Henkell-Freixenet-CEO im Interview Strukturkrise Deutschland – warum Politik und Wirtschaft jetzt mutige Entscheidungen brauchen

Hintergrund

Henkell-Freixenet-CEO Dr. Andreas Brokemper sieht Licht und Schatten für sein Geschäft. Der Politik in Deutschland rät er zu „beherzten Entscheidungen“.

Montag, 12. Januar 2026, 07:40 Uhr
Tobias Dünnebacke
Dr. Andreas Brokemper
Innovationsträge? Nicht bei Henkell Freixenet. Dr. Andreas Brokemper zeigt Redakteur ­Tobias Dünnebacke neue Varianten unter dem Markendach Fürst von Metternich.
Dr. Andreas Brokemper ist CEO des weltweit größten Schaumweinherstellers Henkell Freixenet mit Sitz in Wiesbaden. Bildquelle: Henkell Freixenet, Vanessa Lehmann

Herr Dr. Brokemper, wie schlecht geht es dem Standort Deutschland wirklich?

Wenn ich auf unser Land schaue, mache ich mir Sorgen, wie Politik und Wirtschaft den Anschluss wiederfinden wollen. Wir stecken in einer Strukturkrise, die auch mit der Abhängigkeit vom Automobilsektor zusammenhängt. Lange herrschte Unsicherheit, während andere Länder konsequent auf neue Antriebssysteme setzten. Ein weiteres Thema sind die Energiepreise, für die wir Lösungen finden müssen. Deutschland muss sich anstrengen, um international wettbewerbsfähig zu bleiben.

Wie kann das gelingen?

Wir müssen weg von einer Politik, die sich rein an kurzfristigen Parteizielen orientiert, hin zu einer Politik, die sich an den langfristigen Bedürfnissen und Notwendigkeiten des Wirtschaftsstandorts Deutschland ausrichtet. Es müssen beherzte Entscheidungen getroffen werden. Wenn das niemand tut, wird es schwierig.

Zuversicht klingt anders …

So sollte es nicht aufgefasst werden. Wir haben es immer wieder geschafft, uns aus schwierigen Situationen zu befreien und Spitzenleistungen zu erbringen. Das erfordert jedoch koordinierte Anstrengungen von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Wir müssen realistisch einschätzen, was machbar ist; unhaltbare Zusagen helfen in dieser Situation nicht weiter.

Auch Ihre Branche hat schon bessere Zeiten erlebt – oder?

Das muss man differenziert betrachten. Aktuell erleben wir besonders bei Spirituosen, aber auch bei Stillweinen eine globale Kaufzurückhaltung. Die zentrale Frage für uns ist, wie sich Schaumwein im Vergleich schlägt, denn das ist nach wie vor unsere wichtigste Kategorie. Bis Oktober sehen wir, dass die Kategorie besser abschneidet als der Gesamtmarkt. In einigen Ländern steigt der Schaumweinabsatz sogar. Ein Phänomen, von dem wir profitieren, ist der anhaltende Erfolg von ­Prosecco. Dadurch entwickelt sich der Konsum weg vom klassischen Anlass und hin zum täglichen Genuss, auch getrieben durch diverse Trends wie den Aperitivo oder Limoncello Spritz.

Welche Wachstumsmöglichkeiten gibt es noch?

Ein weiteres wichtiges Thema sind alkoholfreie Produkte. Mit Mionetto 0,0 % sind wir mittlerweile der meistverkaufte alkoholfreie Schaumwein in den Vereinigten Staaten. Ein weiteres Beispiel aus Deutschland: Fürst von Metternich Riesling ohne Alkohol. Auch alkoholfreie Aperitifs sind gefragt, besonders in den USA und osteuropäischen Ländern wie dem Baltikum und Polen. Dort gibt es eine 0,0-Promille-Grenze beim Autofahren, was alkoholfreien Genuss besonders attraktiv macht.

Wie reagieren die Verbraucher auf die Inflation?

Es gibt eine erhöhte Preissensi­tivität. Marken, die preislich nachgeben, gewinnen, während stabile oder teurere Marken verlieren. Doch auch hier sehen wir Chancen. Spezielle Kategorien wie Crémant werden beliebter, da Champagner teurer geworden ist und Crémant eine hochwertige Alternative darstellt, die sich in den vergangenen Jahren kaum verteuert hat. Insgesamt sind wir von der Konsumzurückhaltung weniger betroffen als andere, die sich ausschließlich auf Spirituosen oder Stillwein konzentrieren.

Von Wachstum kann beim spanischen Cava nicht die Rede sein. Dürren sorgen seit 2023 für Missernten. Hat sich die Situation verbessert?

Der spanische Cava leidet weiterhin, da die Versorgung nicht ausreichend ist. Das wird sich auch mit der diesjährigen Ernte nicht komplett ändern.

Das Geschäft in Deutschland war im vergangenen Jahr wertmäßig leicht rückläufig. Wie ist Ihre Prognose für das laufende Jahr?

Da das wichtige Jahresendgeschäft noch bevorsteht, ist es noch zu früh, hier eine Aussage zu machen. Dieses Jahr ist das Weihnachtsfest aber besonders interessant, da es fast ein verlängertes Wochenende ist, von Mittwoch bis Sonntag. Das könnte sich positiv auf den Konsum auswirken. Insgesamt bleibt Deutschland für uns ein Markt mit ausgeprägter Saisonalität, besonders bei höherwertigen Produkten. Und das ist unser Vorteil. Unser Durchschnittserlös liegt über dem unserer Hauptwettbewerber, weil die meisten unserer Marken im Premiumbereich angesiedelt sind. Diese Produkte profitieren besonders von der Saison, da sich Verbraucher zu Weihnachten gerne etwas mehr gönnen.

Die Händler in Deutschland kritisieren, dass die Industrie nicht innovativ genug gewesen sei. Ist da was dran?

Wenn ich mir die Vielfalt an Produkten in unserer Branche anschaue, sehe ich eine enorme Dynamik – wir treiben diese Entwicklung aktiv voran. Dabei sehen wir die Partnerschaft als wesentlichen Faktor. Es gibt ­Länder, in denen das Verständnis für eine echte Wertschöpfungspartnerschaft bereits intensiv gelebt wird.

Das müssen Sie erklären …

Nehmen wir England, eines der professionellsten Handelsländer. Dort dreht sich die Diskussion mit unseren Kunden hauptsächlich um Innovationen und wie wir gemeinsam Kategorien beleben oder aufbauen können. Wir haben zum Beispiel Crémant als den nächsten großen Trend platziert. Die englischen Händler haben das aufgegriffen und unterstützen es mit Platzierungen und Aktivitäten. Heute ist England der stärkste Wachstumsmarkt für Crémant.

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