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Küken Wirtschaftlichkeit contra Ethik

Heidrun Mittler | 14. September 2018
Küken: Wirtschaftlichkeit contra Ethik

Bildquelle: Getty Images

Ein neues Verfahren soll das millionenfache Kükenschreddern überflüssig machen. Wie es funktioniert und welche Alternativen jetzt und künftig zur Verfügung stehen.

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Die eierlegende Wollmilchsau ist ein Fake. Ähnliches gilt für Hühner: Entweder, sie legen 300 Eier oder mehr pro Jahr. Oder aber, sie setzen in nur 35 Tagen viel Fleisch an, am besten an der Brust. Beides gleichzeitig aber funktioniert nicht.

Ohnehin: Die männlichen Tiere sind immer die Verlierer. Bei der Mast sind sie schlechte Futterverwerter, ihre Aufzucht ist in der modernen Landwirtschaft schlichtweg unwirtschaftlich. Und Eierlegen haben sie bis jetzt auch noch nicht gelernt.

Frühes Füttern

Tierwohl und -gesundheit spielen eine zunehmende Rolle für den Handel. Das gilt natürlich auch für die Geflügelwirtschaft. Ein relativ neuer Ansatz ist Early Feeding (siehe dazu auch Artikel in der LP 10/2018). Das Brutsystem versorgt Küken bereits in der allerersten Lebensphase. Es soll die frisch geschlüpften Küken stärken und Krankheiten vermindern. Die Rewe Group setzt auf dieses Konzept. Es ist allerdings noch nicht in der gesamten Branche anerkannt und verbreitet, derzeit laufen einige Tests.

Deshalb ist es gängige Praxis in der Geflügelwirtschaft, dass die männlichen (etwa die Hälfte aller!) Küken kurz nach dem Schlüpfen getötet werden. Das unbarmherzige Prozedere: Aussortieren, Betäuben, Schreddern – und aus dem flauschigen Küken ist Tierfutter geworden.

Verständlich, dass Tierschützer diese Praxis seit Jahren anprangern. Auch der Handel will das Kükenschreddern abschaffen. Derzeit gibt es drei Szenarien, wie man das verhindern kann. Zwei davon setzen darauf, das Geschlecht des Embryos schon im Ei zu bestimmen. Die dritte subventioniert die Haltung der „Bruderhähne“, indem die Eier (oder auch die Masthühner und -hähnchen) teuer verkauft werden.

Den Durchbruch glauben zwei Professoren der Technischen Universität München geschafft zu haben. Benjamin Schusser und Axel Haase haben sich im Sommer ein Verfahren patentieren lassen, in dem das Ei durchleuchtet wird. Es funktioniert mithilfe eines MRT-Geräts, das man aus der Humanmedizin kennt. So können die Forscher zuverlässig erkennen, ob sich ein männliches oder weibliches Küken entwickelt. Nur noch die weiblichen Eier werden weiter ausgebrütet. Die Kosten liegen anfangs bei einem Cent pro Ei, sollen jedoch auf einen halben Cent sinken. Man kann dagegenrechnen, dass die Kosten fürs Bebrüten sinken. Die männlichen Eier gelangen in die Futtermittelproduktion.

Die Rewe Group setzt ebenfalls auf die frühzeitige Geschlechtsbestimmung, aber mit einer anderen Methode. Sie funktioniert, indem man das Ei mit einer sehr kleinen Nadel anpiekt und etwas Flüssigkeit entnimmt. Darin finden sich bei weiblichen Eiern bestimmte Hormone – das Prinzip ähnelt einem Schwangerschaftstest. Auch hier sind die Kosten überschaubar, wenn man bedenkt, dass nur noch die Hälfte der Eier ausgebrütet werden. Die Rewe Group geht davon aus, dass der Schwangerschaftstest 2019 oder 2020 marktreif ist.

Solange diese beiden Methoden noch in der Erprobung sind, bieten viele kleinere Projekte eine Alternative (siehe nebenstehenden Text). Dabei bezahlt der Verbraucher mehr Geld für die Eier, mit dem Ziel, die unwirtschaftliche Aufzucht der männlichen Tiere zu subventionieren. „Vier Cent für die Ethik“ heißt das beispielsweise bei der Bruderhahn Initiative Deutschland. Diese subventionierten Eier werden mittlerweile auch im traditionellen Lebensmittelhandel verkauft.