Die Halle wirkt von außen unscheinbar – doch drinnen surren Maschinen, der Geruch von Tabak liegt schwer in der Luft. Als Ermittler des Zollfahndungsamts Essen eintreten, staunen sie nicht schlecht: Inmitten der lärmenden Produktionsstraße stehen hochprofessionelle Generatoren, es stapeln sich Verpackungseinheiten, Filterrollen und tonnenweise geschnittener Tabak – der illegale Herstellungsprozess läuft noch. Was die Fahnder Ende März in Düsseldorf entdecken, gleicht einer echten Zigarettenfabrik – nur eben ohne Lizenz, ohne Steuern, ohne jede Kontrolle. 25 Millionen gefälschte Kippen, fertig zur Auslieferung, liegen in Kisten gestapelt. Markenware wie Marlboro, scheinbar vertraut, aber produziert im Schatten der Legalität. „Die Zigaretten waren nach derzeitigen Erkenntnissen hauptsächlich für den deutschen und europäischen Schwarzmarkt bestimmt“, erklärt Zoll-Sprecherin Heike Sennewald. Ihre Schilderungen bieten einen Einblick in eine Schattenwelt, die sich mitten in Deutschland gebildet hat – diskret, effizient, hochprofessionell. Und die Fabrik in Düsseldorf ist kein Einzelfall.
Illegale Zigaretten überschwemmen Markt
Die Berater von KPMG kommen in einer aktuellen Studie zu einem eindeutigen Ergebnis: Der illegale Tabakhandel wächst in der EU rasant. 2024 wurden europaweit 52,2 Milliarden illegale Zigaretten konsumiert – das ist jede zehnte Kippe. 19,4 Milliarden Euro Steuereinnahmen sollen den Staaten dadurch durch die Lappen gegangen sein. Ein Hotspot dieser Organisierten Kriminalität ist Deutschland. Sieben Razzien bei illegalen Produktionsstätten gab es hier 2024 – deutlich mehr als in der Vergangenheit. Die Akteure im Schwarzmarkt müssen dabei eine gewaltige Nachfrage bedienen: 2024 wurden hierzulande 1,7 Milliarden illegale Zigaretten geraucht. Damit steht die Bundesrepublik an vierter Stelle im Ranking der größten europäischen Schwarzmärkte für Zigaretten. Die Gewinne fließen in weitere kriminelle Aktivitäten wie Drogen- und Menschenhandel.
Hersteller bekämpfen Schwarzmarkt
In Auftrag gegeben wurde die KPMG-Studie von Marlboro-Hersteller und Weltmarktführer Philip Morris. Die Zigarettenindustrie hat ein ureigenes Interesse daran, den illegalen Markt zurückzudrängen und den Verkauf ihrer legalen Produkte voranzutreiben. Doch das wird angesichts der Preisentwicklung immer schwerer. Raucher mussten in Deutschland im vergangenen Jahr rund 37 Cent für eine Zigarette zahlen. Im Vergleich zu 1965 stieg der Preis für einen Glimmstängel damit um über 600 Prozent. Eine Schachtel mit 20 Zigaretten kostet aktuell in Deutschland durchschnittlich 8,70 Euro. Und obwohl dies im Vergleich mit anderen Ländern wie Australien, Neuseeland oder Irland vergleichsweise moderat ist, decken sich immer mehr preissensible Raucher mit illegalen Produkten ein. Das meiste davon ist Schmuggelware oder stammt aus der Produktion einer illegalen Fabrik.
Doch es geht Konzernen wie Reemtsma oder British American Tobacco längst nicht mehr nur um die klassische Fabrikzigarette. Marlboro-Hersteller Philip Morris erklärt den Glimmstängel mit seiner Vision einer komplett rauchfreien Zukunft sogar selbst zu einem Relikt der Vergangenheit. Man setzt auf Alternativen wie E-Zigaretten, Tabakerhitzer und Nikotinbeutel. Doch mit dem Tabaksteuermodernisierungsgesetz im Jahr 2021 verteuerten sich nicht nur Zigaretten- und Pfeifentabak über die Jahre. Auch die Steuersätze für die neue Generation an Nikotinprodukten wurden deutlich erhöht. Ganz zum Unmut der Hersteller, schließlich werden Vapes und Erhitzer von diesen als weniger schädliche Alternative zum klassischen Tabak beworben. „Eine wissenschaftsbasierte Regulierung sollte anerkennen, dass nicht alle Erzeugnisse das gleiche Risikoprofil besitzen und sich am individuellen Risiko einzelner Erzeugnisse orientieren“, heißt es dazu von Philip Morris. Ähnlich klingt es beim Wettbewerber Imperial Brands/Reemtsma. Alternative Produkte sollten risikobasiert besteuert werden, um Rauchern traditioneller Zigaretten den Umstieg zu erleichtern, heißt es dazu auf Anfrage. Befürworter einer steuerlichen Bevorzugung der neuen Nikotinprodukte verweisen gerne auf Schweden: Durch den breiten Umstieg auf rauchfreie, schadstoffarme Nikotinprodukte sei die Raucherquote dort auf unter 6 Prozent gefallen – der unangefochtene Spitzenwert in der EU, heißt es dazu aus dem Bundesverband der Tabakwirtschaft und neuartiger Erzeugnisse (BVTE). „Das ist kein Zufall, sondern das Ergebnis einer pragmatischen Gesundheitspolitik, die auf Aufklärung und Wahlfreiheit der Konsumenten setzt“, so BVTE-Hauptgeschäftsführer Jan Mücke. Innovative, rauchfreie Nikotinprodukte seien eine Chance für die öffentliche Gesundheit und keine Bedrohung, die mit Aromenverboten, Einheitsverpackungen und Steuererhöhungen bekämpft werden müsste, so der Verbandschef.
Noch ist Osteuropa eine Alternative
Grenzeinkäufe sind bei Rauchern aus Deutschland beliebt. Nach den vom Marktforschungsinstitut Ipsos erhobenen Abfalluntersuchungen in Müllsortieranlagen und auf der Straße beträgt der Anteil der Zigarettenschachteln ohne deutsche Steuerbanderole für das Jahr 2024 19,8 Prozent. Jede fünfte Zigarette wurde nicht in Deutschland versteuert. Die meisten dieser Kippen stammten aus Polen. Allerdings führen auch hier Steuererhöhungen zu steigenden Preisen: Im März wurde im osteuropäischen Nachbarland die Tabaksteuer um 25 Prozent für Zigaretten angehoben. Vor allem in Tschechien werden seit Jahren immer weniger Zigaretten eingekauft. 2024 stammten nur 14 Prozent der nicht in Deutschland versteuerten Zigarettenpackungen aus Tschechien. Auch dort sind in den letzten Jahren die Preise stark angestiegen.
Auch Alternativen werden illegal verkauft
Tatsächlich scheint der Bericht von KPMG die Befürchtungen der Konzerne zu untermauern. Auch bei den seit Jahren immer wieder teurer werdenden alternativen Nikotinprodukten hat sich der Schwarzmarkt laut der Studie ausgebreitet. Die Organisierte Kriminalität erobert demnach nun auch den Markt für rauchfreie Produkte wie Tabakerhitzer. In keinem anderen Land in Europa wurden 2024 mehr geschmuggelte Tabaksticks gehandelt als in Deutschland, nämlich 150 Millionen Stück. Durch die mittlerweile hohe Besteuerung dieser Produkte im Vergleich zu Ländern wie Polen oder Tschechien weichen laut den Autoren immer mehr Konsumenten aus: Rund ein Drittel aller in Deutschland konsumierten Tabaksticks wurde nicht versteuert, zwei Drittel davon stammen aus den Nachbarländern.
Oliver Pohland, Geschäftsführer des Verbands des eZigarettenhandels (VdeH), beobachtet diesen Trend schon lange. „Der massive Mangel an Ressourcen bei Zoll und Überwachungsbehörden führt zu einem anhaltenden Vollzugsdefizit. Kontrollen finden – wenn überhaupt – nur punktuell statt“, so der Verbandschef zum immer größer werdenden Schwarzmarkt für Zigaretten-Alternativen.
Ist die Zukunft rauchfrei?
Die Zahl der Raucher sinkt seit Jahren. Diejenigen, die es noch tun, kaufen wegen der gestiegenen Preise vermehrt im Ausland oder gar auf dem Schwarzmarkt. Alternativen wie Tabak-Erhitzer oder elektronische Zigaretten gewinnen an Bedeutung. Befürworter sehen in den neuen Produkten eine Chance, dass immer mehr Raucher vom Tabakrauch loskommen und auf vermeintlich weniger schädliche Nikotin-Produkte umsteigen. Kritiker bemängeln, dass es zu den gesundheitlichen Auswirkungen keine Langzeitstudien gibt.
Verbote sind wieder ein Thema
Neben der Diskussion um den sich ausbreitenden illegalen Markt für Nikotinprodukte werden auch immer wieder Verbote insbesondere für Einweg-E-Zigaretten gefordert. In den Vapes sind meist Lithium-Polymer-Akkus verbaut. Diese sind kompakt, leicht und günstig herzustellen, aber sie bergen ökologische und sicherheitstechnische Probleme. E-Zigaretten sind außerdem umstritten, da sich die Werbung mit ihren bunten Designs und süßen Geschmacksrichtungen laut Kritikern vornehmlich an Kinder richtet. Auch Silke Gorißen, Ministerin für Landwirtschaft und Verbraucherschutz des Landes Nordrhein-Westfalen, äußerte sich kürzlich zum Thema. Zwar ging Gorißen nicht so weit, ein Verbot für E-Zigaretten zu fordern. Die Ministerin monierte aber mit deutlichen Worten, dass sich der Geschmack, das Design und die Darstellung in sozialen Medien deutlich an junge Erwachsene und Jugendliche richteten. „Es braucht klare Vorschriften für das Design der Verpackungen dieser schädlichen Nikotinprodukte und darin enthaltene Aromastoffe“, so die Ministerin.
Philip Drögemüller, Geschäftsführer beim Bündnis für Tabakfreien Genuss (BfTG), einem weiteren Branchenverband, hält dagegen: Bereits seit dem 1. Januar 2024 gelte in Deutschland ein umfassendes Werbeverbot für E-Zigaretten und Nachfüllbehälter. Zudem würden die jüngsten Zahlen der Debra-Studie (Deutsche Befragung zum Rauchverhalten) zeigen, dass nur 1,5 Prozent der 14- bis 17-Jährigen E-Zigaretten nutzen – mit sinkender Tendenz. Zum Vergleich: 6,2 Prozent dieser Altersgruppe rauchen klassische Zigaretten. „Jugendliche sollten weder rauchen noch dampfen. Der Jugendschutz muss durch staatliche Behörden konsequent durchgesetzt werden“, so Drögemüller.
Obwohl die Einwegvarianten der Vapes mit der EU-Batterieverordnung Ende 2026 Geschichte sein werden, wollen manche Länder nicht so lange warten: In Belgien und Großbritannien sind solche Produkte mittlerweile verboten. Frankreich und die Schweiz planen ebenfalls eine Verbannung der elektronischen Einweg-Zigaretten aus den Regalen. Ein Schritt, den die Deutsche Umwelthilfe (DUH) auch für Deutschland fordert. Hierzulande würden jährlich 60 Millionen Einweg-E-Zigaretten verbraucht und so mehr als 2.000 Tonnen Elektroschrott erzeugt, rechnet Barbara Metz, Geschäftsführerin der DUH, vor.
Tabak-Lobbyist Mücke hält nicht viel von solchen Vorschlägen. Der Staat müsse alles unterlassen, was den Schwarzmarkt zusätzlich anheizen würde. Besonders klar zu verurteilen seien Komplettverbote. Das Vereinte Königreich geht nicht nur rigoros gegen Einweg-Vapes vor, sondern hat auch klassischen Zigaretten den Kampf angesagt. Wer heute unter 16 ist, soll nie legal Zigaretten kaufen dürfen: „Diese Vorschläge verschaffen der Organisierten Kriminalität eine Sonderkonjunktur“, so Mücke.
