Ein Lkw biegt auf das Firmengelände ein, meldet sich an der Schranke – und verlässt das Areal meist weniger als eine Stunde später. Rund 60 Stellplätze stehen bereit, zwei Lkw parken auf der riesigen Fläche. „Das wirkt vielleicht unerwartet groß“, sagt Reiner Schmitz, Bereichsleiter Logistik und Logistiktechnik. „Wir möchten uns aber Wachstumsoptionen offenhalten.“ 51.000 Tonnen Röstkaffee sowie 47.000 Tonnen Nüsse und Trockenfrüchte haben das Gelände im vergangenen Jahr verlassen.
Hier im Werk im nordrhein-westfälischen Rheine, kurz vor der Grenze zu Niedersachsen, riecht es nach frisch geröstetem Kaffee. Mitarbeiter schneiden die Siegel der riesigen Säcke auf, die Bohnen rauschen in die Silos. Die Kaffeerösterei Bon Presso gilt als Pilotwerk für die digitale Fabrik innerhalb der Schwarz-Produktion. Die Fabrik entstand in weniger als zwei Jahren Bauzeit – mitten in der Pandemie. Seit März 2022 läuft die Produktion, auf 12.500 Quadratmetern arbeiten heute rund 120 Beschäftigte. Seit 2024 ist zusätzlich die Nussrösterei Solent in Betrieb.
In Rheine stelle die Schwarz Produktion Röstkaffee her – in unterschiedlichen Sorten, als ganze Bohne oder filterfein gemahlen, erklärt Jens Bünte, Geschäftsführer von Bon Presso, während er durch die Halle führt. Pro Tag rollen etwa 10 bis 20 Lkw mit Rohkaffee an. Jeder bringt knapp 20 Tonnen Bohnen mit – Ladungen, die in einer streng getakteten Abfolge geprüft und verarbeitet werden.
Ankunft der Bohnen
Bevor die Container geöffnet werden, durchfahren die Lkw eine große Bürste. Kein Staub, kein Dreck soll die Ware verunreinigen. Die Bohnen rauschen vorerst in das sogenannte Q-Silo. Sensoriker prüfen die Qualität der Bohnen. Stimmen die Ergebnisse, geht die Ladung in die Produktion. Nur selten passen die Lieferungen nicht. Im vergangenen Jahr hat das Unternehmen nur eine Handvoll der etwa 4.000 Lkw zurückgewiesen. Für diesen Fall gibt es sogar eine eigene Rückführungsleitung bis hoch an die Hallendecke, über die fehlerhafte Chargen wieder verladen werden können.
Europas größtes Rohkaffee-Silo
In Rheine steht eines der größten Rohkaffee-Silos Europas. 280 Silozellen fassen Zehntausende Tonnen Bohnen, sortiert nach Herkunft und Qualität. Bio-Kaffee verarbeitet das Werk bislang noch nicht, die Infrastruktur dafür ist jedoch vorbereitet. Ein Großteil der Bohnen stammt aus zertifiziertem Anbau. Künftig werden die Produkte das Siegel der Rainforest Alliance tragen – gut sichtbar auf den Verpackungen im Regal.
Die Bohnen durchlaufen nach der Ankunft eine mehrstufige Reinigung. Dann folgt das Mischen, so wie es der jeweilige Blend vorsieht. In Rheine produziert Schwarz-Produktion zwei Marken: Bellarom für Lidl und K-Classic für Kaufland. Beide sind in ganz Europa in den Regalen zu finden.
Michael Molsberger, Geschäfts- und Standortleiter Rheine, betont die enge Zusammenarbeit mit dem Handel: „Kaufland und Lidl sind unsere Kunden. Mit ihnen gemeinsam bestimmen wir, welche Kaffeemischungen wir hier verarbeiten“, sagt er. Die Schwarz-Produktion ist Teil der Schwarz-Gruppe, zu der auch die Lebensmittelhändler Lidl und Kaufland gehören.
Nach der Reinigung folgt der Herzschlag des Prozesses: das Rösten. Schwarz-Produktion setzt konsequent auf das traditionelle Trommelverfahren. Eine Charge fasst 600 Kilogramm. „Die Röstung entscheidet über das Aroma – sie ist der sensibelste Moment“, erklärt der Geschäftsführer von Bon Presso, Jens Bünte. Nach dem Rösten werden Steine entfernt, die sich manchmal in der Rohware verstecken. Steine sind so schwer wie Rohkaffee, nach dem Rösten ist das anders. Deshalb filtern Maschinen die Steine nach dem Rösten heraus. Nach Bedarf mahlen Hochleistungsmühlen die Bohnen weiter. Über Förderrohre wird der geröstete Kaffee weiter durch das Werk geleitet.
Eine Schlüsselrolle spielt bei jeder Kaffeeröstung die Luftreinigung. In Rheine arbeitet eine der modernsten Anlagen Europas: ein regenerativer thermischer Nachverbrenner (RTO). Er verbrennt Schadstoffe und Gerüche bei über 800 Grad, nutzt die dabei entstehende Wärme zur Vorwärmung der Abluft und reduziert so sowohl Emissionen als auch den Energiebedarf. Umluftsysteme, Wärmedämmung, Wärmerückgewinnung und das Vorwärmen des Rohkaffees mit Rösterabluft senken den Energieverbrauch des Werks deutlich.
Hochleistung in der Abpackung
Die Abfüllhalle zeigt eindrucksvoll, wie stark Schwarz-Produktion auf Präzision setzt. Pro Minute verpacken die Maschinen mehr als 100 Kaffeebeutel. Goldfolie läuft durch die Anlage, wird verschweißt, gefüllt, luftdicht verschlossen. Mehrfach prüft die Waage jedes Päckchen. Daten fließen in Echtzeit, Kennzahlen laufen direkt an den Linien mit. Alles lässt sich in der Cloud verfolgen – von der Führungsetage bis zur einzelnen Maschine. „Wir sprechen von sogenannten historischen Daten, die uns zum Beispiel helfen, Wartungsintervalle der Maschinen festzulegen, bevor es zu einem Ausfall kommt“, erklärt Molsberger. Künftig soll auch künstliche Intelligenz stärker eingreifen – von der Optimierung der Röstkurve bis zur Steuerung der Abfüllung. Für gemahlenen Kaffee sieht der Prozess noch eine Besonderheit vor: Zehn Minuten lagern die Packungen aufrecht auf einem Förderband. Dann testet eine Maschine ihre Dichtigkeit, indem sie Druck auf die Folie ausübt. Erst wenn die Packungen standhalten, gelten sie als versiegelt.
Digitale Fabrik
Mit einem Umsatzplus von 4,9 Prozent steigerte die Schwarz-Gruppe ihr Volumen im Geschäftsjahr 2024/25 auf 175,4 Milliarden Euro. 8,6 Milliarden Euro flossen in Investitionen, 40 Prozent davon in Deutschland. Investiert wurde in neue Filialen, Logistikzentren – und in Rechenzentren.
Bon Presso in Rheine steht exemplarisch für diesen Kurs. „Seit dreieinhalb Jahren sammeln wir im Bereich Kaffee Daten und seit knapp zwei Jahren im Bereich Nüsse. Das ist noch nicht allzu lange, aber es sind große Mengen, die hier verarbeitet werden“, sagt Molsberger. Alte Maschinen in anderen Betrieben müssten aufwendig nachgerüstet werden. Für Schwarz aber gilt: Wer neu baut, integriert Sensoren gleich mit.
Der Betrieb läuft an fünf Tagen die Woche rund um die Uhr im Dreischichtsystem. Nach der Abfüllung lagern die Paletten im Hochregallager – ein riesiges Bauwerk mit 48.000 Palettenstellplätzen. Von dort übernimmt Logistiker Sindra (ebenfalls aus dem Kosmos der Schwarz-Gruppe) die Distribution – ein Drehkreuz für ganz Europa.
Die Schwarz-Gruppe, die mit Lidl und Kaufland zu den mächtigsten Playern im europäischen Lebensmittelmarkt gehört, will mehr als Kaffee oder Nüsse rösten. Sie baut sich Schritt für Schritt ein eigenes Rückgrat: Produktion, Daten, IT-Infrastruktur. Gleichzeitig öffnen sich neue Perspektiven. Schwarz-Produktion stellt bereits für andere Kunden neben Lidl und Kaufland Pasta her. Kaffee gehört laut Geschäftsleiter Michael Molsberger nicht zu den Bereichen, die sich dafür eignen, aber die Übernahme des Konfitüreherstellers Göbber lässt aufhorchen. Markenhersteller will das Unternehmen jedoch anscheinend nicht werden: Denn Göbber verkaufte die Marke „Glück“ bereits vor der Übernahme durch die Schwarz-Gruppe.
Unabhängigkeit als Ziel
Während Wettbewerber ihre Produktionsbeteiligungen abbauen – so trennt sich Rewe etwa von der Großbäckerei Glockenbrot –, investiert die Schwarz-Gruppe massiv in eigene Werke. Die Großbäckerei Bonback in Halle an der Saale wird gerade für einen dreistelligen Millionenbetrag erweitert. In Rheine läuft die Kaffeefabrik fünf Tage die Woche 24 Stunden an der Kapazitätsgrenze. Der nächste Ausbauschritt scheint unvermeidlich.
Es geht dabei womöglich nicht nur um verlässliche Mengen. Michael Molsberger, Geschäftsleiter Kaffee, Snacks und Trockenfrüchte und bald auch Konfitüre bei Schwarz Produktion, spricht offen über den eigentlichen Kern: „Wir arbeiten als Gruppe daran, die Souveränität zu stärken.“ Unabhängigkeit bedeutet für die Gruppe nicht nur, die Regale der 14.200 Filialen von Lidl und Kaufland in 32 Ländern sicher füllen zu können, sondern auch, das zentrale Kapital der Zukunft zu sichern – Daten.
Daten bleiben bei Schwarz
Die Kaffeerösterei in Rheine ist Pilotwerk für diese Strategie. Gefolgt von der Nussrösterei, die seit 2024 produziert. Jede Maschine im Werk liefert Daten, jede Abweichung wird erfasst. Und die Datenmengen sind groß: Zwei Röstlinien für Pistazie produzieren 21.700 Tonnen pro Jahr, drei Verpackungslinien für Trockenfrucht verpacken 25.000 Tonnen pro Jahr. „So können wir Störungen vorhersagen, bevor sie passieren“, erklärt Jens Bünte. Künstliche Intelligenz entscheidet millionenfach am Tag, ob beim Rösten, bei der Verpackung oder in der Disposition. So wird es auch möglich, immer exakter die auf der Packung angegebene Grammatur abzufüllen.
Die Daten aber verlassen das Unternehmen nicht, jedenfalls nicht, wie es bei vielen anderen Unternehmen der Fall ist, auf eine Cloud in den USA. Schwarz hat mit Stackit eine eigene Cloud aufgebaut. „All unsere Maschinen erheben Daten. Unsere Werksverantwortlichen können in Echtzeit zu jedem Zeitpunkt sehen, was an und in den Maschinen passiert“, sagt Molsberger. Für die 595.000 Mitarbeiter stellt die Gruppe derzeit von Microsoft auf Google Workspace um – aber nur, weil Google zusicherte, dass die Daten nicht mit Dritten geteilt werden.
Noch mehr Automatisierung
Aktuell arbeiten etwa 300 Mitarbeiter am Standort Rheine. Befristete Jobs verschwinden, sobald Maschinen die Arbeit übernehmen. Konkret: In der Nussrösterei sind im Moment 140 Mitarbeiter tätig. „Wir planen, das manuelle Auspacken zukünftig zu automatisieren“, sagt Roland Schwienheer, Werksleiter Solent Rheine. Für die Handelsgruppe ergibt diese Flexibilität Sinn: Wer Werke aufbaut, umbaut, erweitert, braucht Anpassungsfähigkeit.
Die Schwarz-Gruppe hat damit einen Kurs eingeschlagen, der in der Branche gegenläufig wirkt. Während andere die Komplexität von Eigenproduktion scheuen, sucht Schwarz genau dort die Stärke. Kapazitäten werden ausgebaut, Märkte gesichert, Wissen bleibt im Haus. Produkte für Kunden außerhalb der Schwarz-Gruppe sind denkbar, Daten nicht.
