Fleischpreis Forscher fordern Fleischsteuer

Fleisch ist zu billig, sagen Experten in einer Studie. Franziska Funke und Professor Linus Mattauch haben berechnet, wie viel teurer Rind, Lamm oder Schwein sein müsste. Im Interview geben sie Auskunft.

Freitag, 11. Februar 2022 - Fleisch
Jens Hertling
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Nach Ihren Untersuchungen bildet der Fleischpreis nicht die Umweltbelastungen ab, die die Viehzucht weltweit verursacht. Fleisch sei zu billig. Können Sie das bitte näher erläutern?
Franziska Funke:
Die Viehwirtschaft trägt zu ungefähr 13 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen bei. Das liegt zum einen daran, dass Rinder und andere Wiederkäuer bei der Verdauung Methan freisetzen – ein sehr potentes klimaschädliches Gas. Zum anderen ist die Viehzucht sehr flächenintensiv und nutzt weltweit ungefähr 83 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen. Wenn für den Futtermittelanbau und für die Weideflächen Wälder gerodet und Ökosysteme verändert werden, können diese Flächen weniger CO2-Emissionen speichern – auch das schadet dem Klima. Darüber hinaus bedroht die Abholzung der Wälder und der Anbau von Futtermitteln in Monokulturen die Artenvielfalt. Dünger und Gülle tragen zu einer Versäuerung der Böden und Gewässer bei. Die aktuellen Fleischpreise spiegeln diese Umweltschäden gegenwärtig jedoch nicht wider.

Ist Fleisch denn wirklich zu billig?
Linus Mattauch:
Tierische Produkte sind für den größten Teil der Umweltschäden in der Landwirtschaft verantwortlich. Für das Artensterben spielt die Viehzucht sogar die wichtigste treibende Rolle. Für Ökonomen ist ein Preis generell „zu billig“, wenn er hohe Kosten für die Gesellschaft nicht widerspiegelt. Das ist momentan mehr oder weniger bei allen landwirtschaftlichen Erzeugnissen der Fall. Doch Fleisch und andere Tierprodukte stechen heraus, weil die in ihnen inbegriffenen Umweltschäden um ein Vielfaches höher sind.

Da die Viehzucht für 13 Prozent der Treibhausgasemissionen verantwortlich ist, müsse der Pro-Kopf-Verbrauch an Fleisch in den Ländern des globalen Nordens gesenkt werden. Wie sollte das geschehen?
Franziska Funke:
Um die Klimaziele in der Landwirtschaft zu erreichen, ist es zunächst einmal sinnvoll zu schauen, an welchen Stellen die Landwirte klimaeffizienter wirtschaften können. Durch den Einsatz klimafreundlicherer Futtermittel und ein besseres Management treibhausgasspeichernder Böden können Landwirte die Emissionen auf den Höfen beispielsweise direkt reduzieren.

Da das allein nicht ausreicht, ist es notwendig, dass zumindest in reichen Ländern weniger von denjenigen Lebensmitteln konsumiert wird, die besonders klimaschädlich sind: das betrifft Fleisch, und auch in gewissem Maße Milchprodukte. Um diesen Wandel hin zu weniger Fleischkonsum in der Praxis zu erreichen, bedarf es einem breiten Mix an Maßnahmen. Aus ökonomischer Perspektive muss Fleisch mehr kosten, damit die Konsumenten Anreize haben ihre Essensgewohnheiten zu verändern. Darüber hinaus ist es wichtig, dass die Menschen gute und geschmacklich passende Alternativen haben, wenn Fleisch und andere Tierprodukte teurer werden. Hier könnten pflanzenbasierte Ersatzprodukte eine wichtige Rolle spielen.

Was müsste ein Kilo Rindfleisch kosten, in das all die Effekte wie Co2-Ausstoß, Nitratbelastung und massive Verringerung der Biodiversität eingepreist sind?
Linus Mattauch:
Wenn wir die Kosten des Klimawandels und der Boden- und Wasserverschmutzung auf ein Kilogramm Rindfleisch hochrechnen, belaufen sich diese im globalen Durchschnitt auf 5.76 bis 9.21 US-Dollar, je nachdem wie viele der Kosten auch auf gleichzeitig erzeugte Milchprodukte angerechnet werden. Damit würde der durchschnittliche Preis in Industrieländern um circa 35-56 Prozent steigen, Für Schweine- und Lammfleisch sind es mit 19 Prozent etwas weniger. Der Preis von Geflügel würde im Durchschnitt um 25 Prozent steigen.

Das sind aber nur erste Hochrechnungen, die den Biodiversitätsverlust noch nicht mit einrechnen. An der Stelle gibt es noch Forschungsbedarf. Wir verstehen noch nicht hinreichend, in welchem Ausmaß der Fleischkonsum genau zum Artensterben beiträgt, beispielsweise über die Abholzung des Regenwaldes für importierte Futtermittel. Außerdem sind die negativen Gesundheitsfolgen für den Menschen und die Auswirkungen auf das Tierwohl nicht berücksichtigt. Zusammengenommen könnten die sozialen Kosten also um ein Vielfaches höher liegen. Wie man diese genau beziffert, ist immer auch eine Frage von Werturteilen, zum Beispiel in Hinblick auf das Tierwohl und den Wert von intakten Ökosystemen.

Wäre das Fleisch dann überhaupt verkäuflich?
Franziska Funke:
In jedem Fall würde das Fleisch deutlich teurer werden.

Wie denken Sie über eine Fleischsteuer?
Linus Mattauch:
Aus ökonomischer Perspektive ist es sinnvoll zu fordern, dass der Preis von Fleischprodukten auch die inbegriffenen Umweltschäden widerspiegelt. CO2-Preise funktionieren nach dem gleichen Prinzip: sie verteuern umweltschädliche Produkte und Verhaltensweisen und senken durch das Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage automatisch die Emissionen. Die Regulierung der Viehzucht ist aus der Perspektive der Umweltökonomik ein wenig komplizierter, da hier viele verschiedene Umweltschäden zusammenkommen. Neue Studien zeigen zudem auf, dass die Klimaziele und Ziele rund um den Schutz der Ökosysteme nur einzuhalten sind, wenn der Fleischkonsum zurückgeht – zumindest in den Industrieländern, in denen sowieso schon viel mehr Fleisch als die gesundheitlich empfohlenen Verzehrmengen konsumiert wird. Ohne ein klares Preissignal ist dieser Rückgang nur schwer vorstellbar. Deshalb halten wir es für gerechtfertigt, Fleisch direkt zu besteuern.

Wie sollte die Fleischsteuer aussehen und könnte damit das Tierwohl finanziert werden?
Franziska Funke:
In unserem Forschungsprojekt haben wir eine Konsumsteuer auf Fleisch untersucht – das heißt, die Steuer wird direkt auf Endprodukte aufgeschlagen. Anders als bei einer CO2-Steuer oder anderen Formen der Bepreisung, die direkt auf den Bauernhöfen ansetzen, werden in so einer Konsumsteuer auch importierte Fleischprodukte miteinbegriffen, sodass deutschen und europäischen Landwirten kein Wettbewerbsnachteil entsteht. Die Einnahmen der Steuer könnten dann dafür genutzt werden, einkommensschwache Haushalte zu entlasten, oder den Landwirten zu helfen den Übergang zu einer umweltfreundlicheren Tierhaltung mit höherem Tierwohl zu finanzieren.

Ist eine Steuer besser als ein Verbot?
Linus Mattauch:
Wenn wir die Diagnose ernst nehmen, dass der Fleischkonsum reduziert werden muss um Artensterben, Klimawandel und Umweltverschmutzung im Rahmen zu halten, dann ist eine Steuer auf Fleisch deutlich liberaler als den notwendigen Rückgang über Verbote oder Quoten, z.B. in Kantinen oder öffentlichen Einrichtungen, zu forcieren. Konsumenten können frei entscheiden, ob sie weiterhin Fleisch essen – allerdings nur zu einem „ehrlichen“ Preis, der die Umweltschäden des Steaks oder Burgers abbildet.

Sollte Fleisch für alle Verbraucher weiterhin erschwinglich sein?
Franziska Funke:
Eine der größten Sorgen in Bezug auf die Fleischsteuer ist, dass sie insbesondere Haushalte mit geringem Einkommen trifft. Zum Glück gibt es Möglichkeiten, um sicherzustellen, dass die Fleischsteuer soziale Härten nicht verschärft. Denn die Fleischsteuer generiert Einnahmen, die zum Beispiel dafür verwendet werden können, einkommensschwache Haushalte zu entlasten, oder andere Nahrungsmittel wie Gemüse und Obst zu subventionieren. Anhand von Konsumdaten können wir zeigen, dass einkommensschwache Haushalte sogar unterm Strich profitieren, wenn die Einnahmen einer Fleischsteuer gleichmäßig an die Bevölkerung zurückverteilt werden. Das liegt daran, dass reichere Haushalte im Durchschnitt teurere und umweltintensivere Fleischsorten, zum Beispiel Rinderfilet, und in Summe mehr Fleischprodukte kaufen. Damit zahlen sie einen höheren Anteil der Fleischsteuer.

Nichtsdestotrotz gilt für diejenigen, die besonders häufig Fleisch essen, dass sie in Zukunft dafür etwas mehr bezahlen müssen. Damit bleibt das sporadische Steak immer noch erschwinglich – nur vielleicht nicht an jedem Tag der Woche.

Wie sehen Sie den Fleischverbrauch in der Zukunft?
Linus Mattauch:
Um die internationalen Umweltziele wie das Pariser Klimaabkommen oder die Erhaltung der Artenvielfalt zu erreichen, wird es nicht zwingend notwendig sein, dass wir uns in Zukunft ausschließlich vegetarisch oder sogar vegan ernähren. Ich könnte mir aber vorstellen, dass Fleisch wieder mehr zu einem sporadischen Luxusgut wird – und es würde dann von Höfen mit höheren Umweltstandards und artgerechter Tierhaltung mit viel Auslauf stammen. Wenn eine Fleischsteuer mit gezielten Fördergeldern und ordnungsrechtlichen Maßnahmen kombiniert wird, können wir im besten Fall auch den schlechten Bedingungen ein Ende setzen, mit denen sich momentan so viele in der Fleischwertschöpfungskette konfrontiert sehen – von Landwirten am Existenzminimum, die die geringen Gewinnmargen plagen, über die Beschäftigten in Schlachtbetrieben, bis hin zu den Tieren selbst. So gesehen könnte eine „Tierwohlabgabe“ ein Gewinnterthema werden. Nicht zuletzt würde ein Rückgang des Fleischkonsums auch zu unserer Gesundheit beitragen, denn Menschen, die sehr viel Fleisch essen, haben eine geringere Lebenserwartung und ein höheres Krankheitsrisiko.

Haben Sie selbst persönlich überhaupt noch Appetit auf Fleisch?
Franziska Funke:
Ich wehre mich immer ein wenig dagegen, wenn umweltfreundliche Ernährung nur als eine Sache der persönlichen Verantwortung wahrgenommen wird. Das zieht Politik und Wirtschaft aus der Verantwortung systemische Veränderungen anzustoßen – sie sind es aber, deren Engagement benötigt wird, damit die Transformation hin zu einer nachhaltigen Landwirtschaft wirklich gelingt.

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