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Tabak Die Ruhe vor dem Sturm?

Tobias Dünnebacke | 12. Dezember 2014

Bei den Tabakkonzernen laufen die Vorbereitungen für die Umsetzung der Tabakproduktrichtlinie auf Hochtouren.

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Die Katze ist (weitgehend) aus dem Sack: Bis Mai 2016 muss die Tabak-Produktrichtlinie (TPD) in der EU umgesetzt sein. Zwar sieht die Industrie noch Diskussionsbedarf, insbesondere was die Finanzierbarkeit der Vorgaben angeht, an den grundlegenden Entscheidungen aus Brüssel gibt es indes wenig zu rütteln. Zu den wichtigsten Neuerungen zählt die Pflicht, dass alle Zigaretten- und Feinschnittpackungen einen kombinierten Warnhinweis (Bild und Text) tragen müssen, der 65 Prozent der Vorder- und Rückseite der Packung einnimmt. Diese in den Medien häufig als „Schockfotos“ bezeichneten Darstellungen, sollen beispielsweise Raucherlungen oder vergammelte Zähne zeigen. Die abschreckende Wirkung solcher Bilder ist jedoch umstritten. Der Deutsche Zigarettenverband (DZV) kritisiert beispielsweise, dass in Ländern mit vergleichbaren Regelungen wie Australien und Kanada noch kein überzeugend belegter Wirkungszusammenhang zwischen dem Packungsdesign und verändertem Ko nsumentenverhalten existiert. Dementsprechend allergisch reagiert die Tabak-Branche auf die unschönen Abbildungen. „Diese Schockbilder in der jetzt vorgesehenen Größe werden nicht nur die legalen Produkte, sondern auch die Kunden, egal ob Raucher oder Nichtraucher, sowie die Mitarbeiter diskriminieren, weil sie sich dann statt in einem breit sortierten, genussorientierten Tabakwaren-Geschäft in einem Grusel-Kabinett befinden werden“, trommelt beispielsweise Rainer v. Bötticher, Präsident des Bundesverbandes des Tabakwaren-Einzelhandels (BTWE).

Die Bilder könnten auch auf die Lebensmittel-Einzelhändler abschreckend wirken. Niemand möchte schließlich seine Kassenzone mit den Abbildungen von Raucherlungen schmücken. Die Industrie sieht hier bei der Zusammenarbeit mit dem Handel aber keine Probleme und gibt sich betont selbstbewusst. Reemtsma, Tochter von Imperial-Tobacco und mit Marken wie Gauloises und JPS Nummer zwei auf dem Deutschen Markt, betont die Bedeutung der Warengruppe: „Dem Handel ist die hohe Umsatzbedeutung der Warenkategorie bewusst und hier werden auf allen Ebenen Vorkehrungen getroffen, um den Umsatz zu halten. Wir arbeiten eng mit dem Handel zusammen, um auch nach Inkrafttreten der Richtlinie eine für alle Seiten weiterhin zufriedenstellende Lösung zu finden“, erklärt Reemtsma-Sprecherin Svea Milena Schröder. Auch Petra Wagner, Director Marketing & Sales bei Heintz van Landewyck , glaubt nicht daran, dass Zigaretten und Feinschnitt künftig von den Händlern versteckt werden:„Eine im Vergleich zu heute abweichende Art der Produktdarstellung bzw. Platzierung im Regal ist relativ leicht vorstell- und umsetzbar, um mit den Schockbildern nicht ein ‚Horrorkabinett‘ präsentieren zu müssen.“

Dennoch ist die TPD natürlich das beherrschende Thema in der vom illegalen Handel und Steuererhöhungen gebeutelten Industrie. Neben den Schock-Bildern sind Einschränkungen bei der Produktbeschreibung, das Verbot spezifischer Aromen (bspw. Menthol) sowie die verpflichtende Einrichtung eines umfassenden Systems zur Rückverfolgbarkeit jedes einzelnen Tabakproduktes Teil der Regulierung aus Brüssel. Patrick Engels, Geschäftsführender Gesellschafter von Pöschl Tabak auch Vorsitzender des Verbandes der deutschen Rauchtabakindustrie (VdR) sieht bei der Umsetzung vor allem ein zeitliches Problem und stellt klare Forderungen an Brüssel und Berlin: „Dieses System wird technisch, wenn überhaupt, nicht innerhalb der vorgegebenen engen Zeitfristen umsetzbar sein. Die Fristen müssen daher definitiv verlängert werden. Darüber hinaus ist eine schnelle Umsetzung der Richtlinie in nationales Recht unbedingt notwendig, um für Rechtssicherheit und weitere Planbarkeit zu sorgen. Andernfalls ist die Industrie nicht in der Lage, die Produktion fristgerecht an die neuen Vorgaben anzupassen.“

Auch Hajo Fischer, General Manager von Heintz van Landewyck , findet zu der Richtlinie klare Worte: „Für die Unternehmen ist die EU-Tabakproduktrichtlinie ein überbürokratisierter Supergau. Besonders die klein- und mittelständisch geprägten Unternehmen werden technisch, administrativ und finanziell vor existenzbedrohende Hürden gestellt.“

Wettbewerber Philip Morris teilt diese Einschätzung und sieht die Zulieferbetriebe in Gefahr. „Unternehmen unserer Größenordnung verfügen über eine bessere Infrastruktur und mehr Ressourcen, um ihre Kosten und die Komplexität zu bewältigen.“, heißt es in einer Stellungnahme des Marlboro-Herstellers. Es seien aber insbesondere die mittelständischen Hersteller, Material- und Packungslieferer, Tabakpflanzer und Mitarbeiter, die am meisten unter dem Einfluss leiden würden. Es sei Aufgabe der Politik, die Umsetzung in nationales Gesetz bis zum 20. Mai 2016 so zu gestalten, dass die Kosten für die Branche nicht noch weiter explodieren würden.

Am meisten fürchten die Hersteller, neben offensichtlichen Zusatzkosten für neue Verpackungsdesigns, die gesetzliche Verpflichtung für ein Rückverfolgungssystem , mit dessen Hilfe der illegale Handel in der EU eingedämmt werden soll. Hierbei würden nach Angaben des DZV hohe Kosten durch die Anschaffung von Soft- und Hardwarelösungen für die gesamte Lieferkette und bürokratische Belastungen durch die Verwaltung von hunderten Milliarden Datensätzen pro Jahr entstehen. Der effektiven Eindämmung des Schwarzhandels, dem eigentlichen Ziel der Rückverfolgbarkeit, wird hingegen wenig Chancen eingeräumt, denn: Über die neu zu schaffende Big Data-Plattform können nur alle legal hergestellten und gehandelten Packungen erfasst werden. „Das beabsichtigte Tracking & Tracing System für Tabakerzeugnisse setzt schlichtweg an der falschen Stelle an, nämlich ausschließlich an legal tätigen und den Behörden der jeweiligen Mitgliedstaaten bereits bekannten Hersteller- und Handelsbetrieben“, kritisiert beispielsweise der Bundesverband Deutscher Tabakwaren-Großhändler und Automatenaufsteller .