Ökologische Landwirtschaft Wölfe kontra Weidemilch: Naturschutz kollidiert mit Nutztierhaltung

Hintergrund

Weidemilch boomt. Wäre da nicht ein Schönheitsfehler: die Rückkehr des Wolfes. Was Naturschützer freut, ist für Weidetierhalter ein Graus. Emotionen kochen hoch. Ein Situationsbericht.

Dienstag, 27. Mai 2025, 07:40 Uhr
Dr. Friederike Stahmann
Der Wolf ist wieder zu Hause in Deutschland und vermehrt sich prächtig. Bildquelle: Getty Images

Eine grasende Kuh oder das fett gedruckte Wort „Weide“ auf der Frontseite der Milchtüte sendet die klare Botschaft: Hier ist Weidemilch drin. Ob von Schwarzwaldmilch, ob unter der Landliebe-Markenlizenz, ob von den Andechsern, Arla, Ammerland, der Gläsernen Molkerei oder unter Eigenmarke von Alnatura oder Aldi – weder Händler noch Hersteller lassen das Thema Weidemilch unbesetzt. Kein Wunder, wer bei Trinkmilch Marge machen will, braucht ein eindeutiges Differenzierungsmerkmal.

Und genau das bietet Milch von Kühen, die mindestens an 120 Tagen im Jahr für mindestens sechs Stunden täglich auf der Weide sind (Biobetriebe haben noch strengere Vorgaben). Das Mehr an Tierwohl, Biodiversität und Klimaschutz durch Bindung von CO2 auf dem Grünland kostet. Wer zu Weidemilch im Kühlregal greift, muss daher mit Zuschlägen von 30 bis 50 Prozent bei konventioneller Ware im Vergleich zum Standardliter aus Haltungsstufe 1 oder 2 rechnen. Trotz anhaltender Konsumflaute stört das die Shopper aber nicht. 8 Prozent der knapp 3 Milliarden Liter Konsummilch gehen jährlich als Weidemilch über die Ladentheke. Tendenz steigend. Doch nicht nur 255 Millionen Liter konventionelle Trinkmilch stammten im vergangenen Jahr von der Weide, sondern auch die 416 Millionen Liter Biomilch (jedenfalls zum größten Teil, siehe Beitrag in LP 7 „Weidepflicht bringt Biobauern in Not“). Auch hier: Tendenz steigend. Allein im vergangenen Jahr legte Biomilch um 8,4 Prozent zu.

Gleichzeitig breitet sich der Wolf nach 150 Jahren Abstinenz – inzwischen flächendeckend – in Deutschland aus. Laut Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf (DBBW) lebten vergangenes Jahr 209 Rudel, 46 Wolfspaare und 19 Einzeltiere im Bundesgebiet. Insgesamt wird die Wolfspopulation auf mindestens 1.601 Tiere geschätzt. Plus x, denn genaue Zahlen gibt es nicht.

Kein rein wirtschaftlicher Schaden

Was Naturschützer freut, bedeutet vor allem für Weidetierhalter eine Bedrohung. Denn die Rückkehr des Wolfes ist zwar ein Erfolg für den Artenschutz, stellt aber gleichzeitig Landwirte vor große Herausforderungen. Denn der Wolf ist nicht nur zurück in den deutschen Wäldern, sondern auch auf den Weiden, wie Iris Beckert, Leiterin Abteilung Landwirtschaft der Molkerei Berchtesgadener Land, weiß. „Viele unserer Berg- und Almbauern halten im Schnitt unter 20 Kühe. Wer jedes Tier mit Namen kennt, den schmerzt der Anblick jedes einzelnen Tieres, das der Wolf auf der Weide mit durchgebissener Kehle und herausgerissenen Gedärmen zurücklässt“, beschreibt sie die Situation eindrücklich.

Keine Problematik nur in der Alpenregion, wie ein aktueller Bericht der DBBW zeigt. Dokumentiert sind dort Wolfsrisse im Schwarzwald, genauso wie in Ostfriesland, in Brandenburg oder Sachsen. Allein 2023 verwundeten oder töteten Wölfe hierzulande insgesamt 5.727 Nutztiere. Ein Großteil der Wolfübergriffe zielte auf Schafe und Ziegen ab, aber auch Rinder wurden geschädigt (5,5 %). Kühe und Bullen seien „durch ihre reine Körpergröße nicht so einfach zu erbeuten“, so das DBBW. Auch ihre Wehrhaftigkeit könnte Wölfen schaden: So reagierten Kühe, Bullen und Ochsen auch mal aggressiv auf Besuche aus dem Wald. Doch Kälber könnten sich kaum wehren. Über drei Viertel aller Wolfsrisse an Rindern seien daher auf Jungtiere bis zu einem halben Jahr zurückzuführen.

„Mehr Wölfe und deren umfassender Schutz dürfen nicht zu weniger Nutztierhaltung im Freien führen“, so das im März noch von Cem Özdemir (Grüne) geführte Landwirtschaftsministerium. Denn Weidehaltung trage zum Tierschutz und Erhalt von Grünland bei und sei insbesondere für ökologisch wirtschaftende Betriebe relevant. Doch dazu könnte es kommen. „Mit steigender Wolfspopulation werden daher auch Landwirte unserer Genossenschaft vermutlich die Almwirtschaft aufgeben – das schadet der Landwirtschaft in der Bergregion, der dadurch Futterflächen verloren gehen. Das schadet aber ebenso der Biodiversität in der Bergregion und dem Tourismus“, verweist Iris Beckert von der Molkerei Berchtesgadener Land auf die möglichen Konsequenzen.

Der Bioland-Verband als größte Interessensvertretung von ökologisch wirtschaftenden Betrieben fordert: „Der wachsende Zielkonflikt zwischen Biotopschutz und Tierwohl braucht eine andere Betrachtungsweise als noch zu Zeiten, in denen es noch deutlich weniger Wölfe in Deutschland und Europa gab“, so Regino Esch, selbst Landwirt und Landesvorsitzender Bioland Rheinland-Pfalz/Saarland. Auch der Deutsche Bauernverband sieht die Politik in der Pflicht: „Der Wolf ist längst nicht mehr gefährdet, aber ein enormes Problem. Die Weidetierhaltung darf nicht weiter der ungebremsten Ausbreitung des Wolfes geopfert werden“, meint der Generalsekretär des Deutschen Bauernverban­des, Bernhard Krüsken.

Was also tun? Reagieren, bevor ein Wolf seinen Hunger auf einer Weide stillt. Bedeutet in der Praxis: Präventionsmaßnahmen, wie beson­ders ausgestattete Elektrozäune und Herdenschutzhunde. Doch die seien kostenintensiv, zeitaufwendig und „können nicht in allen Fällen umfassenden Schutz garantieren“, gibt man im Bundeslandwirtschaftsministerium ganz offen zu. Finanziell unterstützen können an dieser Stelle die Länder. Was die 2023 mit insgesamt 18,5 Millionen Euro auch taten. Zusätzlich entschädigen sie mit rund 637.000 Euro Landwirte bei Tierverlusten.

Wie Herdenschutz in der Praxis aussieht, erklärt Rebecca Müller, Projektkoordinatorin des Herdenschutzprojektes Südschwarzwald. Nachdem es 2021 einen ersten Übergriff in Baden-Württemberg auf ein Jungrind gab, wiederholten sich solche Angriffe. Um Landwirte bei Schutzmaßnahmen zu unterstützen, ging das Projekt im Oktober 2023 an den Start. Zu den Teilnehmern gehört auch der Bioland-Betrieb Para­dies im Hochschwarzwald, der an die Molkerei Schwarzwaldmilch liefert. Hier wird Milcherzeugung in muttergebundener Aufzucht betrie­ben, was so viel bedeutet, dass die Kälber nach der Geburt bei ihren Müttern bleiben und somit auch täglich Weidegang haben. „Da der Betrieb viele Flächen im Jahresverlauf mal mäht und auch mal weidet, hat man sich für ein mobiles Zaunsystem als Herdenschutz entschieden“, so Müller. Einen festen Zaun um jede Fläche gibt es also nicht, sondern es wird je nach Bedarf eingezäunt und später wieder abgebaut.

Großer Aufwand für Zäune

Zum Einzäunen nutzt der Landwirt auf dem zum Teil sehr steilen und unwegsamen Gelände eine ferngesteuerte Raupe. Griffbereit befinden sich darauf Zaunpfähle und fünf Litzenrollen. Alle paar Meter steckt der Landwirt einen Pfahl in den Boden und fädelt die fünf Litzen in die Ösen. Fünf Strom führende Drähte in definierten Abständen sind für einen effektiven Herdenschutz obligatorisch. Nur so lassen sich Wölfe effektiv von einer Herde abhalten. So auch auf dem Paradieshof. Bisher gab es keine Wolfsrisse in der Herde. Finanziell gefördert wird der Betrieb vom Land. Die Beratung durch das Projekt kommt on top.

Doch was tun, wenn alle Präventionsmaß­nahmen nichts helfen? Wenn der Wolf, wie in einem Fall, einen vier Meter hohen Zaun überspringt oder sich einfach unter dem Zaun durchgräbt? Wölfe, die Herdenschutzmaßnah­men überwinden oder sich langfristig in Gebieten aufhalten, in denen solche Maßnahmen äußerst schwierig umzusetzen sind, müssen konsequent und zeitnah entnommen werden können“, fordert Regino Esch von Bioland, genauso wie der Bauernverband, der eine Ände­rung des Naturschutz- und des Jagdrechts verlangt. Die künftige Strategie müsse sein: „Wolfs­bestand reduzieren statt Probleme ignorieren“, so Bernhard Krüsken.

Was nicht so einfach geht, weil die geltende Rechtslage den Wolf besonders schützt. Zwar erlaubt eine Gesetzesänderung seit 2020 die erleichterte Entnahme „problematischer“ Wölfe; doch wie die DBBW zeigt, starben 2024 deutschlandweit nur fünf Tiere im Rahmen des Wolfsmanagements, also durch die Kugel eines Jägers mit Genehmigung. Viel mehr Wölfe, nämlich allein 132 im vergangenen Jahr, wurden von Autos überfahren oder von Zügen im Gleisbett tödlich erwischt. Etwas mehr als die 163 offiziellen Totfunde wird es aber sicherlich geben, denn der ein oder andere verschwundene Wolf taucht sicher nicht in der offiziellen Statistik auf.

Ob es in Zukunft mehr legale Entnahmen von Problemtieren geben wird, bleibt nach der Entscheidung des Europäischen Parlaments vom 8. Mai, den Schutz von Wölfen von „streng geschützt“ auf „geschützt“ abzuschwächen, dahingestellt. Im Koalitionsvertrag der schwarz-roten Bundesregierung steht zwar, dass die Entscheidung auf EU-Ebene unverzüglich in deutsches Recht übernommen werden solle. Doch: „Auch künftig bleibt der Wolf eine geschützte Tierart“, so die Sprecherin. Proble­ma­tische Wölfe könnten aber einfacher abgeschos­sen werden. Wie viele, wird die Statistik in den kommenden Jahren zeigen.

Anzeige

SSI Schäfer

Moldauische Weine erobern den deutschen Einzelhandel

Ausgezeichnete Qualität, authentische Rebsorten und attraktive Preise: Moldauische Weine erobern Schritt für Schritt den deutschen Einzelhandel.
Jetzt mehr erfahren

Neue Produkte