Einkauf mit... Proteinprodukte-Experte Nicolas Lother über Preiskämpfe und Purpose

Hintergrund

Was der Produktchef des Proteinherstellers The Quality Group zwischen Supermarktregalen über sich und über Nahrungsergänzungsmittel verrät.

Mittwoch, 20. August 2025, 07:40 Uhr
Elena Kuss
Bildquelle: Peter Eilers

Nicolas Lother greift ins Regal, dreht eine Packung mit Nahrungsergänzungsmitteln in der Hand und liest die Zutatenliste. Er runzelt die Stirn, sagt: Bioverfügbarkeit sei entscheidend. Ein Einkauf mit Lother, dem Produktchef des Nahrungsergänzungsmittel-Herstellers The Quality Group (TQG), ist wie eine Reise in die Welt gesundheitsoptimierter Ernährung: An diesem Tag wird keine Schokolade im Einkaufskorb landen, das steht fest.

Die LP trifft Lother im Rewe-Markt von Irfan Sinanovic in Würzburg – für Lother ein vertrauter Ort. Er kauft regelmäßig hier ein, kennt das Sortiment, kennt den Marktleiter – jemand, der sich für gesunde und frische Produkte starkmacht. Am Regeal mit den Nahrungsergänzungsmitteln sagt Lother, er habe sich schon als Jugendlicher sogenannte Supplements bestellt – damals noch bei Anbietern aus den USA.

Heute gibt es Nahrungsergänzungsmittel mit hoher Bioverfügbarkeit wie Magnesiumbisglycinat, Vitamin D3 oder Omega-3 auch in vielen deutschen Supermärkten zu kaufen, auch bei Rewe Sinanovic. In den Regalen stehen unter anderem Produkte der Marke ESN, die Nicolas Lother als Chief Produkt Officer mitverantwortet.

Der Markt mit Nahrungsergänzungsmitteln und frei verkäuflichen Arzneimitteln (OTC) wächst trotz allgemeiner Konsumzurückhaltung. Trends wie Longevity – dem Streben nach einem möglichst langen Leben – und personalisierte Ernährung, mit denen Anbieter in den USA schon Milliardenbeträge verdienen, kommen gerade im europäischen Markt an. Auch die Zahlen von Lothers Arbeitgeber zeigen das wirtschaftliche Potenzial, das in funktionaler Ernährung liegt: 2024 erzielte The Quality Group nach eigenen Angaben mehr als 800 Millionen Euro Umsatz. 2023 waren es noch 680 Millionen Euro gewesen, 2022 rund 450 Millionen Euro. Funktionale Ernährung heißt: Produkte, die mehr können als nur gut schmecken – sie sollen dem Körper messbar nutzen. Protein steht exemplarisch für diesen Ansatz. „Protein ist total in den Routinen der Menschen angekommen“, sagt Lother.

„Könnte ich bitte kurz an das Regal?“, fragt eine ältere Frau im Rewe-Markt in Würzburg, schiebt ihren Einkaufswagen zur Seite und greift gezielt nach einem Sirup aus dem Nahrungsergänzungssortiment: Das Produkt soll viel Geschmack bieten, keinen Zucker enthalten – so die Auslobung. Die Zweitplatzierung mit Protein-Shakes, Sahneersatz und Sirup ist hinter der Obst- und Gemüseabteilung so positioniert, dass Kunden kaum daran vorbeikommen. Auch die gesundheitsbewusste 60-Jährige greift zu – zumindest an diesem Vormittag in Würzburg. „Wir wissen nicht genau, wer uns im Handel kauft“, sagt Lother über das eigene Sortiment. Aber das Wachstum spricht dafür, dass sich die Zielgruppe deutlich ausgeweitet hat.

Von der Polizei zum Protein

Vor fünf Jahren stand Lother an einem persönlichen Wendepunkt. Nach einer langen Kinderwunschzeit wurde seine Frau endlich schwanger. Ein absolutes Wunschkind – und ein Moment zwischen Aufbruch und Verantwortung. In dieser Phase traf er Christian Wolf, den Gründer von Quality First, damals dem Unternehmen hinter der Sportlernahrungs-Marke More Nutrition. Lother hatte sich mit seinem Blog über Sportlernahrung einen Namen gemacht. Neben der Arbeit bei der Polizei beriet er bereits Proteinpulver-Hersteller. Nach dem Treffen mit Wolf beendete er seine sichere Polizeikarriere – mit der Unterstützung seiner Frau. „Sie hat gesagt: Wenn du’s machst, dann richtig“, erinnert er sich. Er beantragte seine Entlassung und stieg bei Quality First als Head of Research and Development ein.

Lother – ruhig, analytisch, heimatverbunden – wirkt wie das Gegenstück zu More-Nutrition-Gründer Christian Wolf, der sich in den sozialen Netzwerken als polarisierender Selfmade-Millionär und Visionär inszeniert. 2023 ist er aus der operativen Führung ausgeschieden, hält jedoch weiterhin Anteile.

Doch die mutige Entscheidung hat sich für Lother offenbar ausgezahlt. Heute verantwortet er die Produktentwicklung bei der Quality Group. Mit seiner Frau, dem Sohn und seiner Mutter lebt er im Elternhaus in einem kleinen Weindorf nahe Würzburg. Die jüngere Schwester hat er ausgezahlt, das Familienhaus übernommen. Von hier aus pendelt er regelmäßig nach Hamburg – seit dem Zusammenschluss von ESN und More Nutrition 2022 der neue Firmensitz. Produziert wird im schleswig-holsteinischen Elmshorn. Und der Wachstumsdruck steigt: Immer mehr spricht dafür, dass TQG bald an die Börse geht. Das Unternehmen sucht derzeit gezielt nach „Machern“, die den Einstieg in den US-Markt vorantreiben sollen.

Trotz aller Ambitionen will Lother vorerst bleiben, wo seine Wurzeln sind: in Unterfranken, bei seiner Familie – und damit auch in Reichweite zum Rewe Sinanovic. „Dann pendle ich lieber mehr“, sagt der 35-Jährige. Er kann sich vorstellen, bei TQG in Rente zu gehen. „Aber nur, wenn wir unserer Mission treu bleiben und weiter so gute Produkte machen“, sagt er. Und ganz sicher scheint das nicht zu sein: 2022 stieg der luxemburgische Finanzinvestor CVC mit rund 800 Millionen Euro für 66 Prozent der Firmenanteile ein, ein Jahr später wurde der Anteil auf 80 Prozent erhöht. TQG war lange ein E-Commerce-Player – jetzt wächst das Geschäft mit Priorität auf dem stationären Einzelhandel.

2024 stieg laut Unternehmen der Retail-Anteil am Gesamtumsatz auf 24 Prozent. „Wir haben dafür viel in unser Team investiert“, sagt Lother. Das Field-Sales-Team umfasst inzwischen 45 Mitarbeiter, dazu kommen vier Regionalleiter und ein Head of Field Sales. Im Sommer 2023 waren es noch rund 15. Auch im Key Account Management wurden in diesem Jahr vier neue Positionen geschaffen.

Gesünder durch Ernährung

Trotz Wachstum, Investoren und Expansionsplänen bleibt TQG für Lother ein persönliches Projekt. Ernährung, sagt er, dürfe kein elitäres Thema sein. Sie solle einfach, zugänglich, wirksam sein – für alle. Nicht als Ausnahme, sondern als Normalität. Deshalb kauft er im Rewe-Markt in Würzburg viel frisches Gemüse. Er klopft an einer Melone. „Je dumpfer der Klang, desto reifer“, sagt Lother. An der Theke nimmt er frischen Fisch mit: Barsch. „Meine Mutter hat durch die eiweißreiche Ernährung und regelmäßigen Kraftsport viel weniger Probleme mit den Gelenken“, erzählt er. Er klingt stolz. Es macht den Anschein, als sei ihm das wichtiger als jede Investmentrunde. Gleichzeitig kennt Lother die Grenzen gesunder Ernährung. Auch seine Frau stellte während der Kinderwunschzeit ihre Ernährung um – geholfen hat letztlich die medizinische Behandlung. „Wir sind total dankbar, dass es so etwas wie Kinderwunschbehandlung gibt“, sagt er.

Am Gewürzregal bleibt er stehen. Auch hier schaut er auf die Zutatenliste. Klassische Gewürzhersteller wie Ostmann haben oft keinen Zucker in ihren Produkten, sagt Lother. Bei vielen Gewürzmischungen sehe das aber anders aus. Er will im Lebensmittelhandel fachlich aufräumen. Ein Beispiel: BCAA-Produkte – lange ein Bestseller in der Fitnesswelt. Aus Lothers Perspektive problematisch, denn BCAAs enthalten nur drei der neun essenziellen Aminosäuren. Ein unvollständiges Angebot, meint er. Heute sind BCAAs weitgehend aus den Regalen verschwunden. Bei manchen anderen Produkten könnte es auch so laufen, glaubt Lother.

Preisdifferenz erheblich

Ein Standardpräparat mit Magnesiumoxid kostet etwa halb so viel wie ein Produkt von ESN – und auch bei diesen günstigeren Varianten ist die Wirkung wissenschaftlich belegt. Um die deutliche Preisdifferenz etwas abzufedern, veranstaltet The Quality Group zweimal im Jahr Rabattaktionen: im Frühjahr die ISN Week, im Herbst die Black Week. Solche Aktionszeiträume erwarten viele Kunden – selbst im sensiblen Bereich Ernährung, sagt Nicolas Lother. Auch er macht da keine Ausnahme: Gemeinsam mit seiner Frau checkt er sonntagabends auf dem Smartphone die Angebote aller Handelsketten – von der Rewe-App bis zu Lidl Plus. „Wir haben alles“, sagt Lother. Am Kühlregal sucht er gezielt nach Herta Finesse, weil es im Rewe Sinanovic im Angebot ist. Er legt sechs Packungen in den Einkaufskorb und bezahlt an der Selfscankasse.

Darmgesundheit rückt in den Fokus

Der Markt für Nahrungsergänzungsmittel und frei verkäufliche Arzneimittel wächst trotz allgemeiner Konsumzurückhaltung – insbesondere getrieben durch veränderte Gesundheitsbedürfnisse der Verbraucher und Investitionen großer Konzerne. Daten von Marktbeobachtern zufolge erreicht das Segment im Jahr 2025 weltweit ein Umsatzvolumen von rund 190 Milliarden Euro.

Die jährlichen Wachstumsraten sollen bis 2028 im Durchschnitt bei knapp 9 Prozent liegen. Europa trägt etwa ein Fünftel zu diesem Umsatz bei, wobei Deutschland den größten Anteil stellt. Im sogenannten OTC-Segment – also bei Produkten, die ohne Rezept verkauft werden – entwickeln sich in Deutschland Mittel für Magen und Verdauung am stärksten.

Laut Marktforschungsdaten von Nielsen IQ (NIQ) erzielte diese Kategorie 2024 einen Umsatz von 419 Millionen Euro in Deutschland und überholte damit die traditionell stärkeren Vitamin- und Mineralstoffpräparate. Letztere kamen im selben Zeitraum auf 384 Millionen Euro Umsatz. Innerhalb der Kategorie Vitamin- und Mineralstoffe erwirtschaftete Magnesium in den zwölf Monaten bis zum 25. Mai 2025 119 Millionen Euro und somit den größten Anteil.

Umsatzentwicklung ausgewählter Gesundheitsprodukte in Lebensmittelhandel und Drogeriemärkten in Millionen Euro

Diät macht Umsatz

Erkältungsmittel steigerten ihren Umsatz von 195 Millionen Euro 2022 auf 240 Millionen Euro im Jahr 2024. Weniger Umsatz machte in der OTC-Kategorie lediglich Melissengeist. Besonders gefragt sind laut NIQ Mittel zur Gewichtsreduktion. Sie stehen innerhalb der Kategorie Magen und Verdauung mit einem Umsatz von 204 Millionen Euro an der Spitze.

Junge wollen Vitamine

Die Marktforschungsagentur Yougov beobachtet einen Trend zur Selbstoptimierung. Verbraucher suchen vermehrt nach Produkten, die bestimmte gesundheitliche Vorteile bieten – etwa sogenannte Superfoods oder Lebensmittel mit zugesetzten Vitaminen, Mineralstoffen und Proteinen. Jüngere Verbraucher spielen bei dieser Entwicklung laut Yougov eine zentrale Rolle. So bevorzugen 22 Prozent der Haushalte von Menschen zwischen 18 und 34 Jahren Lebensmittel mit zugesetzten Vitaminen.

Über alle Altersgruppen hinweg liegt dieser Anteil bei 17 Prozent. Beim Thema Protein zeigen sich ähnliche Unterschiede: 17 Prozent der jungen Konsumentinnen und Konsumenten greifen bevorzugt zu proteinreichen Lebensmitteln – über alle Altersgruppen hinweg sind es nur 10 Prozent. Diese Präferenzen spiegeln sich in den Absatzzahlen wider. Der Verkauf proteinreicher Produkte – etwa in Pulverform – hat sich laut NIQ zwischen 2022 und 2024 fast verdoppelt: Die Anzahl verkaufter Einheiten stieg von rund 6,8 auf 11,1 Millionen Stück. Der Umsatz legte im selben Zeitraum von knapp 79 Millionen Euro auf 136 Millionen Euro zu. 

Die Entwicklung bleibt nicht ohne Folgen für den Markt: Große Unternehmen verstärken ihr Engagement im Segment frei verkäuflicher Gesundheitsprodukte. Das Frankfurter Unternehmen Merz übernahm die Mehrheit am Hersteller Windstar Medical und integrierte ihn in die Tochtergesellschaft Merz Lifecare. Unter dem gemeinsamen Dach firmieren nun Marken wie Merz Spezial, Tetesept, SOS und Zirkulin. Auch für große Pharmakonzerne sind kleinere Anbieter zunehmend interessant. Bayer hat Anfang 2025 seine Beteiligung am Nahrungsergänzungshersteller Natsana von zuvor 30 auf 100 Prozent erhöht.

Mikrobiom im Trend

Verbindendes Motiv vieler Neupositionierungen ist nach Einschätzung von Yougov der Trend zur sogenannten Darmgesundheit. Produkte, die das Mikrobiom – also die Gesamtheit der im Darm lebenden Mikroorganismen – stärken oder balancieren sollen, gelten als besonders wachstumsstark. Der Trend lässt sich nicht nur im Nahrungsergänzungsmarkt beobachten, sondern strahlt auch auf Segmente wie Süßwaren oder Gesichtspflegeprodukte aus.