so hoch wie vor dem Jahr 2023. Viele Hersteller haben sich in dieser Situation frühzeitig abgesichert und dabei Preise auf dem hohen Niveau für das Jahr 2025 akzeptiert. Die Preisanstiege, die wir zu Ostern gesehen haben, bleiben also bestehen, um die gestiegenen Kosten auszugleichen.
Es wurde aber auch weniger produziert, richtig?
Einige deutsche Hersteller haben zur Wahrung ihrer Margen während der extremen Preisanstiege im Frühjahr bewusst weniger Osterhasen produziert. Diese Strategie – Mengenreduktion bei gleichbleibenden Preisen – dürfte auch im Weihnachtsgeschäft Anwendung finden. Laut deutschem Verbraucherpreisindex lag die Teuerung bei Schokolade im Juli weiterhin bei plus 18,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das unterstreicht zusätzlich, dass sich die Preisniveaus auf hohem Stand einpendeln dürften. Es ist zwar möglich, dass im Vergleich zu Ostern etwas mehr Angebote im Handel sichtbar werden, echte Preissenkungen sind aber nicht zu erwarten.
Ich drücke es bewusst vorsichtig aus: Die gesetzlichen Vorgaben, die Unternehmen bei ihren Lieferketten beachten müssen, sind derzeit im Fluss. Was bedeutet das für die Unternehmen, die davon leben, kakaohaltige Produkte herzustellen und zu verkaufen?
Auch wenn sich die gesetzlichen Vorgaben derzeit im Wandel befinden, bleiben die Anforderungen an Rückverfolgbarkeit und unternehmerische Sorgfaltspflichten bestehen. Sie werden lediglich gestaffelt eingeführt, was Unternehmen Zeit verschafft, sich vorzubereiten. Kurzfristig bedeutet das jedoch steigende Betriebskosten für Kakaohändler, die etwa in digitale Kartierungsprozesse investieren müssen – insbesondere in ländlichen Anbaugebieten – und Nachweise zu Themen wie Entwaldungsfreiheit oder Fair Trade erbringen müssen.
Und für die Kakaoproduzenten?
Für sie und die Kakaohändler bedeutet das einen tiefgreifenden Wandel. Vor allem für kleinere Produzenten, etwa in Côte d’Ivoire oder in Ghana, stellen solche Compliance-Kosten eine kaum tragbare Hürde dar. Hier stehen europäische Unternehmen in der Verantwortung, sie müssen nicht nur in Technologie, sondern auch in die Entwicklung der Lieferanten investieren.
Was meinen Sie konkret, haben Sie Beispiele?
Wir sehen in der Kakaobranche schon jetzt viel Zusammenarbeit: Man teilt sich zunehmend die Kosten für Schulungen von Landwirten, Ernten werden dank Technologie optimiert, und die Nachweis- und Berichtspflichten werden verbessert. Darüber hinaus können Unternehmen ihre Lieferverträge flexibler gestalten, beispielsweise mit eingearbeiteten Regelungen zu Audit-Rechten, Compliance und Anpassungsmechanismen. Auch eine Diversifikation des Lieferantennetzwerks ist denkbar, zum Beispiel durch eine duale Bezugsstrategie, bei der westafrikanische Lieferanten durch Anbieter aus Lateinamerika ergänzt werden. So lassen sich Klimarisiken und regulatorischer Druck austarieren.
René Petri ist Senior Vice President und Deutschlandchef bei der Beratung Proxima
Bildung für künftige Kakaobauern
Partner von Fairtrade in Österreich ist auch Gunz. Das Familienunternehmen engagiert sich bei einem Schulbauprojekt in der Elfenbeinküste. Geschäftsführer Michael Temel freut sich: „Wir renovieren eine Schule, und eine weitere wird neu errichtet. Wir sind fast fertig.“ Dort sollen künftig 650 Kinder unterrichtet werden. Die Idee wurde vor drei Jahren geboren, als Temel gemeinsam mit Fairtrade Österreich in der Elfenbeinküste Kakaobauern besuchte. „Viele Kinder und damit zukünftige Kakaobauern verfügen über keine Schulbildung. Für uns war klar, dass Bildung ein wesentlicher Bestandteil für nachhaltigen Kakao ist“, beschreibt Temel. Das Unternehmen hat komplett auf die Verwendung von Fairtrade-Kakao umgestellt: „2024 wurden für Gunz-Produkte in Summe 1.760 Tonnen Kakao verarbeitet.“
Der Südtiroler Waffelprodukte-Hersteller Loacker bevorzugt lokale sowie zum Teil regionale Rohstofflieferanten aus Europa. Für Rohstoffe, die in Europa nicht verfügbar seien, bestünden faire, langfristige Partnerschaften mit Erzeugern in den Ursprungsländern, wie Mohammed Bahlaouane sagt. „Ein wissenschaftlich fundiertes Bewertungstool unterstützt Loacker dabei, Lieferanten nach klar definierten Nachhaltigkeitskriterien zu beurteilen. So ist jederzeit nachvollziehbar, woher die verwendeten Rohstoffe stammen.“ Bahlaouane beschreibt, wie wichtig unterschiedliche Herkünfte für das geschmackliche Profil der Produkte sind: „Der ivorische Kakao aus den tiefen Wäldern der Elfenbeinküste ist dunkel, kräftig und leicht erdig im Geschmack, während der Edelkakao aus Ecuador mit blumigem Aroma, mildem, fruchtigem Bouquet und dem Prädikat ‚fine flavour‘ überzeugt.“
Der preisgetriebene Konsumverzicht hat beim Schokoladenkonsum insgesamt tiefe Spuren hinterlassen. Auch beim Ostergeschäft: Dort stiegen erst in den letzten vier Wochen vor dem Osterfest die Absatzzahlen mit 52 Prozent deutlich in die Höhe (Quelle: NielsenIQ, Basis Absatz in Kilogramm). In den 13 Wochen vor Ostern (bis 27. April) war der Absatz 7,6 Prozent geringer als im Jahr zuvor.
Begehrlichkeiten zum Normalpreis
Weihnachten 2025 könnten sich die Verbraucher ähnlich verhalten. Es bleibt die Herausforderung im Handel, Entscheidungen zugunsten der Schokoladenprodukte zu beeinflussen. Oder wie es Petra Fix (Ritter Sport) ausdrückt: „Süßware ist ein Impulsartikel, der entdeckt und nicht gesucht wird.“ Sie nennt aufmerksamkeitsstarke Zweitplatzierungen ohne Preisabsenkungen einen starken Kaufimpuls mit Wertschöpfungspotenzial. Limited Editions weckten Begehrlichkeiten zu einem Normalpreis. „Auch dem preisbewussten Verbraucher sind nach wie vor Qualität und Geschmack eines Genussmittels wie Schokolade sehr wichtig.“ In der Kommunikation komme es daher künftig auch darauf an, den unmittelbaren Zusammenhang zwischen nachhaltigem Engagement im Rohstoffbezug und der damit verbundenen Qualität deutlich zu machen.
Michael Temel (Gunz) ist es wichtig, dass der Verbraucher über die Verpackung und das Fairtrade-Logo sensibilisiert wird: „Damit auch in Zukunft Schokoladen, Pralinen und weitere Produkte aus dem Rohstoff Kakao hergestellt werden können, gibt es meiner Meinung nach keinen Plan B.“ Verbraucher in Europa achteten sehr darauf, wo die Produkte herkämen. Neben europäischen Standards seien der nachhaltige Anbau und nachhaltige Lieferketten essenziell. „Deshalb ist Fairness nicht eine Frage des Preises, sondern eine Selbstverständlichkeit, auch im Preiseinstieg genau darauf zu achten.“ Auch im Handel sei diese Akzeptanz schon stark verbreitet – werde aber noch zu oft „als Kann, aber kein Muss angesehen“.
„Loacker bleibt Premiumprodukt, dessen Qualität man im Vergleich zum Wettbewerb und zu Handelsmarken deutlich schmeckt“, betont Marketingleiter Bahlaouane. Klar sei aber auch, dass mehr Kunden im Discount kauften beziehungsweise in der Aktion. „Wir haben darauf mit besonderen Deals sowie angepassten Produktgrammaturen für den Discount-LEH gezielt reagiert.“ Mit einem Neuprodukt wollen die Südtiroler die Käufer abholen, denen die klassische Schokoladentafel zu teuer geworden ist: „Mit der Chocolaterie, bestehend aus drei Lagen Waffelblättchen und Schokoladencreme, umhüllt von Vollmilch- oder Bitterschokolade, bieten wir dem Handel eine Alternative. Die neue Edition trifft aufgrund der attraktiven Preisgestaltung im Vergleich zu einer herkömmlichen Tafelschokolade auf besonders positive Resonanz im Markt.“
Der Klimawandel ist Fakt. Hersteller und Handel stellen sich dem, entwickeln Ideen, damit Schokolade auf der Basis von Kakaobohnen die einen ernähren und die anderen erfreuen kann. Die Kommunikation mit dem Verbraucher über diesen Zusammenhang ist eine Aufgabe, die Durchhaltevermögen und positive Beharrlichkeit erfordert. Und gemeinsames Handeln der Branche.
