Ein wolkenloser, blauer Himmel überwölbt die Stadt Bozen, als Ulrich Zuenelli, Andreas Loacker und Martin Loacker beginnen, einen riesigen Blechkuchen zu zerteilen. Zahllose Influencer und Gäste aus aller Welt verfolgen an diesem warmen Frühlingstag das Spektakel auf dem zentralen Walterplatz, auf den der Waffelhersteller Loacker zur Feier seines 100-jährigen Bestehens eingeladen hat. Zuvor hatten sich schon die Größen der Politik die Ehre gegeben, darunter Südtirols Landeshauptmann Arno Kompatscher und sein Amtskollege aus dem benachbarten österreichischen Bundesland Tirol, Anton Mattle. Kein Zweifel: Loacker ist in der Region Tirol verwurzelt.
Doch etabliert ist die Marke seit Langem weit über die Grenzen Südtirols hinaus, etwa in den USA und in den Ländern des Nahen und des Fernen Ostens. Das Unternehmen geht auf Alfons Loacker zurück, der 1925 mit einer Konditorei in Bozen begann. Seitdem ist viel passiert. Die Produktion findet heute in Unterinn auf 1.000 Meter Höhe inmitten der Natur statt, seit 1999 auch in Heinfels auf der österreichischen Seite der Grenze. Inzwischen führt bereits die dritte Generation die Geschäfte. Die Gründerenkel Andreas und Martin Loacker sowie Ulrich Zuenelli tragen die Verantwortung für das Unternehmen mit seinen knapp 1.200 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von zuletzt 462,4 Millionen Euro. Und auch wenn die italienische Heimat der wichtigste Einzelmarkt bleibt, erwirtschaftete Loacker zuletzt nach Angaben Zuenellis 256 Millionen Euro im Ausland. Damit liegt der Exportanteil bei rund 55 Prozent. Zu den wichtigsten Auslandsmärkten zählen die USA, Saudi-Arabien, China und Israel. Die Verantwortlichen bei Loacker bewiesen das richtige Gespür, als sie bereits in den 1980er-Jahren auf den Nahen und Mittleren Osten als Absatzmarkt der Zukunft setzten – und dafür von manchen Konkurrenten insgeheim bespöttelt wurden.
Schwierige Zeiten gemeistert
Doch dass die kleine Konditorei zu einem international erfolgreichen Süßwarenhersteller heranwachsen würde, war lange nicht ausgemacht. Tatsächlich war eine Zeit lang nicht klar, ob das Unternehmen überhaupt Bestand haben würde. Ende der 70er durchlebte Loacker „ganz schwierige Jahre“, wie Ulrich Zuenelli berichtet, Vorsitzender der Geschäftsführung und zuständig für den Vertrieb: Für das damals neue Werk in Unterinn hatte Loacker große Kredite aufgenommen, und die Zinsen lagen nach Zuenellis Worten seinerzeit in Südtirol bei 29 Prozent. Ein Markenrelaunch und verbesserte Rezepturen halfen, das Ruder herumzureißen. Martin Loacker resümiert: „Im Laufe der Jahrzehnte hat sich Loacker weiterentwickelt, neue Herausforderungen angenommen und sich immer neu erfunden.“
Loacker betrachtet sich als Vorreiter in Sachen Nachhaltigkeit. Das betrifft einerseits Rohstoffe wie Haselnüsse, Kakao und Milch. „Unsere Rohstoffe sind das Herz unserer Produkte. Deshalb legen wir hier besonders großen Wert auf Qualität“, sagt Andreas Loacker, Vizepräsident des Unternehmens. Die Haselnüsse stammen aus italienischem Anbau, die gentechnikfreie Milch bezieht Loacker von regionalen Bauernhöfen. Andererseits soll auch die Produktion selbst möglichst ressourcenschonend sein. So setzte Loacker beispielsweise im Jahr 1987 als erstes Südtiroler Unternehmen auf Wärmerückgewinnung zur Heizung der Werke. „Heute beheizen wir beide Werke nur mit der Abwärme der Öfen“, sagt Ulrich Zuenelli nicht ohne Stolz in der Stimme. Die Arbeit an umweltverträglicher und perspektivisch klimaneutraler Produktion ist ein laufendes Unterfangen. Gerade erst hat Loacker Zuenelli zufolge die Statuten des Unternehmens hin zu einer sogenannten Società Benefit geändert, die neben der Gewinnerzielungsabsicht auch den Gemeinwohlgedanken einschließt.
Investition in neues Forschungszentrum
Natürlich kann der Waffelproduzent sich nicht auf dem in 100 Jahren Erreichten ausruhen. Um Loacker auf Wachstumskurs zu halten, wollen die Verantwortlichen die Marktdruchdringung erhöhen. Dafür wolle man gezielt die Marketing- und Kommunikationsinvestitionen erhöhen, sagt Ulrich Zuenelli. Der Endverbraucher solle erfahren, „was sich alles hinter unserer Qualität verbirgt“. Investieren will Loacker nicht nur in Öffentlichkeitsarbeit und Marketing, sondern auch in moderne Technologie und neue Produkte. Dafür entsteht am Stammwerk in Unterinn ein Technologie- und Innovationszentrum für rund 30 Millionen Euro. In dem neuen Gebäudekomplex sollen nicht nur Produktentwicklungslabore untergebracht sein. Auch eine sogenannte Scale-up-Halle für Pilotanlagen und eine Montagehalle für selbst erstellte Anlagen ist vorgesehen. Schließlich habe man viele proprietäre Anlagen, so Zuenelli. Fertiggestellt sein soll das neue Technologiezentrum bis 2027.
4 Fragen an
Ulrich Zuenelli. Er ist Enkel des Loacker-Gründers Alfons Loacker und Vorsitzender der Geschäftsführung.
Herr Zuenelli, Sie feiern 100 Jahre Loacker in einer schwierigen Marktlage. Wie gehen Sie mit den hohen Rohstoffkosten um?
Ulrich Zuenelli: Die Kosten sind eine Herausforderung, aber wir bleiben optimistisch. Unser Fokus liegt weiterhin auf Qualität und natürlichem Geschmack. Ein großer Teil unseres Sortiments und Umsatzes stammt aus dem nicht schokolierten Bereich. Zwar sind wir auch dort von den Preisen für Kakaobutter und Kakaopulver betroffen, aber nicht so stark wie im schokolierten Bereich. Das eröffnet uns Chancen, da es zu Marktverschiebungen zwischen schokolierten und nicht schokolierten Süßwaren kommen könnte.
Wie zufrieden sind Sie mit dem letzten Geschäftsjahr?
Das Jahr 2024 war in Bezug auf den Umsatz mit einem Plus von 7 Prozent sehr gut und mit Blick auf den Gewinn zufriedenstellend. Da wir die Kostensteigerungen nicht vollständig an die Kunden weitergegeben haben, fiel unser Gewinn etwas geringer aus, aber immer noch zufriedenstellend. Für 2025 mussten wir die Kostensteigerungen durch Preiserhöhungen weitergeben und müssen nun abwarten, wie die Verbraucher darauf reagieren.
Die USA sind einer Ihrer wichtigsten Absatzmärkte. Denken Sie angesichts der Zollpolitik über eine Produktion vor Ort nach?
Aktuell haben wir nicht die notwendige kritische Masse, um eine Produktion vor Ort aufzubauen. Das steht vorerst für uns nicht auf der Agenda. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass die USA sich dauerhaft protektionistisch verhalten werden. Das würde wirtschaftlich keinen Sinn ergeben.
Loacker ist nun 100 Jahre alt. Sind Sie zuversichtlich, dass das Unternehmen auch die 150 und 200 Jahre wird feiern können?
Natürlich blicken wir jetzt erst einmal stolz auf 100 Jahre Unternehmensgeschichte zurück. Wir sind jedoch überzeugt, dass wir auch für die Zukunft gut aufgestellt sind. Als dritte Generation ist es unser größtes Ziel, die Brücke zu bauen zur vierten und hoffentlich auch zur fünften Generation.
