Hochland-Gruppe Die Preise müssen steigen

Der Kostendruck auf Molkereien wie Hochland ist derzeit groß. Für den Vorstandsvorsitzenden Peter Stahl ist es deshalb unverständlich, wie sich manche Verantwortliche großer LEH-Ketten der Situation verweigern.

Donnerstag, 02. Dezember 2021 - Molkereiprodukte
Wibke Niemeyer und Markus Wörmann
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Bildquelle: photostudio weimann

Die Corona-Pandemie hat zwar die weltweiten Lieferketten durcheinandergewirbelt, für die aktuell hohen Preise auf dem Energie- und Rohstoffmarkt gibt es aber noch weitere Indikatoren. Peter Stahl von der Hochland-Gruppe kann sich vorstellen, dass es dauerhaft zu einem höheren Preisniveau kommt.

Höhere Energie- und Treibstoffpreise, Mehrkosten für Papier, Kunststoffe und Verpackungen: In welchem Umfang betrifft das die Hochland-Gruppe aktuell und perspektivisch?
Peter Stahl:
Es ist eine Kostensteigerung festzustellen, die nicht nur die Milchbranche, nicht nur die Lebensmittelbranche, sondern im Grunde alle Branchen betrifft. Also trifft uns das natürlich auch. Es beginnt bei den Rohwarenpreissteigerungen bei Milch, Milchpulver, Butter. Es hat alles massiv angezogen. Energie, Transport, Verpackungen geht alles nach oben.

Und es ist kein Licht am Ende des Tunnels zu sehen?
Es gibt eine Diskussion unter Volkswirten, wie lange hält das an? Ist das eine kurzfristige Phase oder erreichen wir dauerhaft neue Niveaus? Für eine vorübergehende Phase spricht der Corona-Effekt, wo kurzfristig Kapazitäten aus dem Markt verschwunden sind, aber jetzt wieder eine erhöhte Nachfrage festzustellen ist. Was sich jetzt erst wieder einschwingen muss, inklusive Transportkapazitäten und anderem. Das würde eher dafür sprechen, dass diese Phase in einem halben oder Dreivierteljahr überwunden ist. Die andere Seite sind aber Themen rund um grüne Politik wie Steuerimpulse, um eine Wende in Richtung einer grünen Wirtschaft zu schaffen. Diese Dinge sprechen eher dafür, dass wir uns dauerhaft auf höhere Preise einstellen müssen.

Welche Möglichkeiten sehen Sie derzeit, Kosten zu kompensieren?
Nach wie vor sind die essbaren Bestandteile die größten Kostenpunkte bei uns, zum Teil bis zu 60 Prozent je nach Sortiment. Wenn man sich die Conversion Costs wie Löhne usw. ansieht, wird es dann schon mal eng, weil sie teilweise nur 10 Prozent ausmachen. Bei Verpackungen kommt es darauf an, ob es beispielsweise Großgebinde sind oder Markenprodukte für den LEH in Kleinverpackungen. Aber wegdrücken können wir diese Kostensteigerungen als Hochland nicht. Auch weil wir auf der gesamten Breite mit Kostenerhöhungen konfrontiert sind. Das können wir nicht durch Produktivitätsgewinne in unseren Werken ausgleichen.

Wie nimmt der LEH das Thema Kostendruck in den aktuellen Listungsgesprächen auf?
Sehen Sie es mir nach, aber aktuelle Jahresgespräche können wir nicht kommentieren. Was ich kommentieren kann, weil es öffentlich ist und nicht unsere individuellen Verhandlungen betrifft: Ich bin überhaupt nicht einverstanden, wenn es Parolen Einzelner aus dem LEH gibt, dass man kategorisch gegen jede Form der Preiserhöhung sei. Das passt überhaupt nicht in die Landschaft – angesichts der allgemeinen Kostensteigerungen, angesichts der Gespräche mit den Landwirten, angesichts des Drucks auf den Höfen.

Wie stellt sich die Situation für Ihre Landwirte dar?
Wir zahlen traditionell einen überdurchschnittlichen Milchpreis. Nach meiner Einschätzung kann in diesem Jahr aber die Milchpreissteigerung, die ordentlich war, nicht die höheren Kosten auffangen. Es hängt natürlich immer auch mit der Betriebsführung und -struktur zusammen. Beispielsweise, ob der Landwirt einen Großteil seines Futters selbst anbaut oder viel zukauft.

Wird sich der LEH und damit der Konsument also auf steigende Preise einstellen müssen?
Aus meiner Sicht geht da kein Weg dran vorbei.

Lassen Sie uns über vermutlich angenehmere Dinge sprechen: Mit Simply V unter dem Dach der E.V.A. GmbH sind Sie jetzt gut sechs Jahre am Markt. Wie erfolgreich ist Ihre vegane Marke heute?
Simply V ist sehr erfolgreich. Wir haben uns inzwischen bei den Käsealternativen einen Marktanteil von 70 Prozent erarbeitet. Wir merken auch, dass die Käuferreichweite für Simply V immer stärker zunimmt. Unser Anspruch war ja immer: „Vegan in Wow“. Denn als wir uns den Markt seinerzeit angesehen haben, stellten wir fest, dass die veganen Produkte weder von den Zutaten noch vom Geschmack überzeugend waren. Der Markt spiegelt uns jetzt zurück, dass uns das gelungen ist.

Gibt es den klassischen Käufer von Simply V?
Der Name E.V.A. steht für „Ernährungsbewusste, Vegan-Affine“. Wir denken gar nicht in erster Linie an die Veganer, sondern bewusst an die Flexitarier, die mal eine vegane Woche einlegen. Nur so kommen wir auch in die Breite und damit in viele Haushalte.

Welche Sortimentsbewegungen nehmen Sie sowohl im konventionellen Bereich als auch bei den veganen Alternativen derzeit wahr und wie reagieren Sie darauf?
Grundsätzlich hat natürlich die Corona-Pandemie mit Lockdown usw. den Außer-Haus-Konsum einbrechen und den LEH-Absatz steigen lassen. Generell haben sich dadurch Konsumgewohnheiten zumindest vorübergehend verändert. Es gibt wieder mehr gemeinsame Mahlzeiten zu Hause und mehr Interesse am Selberkochen. Wenn ich auf unser Produktportfolio schaue, geht beispielsweise Patros sehr gut für Salate und wurde stark nachgefragt. Aber auch Plant-based-Aufstriche.

Wagen Sie eine Prognose?
In Zukunft wird es sicher mehr Hybridprodukte geben. Zum Beispiel Proteine aus Milch, aber die Fette kommen aus dem pflanzlichen Bereich. Da wird möglicherweise ein Trend mit positivem Image entstehen. Die klassischen Kategorien werden sich vielleicht auch auflösen.

Was versprechen Sie sich von der Cheddar-Marke Cathedral City, die Hochland ab Januar vertreibt?
Cathedral City ist eine toperfolgreiche Marke im UK, quasi DIE Marke aus dem Ursprungsland des Cheddars. Die Produkte sind exzellent. Und wir haben die Vermarktungskompetenz in Deutschland. Wir kennen den deutschen Verbraucher sehr gut. Da kommen die Stärken zweier Häuser zusammen. Den Kontakt gab es schon länger. Aber dann kam der Brexit und dann noch die Übernahme der Marke Cathedral City durch Saputo.

Wir sind froh, diese Partnerschaft jetzt auf die Schiene zu setzen. Cheddar hat zudem in den letzten Jahren in Deutschland ein höheres Wachstum gehabt als Hart- und Schnittkäse im Durchschnitt. In den letzten fünf Jahren hat Cheddar seinen Marktanteil im Grunde verdoppelt.

Deutschland- und EU-weit ist zu viel Milch im Markt. Für Tierhalter wird auf politischer Ebene gerade wieder über Ausstiegsanreize diskutiert. Was halten Sie davon?
Zu viel Milch im Markt möchte ich relativieren. Wir haben einen Selbstversorgungsgrad, der über 100 Prozent liegt – und den haben wir seit Jahrzehnten. Im Moment ist der Markt aber eher unterversorgt, und das sieht man an den Preisentwicklungen.

Woher kommt die Unterversorgung?
Innerhalb der EU haben wir Mengenwachstum bei der Milch gehabt, dennoch scheint die Nachfrage noch stärker gestiegen zu sein. Aktuell zeigen die festen Preise, dass wir eher knapp versorgt sind. Und wenn Sie in die Käseläger schauen, gerade bei den jungen Beständen, dann muss man sagen, dass wir eher einen Verkäufer- als einen Käufermarkt haben.

Also brauchen wir kein Programm zum Ausstieg aus der Milchviehhaltung, um die Milchmengen runterzuregeln?
Ich bin kein Freund von solchen Aktionen. Abgesehen von der aktuellen Situation, in der es völlig falsch wäre, stelle ich fest, dass die Politik häufig etwas in guter Absicht macht, aber das Gegenteil erreicht und Tendenzen sogar noch verstärkt. Würde so ein Programm jetzt kurzfristig eingeführt, bekommen wir vermutlich eine Überhitzung des Marktes, der eh schon heiß ist. Der Markt soll es über Angebot und Nachfrage regeln.

Aber Politik will ja immer gerne gestalten. Wobei der LEH beim Thema Haltungsformen der Politik eigentlich mindestens einen Schritt voraus ist. Was kommt auf die Hochland-Milcherzeuger zu – auch was das Thema Anbindehaltung gerade im deutschen Raum betrifft?
Die Sensibilität in der Bevölkerung für Haltungsformen steigt ganz klar. Und das finde ich völlig in Ordnung. Politische Prozesse sind manchmal echt langsam. Das sehen wir auch an diesem Thema. Und wir sehen, dass umgekehrt der Handel, aber auch Molkereien versuchen, sehr schnell ein Thema zu besetzen, und es auch als Differenzierungsthema sehen. Das ist die eine Seite. Auf der anderen Seite will die Branche mit der Strategie 2030 ein gemeinsames Regelwerk für Haltung und Vergütung schaffen. Das ist natürlich mit Handel, Erzeugern und Verarbeitern ein mitunter zähes Ringen. Da sind wir aktuell in einer sehr heißen Phase, in der wir entweder vor Weihnachten einen Knopf dranbekommen oder Gefahr laufen, wieder sehr viele Einzelvereinbarungen zu haben.

Welche Angebote machen Sie den Landwirten hinsichtlich Haltungsformen?
Wir haben mit dem Tierschutzbund im Private-Label-Bereich bereits Dinge ausgearbeitet. Und auch mit unserer Marke Grünländer gehen wir aktiv auf die Landwirte zu.

Wohin geht die Tendenz? Wird die Haltungsstufe 1 weiterhin im LEH akzeptiert werden?
Gehen wir mal weg vom LEH. Aus Sicht der Molkerei gibt es auch den Foodservice und den Export, wo Haltungsformen keine Rolle spielen. Wenn Sie über gelabelte Produkte im LEH sprechen, gebe ich Ihnen recht, dass höhere Haltungsstufen in Zukunft eine große Rolle spielen werden. Dieses Thema wird auch nicht wieder zurückgedreht.

Es gibt immer mehr Milch mit unterschiedlichen Attributen, sei es bio, GVO-freies Tierfutter, Haltungsformen. Wie groß ist dadurch der Aufwand für Hochland?
Es ist ein Thema, das richtig gut durchdacht werden muss. Das eigentliche Problem ist, dass eine Molkerei wie unsere sowohl für die eigenen Marken als auch für die Private-Label-Produkte mehr Milch einkaufen muss, weil bestimmte Dinge wie Aktionen der Wettbewerber, wetterbedingtes Einkaufsverhalten usw. nicht vorhergesagt werden können. Nicht nur deshalb ist es sinnvoll, auf einer Milch mehrere Attribute zu vereinen, auch wenn diese hinterher nicht alle auf einem Produkt ausgelobt werden. Bedeutet aber auch, dass eine Molkerei dem Landwirt alle Attribute vergüten muss.

Hochland-Gruppe

Hochland wurde 1927 als Familienkäserei im Allgäu gegründet. Unter dem Dach der Hochland SE (Gruppe) werden in Deutschland heute Marken wie Hochland, Almette, Grünländer, Patros, Valbrie, Gervais und Simply V hergestellt. Auch in Polen, Rumänien, Russland, Spanien, Frankreich und den USA ist man mit eigenen Produktionsstätten vertreten. Insgesamt arbeiten über 5.700 Menschen aus 40 Nationen für die Privatmolkerei, davon mehr als 2.200 in Deutschland. Mit einem Käseabsatz von etwa 394.000 Tonnen erzielte die Gruppe 2020 einen Umsatz von über 1,63 Milliarden Euro. Hochland ist weiterhin ein Familienunternehmen.

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