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Interview mit Niels Lorenz „Wir brauchen Lösungen“

Tobias Dünnebacke | 06. November 2018
Interview mit Niels Lorenz: „Wir brauchen Lösungen“

Bildquelle: Carsten Hoppen

Niels Lorenz, Sprecher der Geschäftsführung der Radeberger-Gruppe, stellt sein Unternehmen auf die Zukunft ein. Mit der Lebensmittel Praxis sprach der Manager darüber, wie man mit Künstlicher Intelligenz mehr Bier verkaufen kann, welche Ambitionen die Radeberger-Gruppe mit dem Lieferdienst Durstexpress hat und warum der Klassiker Clausthaler eine zweite Chance verdient.

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Herr Lorenz, Digitalisierung ist bei der Radeberger-Gruppe kein einfaches Schlagwort, sondern die zentrale Triebfeder von vielen aktuellen Aktivitäten. Warum kommt gerade jetzt diese Dynamik?
Niels Lorenz: Wir erleben aktuell eine grundsätzliche Veränderung der Märkte, des tradierten Wettbewerbs. Nicht nur in der Getränkebranche werden Händler zu Herstellern, Hersteller zu Händlern, digitale Unternehmen engagieren sich stationär und der stationäre Handel betreibt sein Geschäft auch im Internet. Wir müssen uns die Frage stellen, wie man sich in einer solch dramatisch verändernden Welt aufstellt. Unsere Antwort ist: ein Angebot von möglichst gesamtheitlichen Lösungen.

Geben Sie ein konkretes Beispiel!
Nehmen Sie den B2B-Bereich: Ein Gastronom will heute nicht mehr nur ein einzelnes Produkt, er will ein ganzes Portfolio an alkoholhaltigen und alkoholfreien Getränken. Hinzu kommt idealerweise ein attraktives Food-Angebot. Zu guter Letzt will er eine einfache Lösung für alles Administrative. Ein modernes Kassensystem, Buchhaltung, Reservierungssystem, Personalplanung, … Es gibt einen ganzen Strauß an Themen, mit denen wir ihm die Arbeit erleichtern können, so dass er sich wieder auf das Eigentliche konzentrieren kann: Gastgeber zu sein.

Die Digitalisierung entwickelt beim Bestellvorgang eine große Dynamik. Warum soll im geschäftlichen Bereich nicht möglich sein, was im privaten (Amazon, Zalando et cetera) schon lange Standard ist? Eine Abwicklung über den Notizblock ist nicht mehr zeitgemäß.

Um für all diese Anforderungen möglichst komplette Lösungen anbieten zu können, haben wir kürzlich mit Transgourmet Deutschland ein Joint Venture gegründet.

Ihre Zusammenarbeit mit Transgourmet Deutschland wird den Lebensmittel-Einzelhandel (LEH) nicht tangieren. Dessen Warenwirtschaftssysteme sind bereits hoch systematisiert. Sehen Sie dadurch möglicherweise weniger Wachstumspotenziale bei Edeka, Rewe und Co.?
Klares Nein. Wir machen den überwiegenden Teil unseres Geschäftes im Lebensmittel-Einzelhandel – und was Volumen und Geschäftsperspektive angeht, wird das auch in Zukunft das dominierende Standbein bleiben. Mit Blick auf unseren Partner Lebensmittel-Einzelhandel stellen wir uns heute viel mehr die Frage: Wie können wir es erreichen, dass die Wertschöpfung, die wir heute noch gemeinsam haben, nicht irgendwann einem Dritten zukommt?

Auch wenn Sie den LEH als Partner bezeichnen, mit Durstexpress haben Sie in Berlin einen Lieferservice gestartet, der faktisch eine Konkurrenz zu den Supermärkten darstellt.
Wir haben mit Getränke Hoffmann ja selbst ein stationäres Einzelhandelsgeschäft. Diese stationäre Welt müssen wir multichannelfähig machen. Ohne die digitale Facette wird es keine Zukunft geben. Wir wollen die Speerspitze solcher Modelle sein: Der Markt bewegt sich mit unglaublicher Dynamik – und wir sind ehrlich gesagt froh, dies mit eigener finanzieller Kraft bewerkstelligen zu können. Aber: Wir sind immer an partnerschaftlichen Lösungen interessiert. Wir wollen unsere jahrzehntelange Partnerschaft mit dem LEH auf allen Ebenen intensivieren und uns nicht gegeneinander aufstellen. Was die Zukunft da noch so alles bringen könnte, kann ich jetzt noch nicht sagen.

Was ist an einem Lieferdienst im Jahre 2018 so spektakulär?
Was wir gerade mit Durstexpress aufbauen, hat nichts mit der klassischen Getränkelieferung von vor ein paar Jahren zu tun. Die Händler damals hatten ein reduziertes Angebot, man musste langfristig planen und unter Umständen einen ganzen Samstag zu Hause warten. Mit unserem Service liefern wir innerhalb von 90 Minuten, ohne Zusatzkosten zu marktüblichen Preisen – und das Leergut nehmen wir auch wieder mit.

Sie sind also schneller und billiger. Worin unterscheiden Sie sich sonst noch vom klassischen Modell?
Durstexpress ist voll durchdigitalisiert. Von der Kommissionierung über den Tourenplan und die Auslieferung: Alles beruht auf Künstlicher Intelligenz und digitalen Prognosemodellen. Es gibt kaum noch menschliche Schnittstellen in dem ganzen Prozess. Die KI macht Dinge möglich, die vor wenigen Jahren noch undenkbar waren. Sie bestimmt unter anderem, wann der Fahrer welche Abzweigung nimmt, plant das Personal vollautomatisch, setzt die Abrechnung automatisiert um und legt fest, wann welcher Artikel zur Nachbestellung ansteht.