Als die Chefs der deutschen Lebensmittelwirtschaft zum Roundtable in Münster reisen, herrscht mal wieder Alarmstimmung im Land: Manche Medien haben einen „Bombenzyklon“ angekündigt, Nordrhein-Westfalen hat wegen der Wetterprognose für einen Tag die Schulen geschlossen. „Alles Panikmache!“, sagt einer der Gäste. Und schon ist die Runde beim Thema: Wie viele Sorgen um das Land, die Wirtschaft, die Branche sind berechtigt, welche sind übertrieben? Und vor allem sind die Verantwortlichen der Branche bei dieser Frage: Wie gelingt es der Lebensmittelwirtschaft, dass die Wirtschaftskrise der 2020er-Jahre im Nachhinein als laues Lüftchen gelten wird? So wie der „Bombenzyklon“ im Januar?
Die Lebensmittel Praxis und top agrar, das führende Fachmedium für die Agrarwirtschaft, haben zu dem Gipfeltreffen der Lebensmittelwirtschaft geladen – und absolute Top-Entscheider der ganzen Wertschöpfungskette sind gekommen: die Chefs von Bahlsen, Bünting, Develey, Harry-Brot, Tegut, Unilever Deutschland und Westfleisch, Arla-Aufsichtsratsmitglied Markus Hübers, Rewes Geschäftsleiter für den Eigenmarkeneinkauf, Marcel Weber, die selbstständige Edeka-Händlerin Julia Schlotmann-Honsel und die Landwirtin Regina Böckenhoff. Die Runde am Tisch von Lebensmittel Praxis und top agrar hat also nicht nur den wohl bestmöglichen Einblick in die Branche – sondern auch das Zeug, einen Aufschwung in der Lebensmittelwirtschaft selbst zu prägen.
Zunächst aber tut eine Bestandsaufnahme not: Die Branche leidet unter der Kaufunlust der Konsumenten – großer Preissensibilität nach Jahren der Rezession, wie es Dr. Wilhelm Uffelmann, CEO von Westfleisch, formuliert. Rewe-Einkäufer Weber rechnet nicht mit einem schnellen Umschwung. „Durch die negative Nachrichtenlage herrscht Verunsicherung, die Menschen halten ihr Geld zurück. Die Tendenz geht klar zur Eigenmarke – und ich erwarte, dass das so weitergeht“, sagt er.
Die Verunsicherung im Land besorgt viele am Tisch. „Wir erleben eine Zeit, in der die emotionale Unsicherheit oft größer ist als die faktische“, sagt Edeka-Händlerin Schlotmann-Honsel. Sie sieht die Medien in der Verantwortung – und fordert, dass sich Politiker unabhängiger von medialen Stimmungen machen. Den „Bombenzyklon“ vorbeiziehen lassen sozusagen.
Für einzelne Unternehmen der Branche, insbesondere kleinere Hersteller, stellt sich mittlerweile die Existenzfrage. Es würden „nur diejenigen Hersteller und Anbieter überleben, die deutlich effizienter werden oder kleinere Brötchen backen“, sagt Uffelmann, der Chef des drittgrößten Fleischkonzerns in Deutschland. Für Ineffizienz sei kein Platz mehr.
Stefan Pfeifer, Geschäftsführer von Unilever in Deutschland, sagt: „Wir haben hier eine geringere Spanne und teils deutlich höhere Produktionskosten.“ Er müsse deshalb intern kämpfen, damit der Konzern in Deutschland investiert. Nur: Das sei alles andere als neu, gewissermaßen geübte Praxis. Und es bleibe dabei: Deutschland ist mit mehr als 80 Millionen Einwohnern ein wichtiger Markt.
Trotzdem: In einem Teil der Lebensmittelindustrie herrscht eher Abbruch- als Aufbruchstimmung. Nestlé zum Beispiel schließt beziehungsweise verkauft in diesem Jahr die Standorte Neuss (Nordrhein-Westfalen) sowie Conow (Mecklenburg-Vorpommern) – und baut stattdessen Kapazität in anderen europäischen Ländern auf. Das Lohngefälle innerhalb Europas bleibt hoch, und Produktivitätsunterschiede rechtfertigen die hohen deutschen Löhne seltener als früher. Frank Kleiner, der Chef von Harry-Brot, beobachtet denn auch „massive Investitionen im osteuropäischen Markt“. Zwar beträfen diese nicht das Geschäft seines Unternehmens – verpackte Brot- und Backwaren kommen noch immer weitgehend aus Deutschland, wie er sagt. „Für die Produkte in der Backstation spielt die Frische aber oft keine Rolle, weil die Ware tiefgekühlt geliefert wird.“

Schluss mit Selbstmitleid
Deutsche Hersteller müssen der Welt also wieder vormachen, wie Produktivitätssteigerung geht. Die deutsche Leistungsfähigkeit ist inzwischen weltweit in Verruf geraten“, sagt Uffelmann von Westfleisch. „Wir müssen uns wieder auf deutsche Tugenden wie Fleiß und Pflichtbewusstsein besinnen.“ Harry-Brot-CEO Kleiner setzt auf Automatisierung. Und die könnte einen Schub bekommen. „In der Robotik sehe ich einen Silberstreif am Horizont“, sagt er.
Das Positive sehen, das Glas halb voll statt halb leer, das fällt in der deutschen Wirtschaft – und in der Lebensmittelwirtschaft – vielen gerade schwer. Deutsche Unternehmen müssten rauskommen aus der Defensive und rein in die Offensive, sagt Unilever-Deutschland-Chef Pfeifer: Mehrwerte durch neue Produkte schaffen. „Auch Premiumpreisinnovationen haben im deutschen Markt weiterhin Erfolg“, sagt der Unilever-Chef.
Wirtschaft ist auch Psychologie – und Auf- und Abschwünge sind zuweilen die Folgen selbsterfüllender Prophezeiungen. Bahlsen-Chef Alexander Kühnen fordert denn auch ein Ende der „Pity Party“, des Selbstmitleids also gewissermaßen.
Der Pessimismus hat schließlich konkrete Folgen – und er ist im Moment offenbar immun selbst gegen gute Wirtschaftsnachrichten. Der Internationale Währungsfonds hat seine Wachstumserwartung für Deutschland nach oben korrigiert. Auch das Kölner Institut der deutschen Wirtschaft sieht „positive Vorzeichen“ für 2026. Und trotzdem: Der Missmut von Konsumenten und Unternehmenslenkern hat jüngst noch zugenommen. Der Ifo-Geschäftsklimaindex ist in den vergangenen Monaten meist gesunken. Auffällig ist zudem die anhaltend hohe Sparneigung der Deutschen. Laut GfK liegt diese derzeit auf dem höchsten Stand seit der Finanzkrise 2008.
In Skandinavien ist die Stimmung oft anders: Dort sei das Glas auch in Krisenzeiten in der Regel halb voll, sagt Markus Hübers, Landwirt aus Rees-Haldern in Nordrhein-Westfalen und Aufsichtsrat der Molkerei Arla mit Hauptsitz in Dänemark. Nur, was genau heißt das? Es gehe darum, immer wieder neu zu denken, erklärt Hübers. „Die Zukunft liegt für uns nicht nur in der klassischen Milchtüte, sondern in neuen Konsumanlässen wie Protein-Produkten oder Sportlernahrung.“
Qualität und Innovation funktionieren der Krisenstimmung zum Trotz – das beschreibt auch Robert Schweininger, Geschäftsführer bei der zur Schweizer Migros gehörenden Handelskette Tegut: Er stemmt sich gegen eine zu starke Fixierung auf die reine Kostendisziplin. „Man muss sich unterscheiden. Wir haben den Umsatz bei unserem Bio-Bäcker Herzberger verdoppelt, weil das Produkt überzeugt und wir konsequent an den Qualitäten gearbeitet haben“, sagt Schweininger.
Michael Durach, Geschäftsführer von Develey Senf & Feinkost, bestätigt dies – und sieht den Mittelstand im Vorteil, auch in unsicheren Zeiten in Neuheiten zu investieren. „Wir können langfristig denken und entscheiden. Unser Unternehmen hat in den letzten drei Jahren das höchste Investitionsvolumen in seiner 180-jährigen Geschichte gestemmt.“
So viel Gemeinsamkeit tut gut – spiegelt aber nicht die ständige Stimmung in der Lebensmittelwirtschaft wider: Die Verteilungskämpfe sind hart – und das nicht erst, seit den Deutschen die Kauflust vergangen ist. Handelsgruppen listen selbst Weltmarken aus. Landwirte wiederum haben zuweilen Wut auf Händler, weil die nach ihrer Ansicht hochwertige Lebensmittel „verramschen“, und zwar zulasten der Erzeuger.
In dieser Stimmungslage hat die Monopolkommission im November ihr „Sondergutachten zum Wettbewerb in der Lebensmittellieferkette“ veröffentlicht – um dessen Interpretation die Branche seither ringt, auch wenn die Einschätzungen der Kommission nicht bindend, sondern oft eine Orientierung für das Bundeskartellamt sind. Das Gutachten stellt recht deutlich die Marktmacht der „Big Four“ Edeka, Rewe, Aldi und Schwarz-Gruppe an den Pranger. In dem Papier heißt es auch, dass die Verbraucherpreise oft stärker steigen würden als die Kosten der Händler.
Julia Schlotman-Honsel, selbstständige Edeka-Kauffrau aus Dorsten, kann die Darstellung vom übermächtigen Lebensmitteleinzelhandel nicht nachvollziehen. „Wir sind selbst auch Mittelstand – genau wie die Landwirte, die vor unseren Märkten demonstrieren“, sagt sie. Händler müssten in Einkaufsgenossenschaften agieren, um gegen internationale Player bestehen zu können.
Markus Buntz, Vorstandschef der Bünting-Gruppe, sieht es anders. Er vertritt einen der kleineren Händler, die sich in Deutschland die ihnen verbliebenen 15 Prozent Marktanteil teilen. Die Konsolidierungsdynamik im Handel sei durchaus kritisch zu sehen. „Besonders auf der Beschaffungsseite entstehen so deutlich verzerrte Wettbewerbsbedingungen“, sagt der Handelsmanager, zu dessen Unternehmen Filialen unter den Namen Famila, Combi und Markant gehören. Schweininger von Tegut pflichtet bei: Der deutsche Lebensmitteleinzelhandel dürfe seine Vielfalt und Unterschiedlichkeit nicht verlieren.
Hersteller sprechen üblicherweise nur zurückhaltend über die Marktmacht – offenbar aus Sorge vor neuem Streit mit ihren Kunden. Pfeifer von Unilever sagt es am Tisch mit der Lebensmittel Praxis so: Der Handel in Deutschland sei „extrem“ konzentriert. Und: „Laut Monopolkommission sind die Preise in Deutschland stärker gestiegen als in anderen EU-Ländern – wobei laut Gutachten diese wohl weniger bei der Industrie oder Landwirtschaft hängen geblieben sind als beim Handel.“
Immerhin die Gesprächsatmosphäre ist laut Kleiner von Harry-Brot besser als in der Vergangenheit: „Vor 20 Jahren war der Ton in den Gesprächen mit dem Handel noch rauer. Heute sind diese deutlich konstruktiver.“
Nordal Cavadini
Partner & Managing Director bei AlixPartners
Made in Germany ist teuer. Wo können Unternehmen sparen?
Nach mehreren wachstumsschwachen Jahren sind in vielen Unternehmen die Potenziale zur klassischen Kostensenkung ausgeschöpft. Wer den Anschluss nicht verlieren will, muss trotz knapper Budgets Geld für künstliche Intelligenz in die Hand nehmen.
Was bedeutet das Label „Made in Germany“ heute noch?
Deutsche Unternehmen müssen ihr Leistungsversprechen verteidigen. Preis, Qualität, Service und Erlebnis müssen nachvollziehbar zusammenspielen. Im Mittelpunkt steht die Frage, warum ein Produkt „den Platz im Geldbeutel“ der Konsumenten verdient.
Was spricht gegen die Verlagerung der Produktion ins Ausland?
Die Zuverlässigkeit der Lieferketten hat in den letzten Jahren stark an Bedeutung gewonnen. Wem nützt ein günstiges, aber nicht lieferbares Produkt?
Warum nicht Drei-Jahres-Verträge?
Würde es der Branche helfen, stärker zusammenzuarbeiten, statt um die momentan vergleichsweise kleinen Margen zu ringen? Landwirtin Regina Böckenhoff wirbt für Kooperation: Die privatwirtschaftliche Initiative Tierwohl zeige, was möglich ist, wenn Erzeuger, Hersteller und Handel enger zusammenarbeiten. Die Initiative vergibt das private Tierwohlsiegel. „Das haben wir geschafft, während es staatlich noch immer nicht funktioniert“, sagt Böckenhoff.
Auch Durach von Develey wünscht sich mehr Partnerschaft mit dem Handel und weniger „Taktieren“. Sein konkreter Anstoß: „Muss es immer ein Jahreskontrakt sein? Warum nicht mal ein Drei-Jahres-Vertrag? Auch unsere Vorlieferanten wollen Sicherheit.“
Mehr Produktivität, bessere Laune, Mut zur Innovation, Kooperation statt Gegeneinander – und schon stimmt die Kasse wieder? Das alles wird nützen. Aber es dürfte die Unterstützung der Politik brauchen – die auch nach dem Regierungswechsel aus Sicht vieler in der Branche bislang nicht ausreichend zu einem Aufschwung beiträgt.
Eine Chance dazu liegt im Bürokratieabbau – wobei die Teilnehmer des Roundtable von Lebensmittel Praxis und top agrar weniger die Bürokratie an sich infrage stellen als die Unberechenbarkeit politischer Entscheidungen. „Kurzfristige Änderungen an der Regulatorik sind Gift für Investitionen“, sagt Bahlsen-Chef Alexander Kühnen. Rewe-Einkaufsmanager Marcel Weber kritisiert die politische Sprunghaftigkeit etwa bei der EU-Entwaldungsverordnung oder dem staatlichen Tierwohllabel. Ständige Änderungen führten zu hohem Mehraufwand. Die gesamte Kette brauche Planbarkeit.
Kleiner von Harry-Brot verdeutlicht das mit einem konkreten Beispiel: Niemand wisse, wie in zehn Jahren Brot gebacken wird. „Habe ich noch Gas, nur Strom oder Wasserstoff? Ein Ofen ist eine 10-Millionen-Euro-Investition. Den muss ich auch in zehn Jahren noch betreiben können.“
Auch in Sachen Haushaltsdisziplin zeigen sich einige Entscheider von Berlin enttäuscht. „Dass ein Drittel des Bundeshaushalts aus Schulden besteht, und das bei den höchsten Steuereinnahmen, die es je gab, ist ein Armutszeugnis“, sagt Uffelmann von Westfleisch.
Und dann schlug die SPD jüngst auch noch vor, dass Rewe, Edeka und andere „auf freiwilliger Basis“ einen stabil günstigen Warenkorb mit regionalen Grundnahrungsmitteln zusammenstellen. Solche Vorschläge würden die Verbraucher zusätzlich verunsichern, warnt Händlerin Schlotmann-Honsel. Weber von Rewe gibt zu bedenken, dass die Teuerung zum großen Teil den internationalen Rohstoffmärkten geschuldet sei, insbesondere denen für Kaffee, Kakao, Tee oder Früchte – Produkten also, die nicht aus Deutschland kommen. Die Kosten für Schokolade hätten sich teilweise verfünffacht, sagt Kühnen von Bahlsen. „Die Lehre daraus ist: Wir dürfen nie zu abhängig von einem einzelnen Rohstoff werden.“
Was ist die andauernde Wirtschaftsschwäche also? Ein laues Lüftchen oder der „Bombenzyklon“? Arla-Aufsichtsrat Hübers gibt zu bedenken: „Frühere Generationen mussten Herausforderungen bewältigen, die weit über das hinausgingen, was wir heute erleben.“
Veränderung ist nötig
Karl-Hendrik Magnus, Senior Partner bei McKinsey und Konsumgüterexperte, schätzt die Lage der Lebensmittelwirtschaft so ein: „Deutschland bleibt trotz schwachen Wachstums ein attraktiver Standort für Lebensmittelhersteller – aber nur für diejenigen, die Produktivität, Effizienz und Differenzierung konsequent vorantreiben.“
McKinsey-Experte sieht Lichtblick
Das geringe gesamtwirtschaftliche Wachstum spiegele sich im Lebensmittelmarkt wider, sagt Magnus. „Gleichzeitig sehen wir erste Lichtblicke: Der inflationsbereinigte Umsatz ist 2024 erstmals seit 2020 wieder um rund 2 Prozent gestiegen.“ Magnus weist auch auf die geopolitische Lage hin: „Resilienz und Versorgungssicherheit werden damit zu einem zentralen Wettbewerbsfaktor für Hersteller in Deutschland.“