Soziale Medien Zehn Jahre Tiktok – vom Tanzvideo-Spaß zur globalen Marktmacht

Vor zehn Jahren startete in Peking die App Douyin – der Vorläufer von Tiktok. Heute verändert die Plattform nicht nur den Medienkonsum von Milliarden Menschen, sondern greift mit eigenem Shopping-Format auch den klassischen Onlinehandel an. Doch politischer Druck und Kritik an den psychologischen Folgen wachsen.

Montag, 14. September 2026, 12:45 Uhr
Theresa Kalmer (mit dpa)
Tiktok hat sich von einer Unterhaltungsplattform zum wichtigen Impulsgeber für Trends, Produkte und Kaufentscheidungen entwickelt. Bildquelle: Getty Images

Vor zehn Jahren, am 20. September 2016, startete in Peking die App Douyin – die Ursprungsversion von Tiktok. Aus der einst belächelten Plattform für Playback-Videos und Tanzchoreografien entwickelte sich binnen eines Jahrzehnts eine der einflussreichsten Anwendungen im Internet. Heute prägt die App des chinesischen Mutterkonzerns Bytedance die Art, wie Milliarden Menschen Inhalte konsumieren, einkaufen und sich informieren.

Hochgradig personalisierter Strom an Inhalten

Den Grundstein legte Bytedance-Gründer Zhang Yiming. Für den internationalen Durchbruch kaufte Bytedance 2017 die bei Teenagern populäre Lipsync-Plattform Musical.ly für rund eine Milliarde US-Dollar und verschmolz sie mit Tiktok. Entscheidend für den Erfolg war eine technologische Neuerung: Tiktok ersetzte das bis dahin gängige Prinzip des sogenannten Social Graph, bei dem Nutzer vor allem Inhalte von Accounts sahen, denen sie folgten, durch einen algorithmusgesteuerten Empfehlungsfeed. Dieser analysiert in Echtzeit Verweildauer, Wiederholungen und Abbrüche – auf die Millisekunde genau. So erhalten Nutzer einen hochgradig personalisierten Strom an Inhalten. Selbst neue Accounts ohne einen einzigen Follower können über Nacht millionenfach gesehen werden.

Tiktok-Shop greift klassischen Onlinehandel an

Für die etablierten US-Konzerne bedeutete das einen Umbruch. Meta baute mit Instagram Reels, Google mit Youtube Shorts und auch Snapchat das vertikale Kurzvideoformat samt algorithmischer Empfehlungslogik nach. Gleichzeitig wandelte sich Tiktok von einer Unterhaltungs-App zu einem Marktplatz. Mit Tiktok Shop greift das Unternehmen den klassischen Onlinehandel an. Die Verbindung aus Influencer-Marketing, Live-Shopping und einfachen Kaufabschlüssen per Fingertipp in der App erzeugt Milliardenumsätze. Unter dem Hashtag #TikTokMadeMeBuyIt gingen Produkte – von Kosmetik über Küchengeräte bis hin zu Büchern – binnen Stunden weltweit aus, nur weil der Algorithmus sie nach oben spülte. Für den stationären Einzelhandel und Plattformen wie Amazon ist Tiktok damit zu einem ernst zu nehmenden Konkurrenten im Bereich des Impulskaufs geworden.

Tiktok gerät zwischen die geopolitischen Fronten

Geopolitisch steht Tiktok unter Druck. In China existiert mit Douyin eine strikt zensierte, aber technologisch hochgerüstete Version, die organisatorisch getrennt geführt wird. In den USA kam es zu einem monatelangen politischen und juristischen Ringen um ein mögliches Verbot oder einen Zwangsverkauf. Die Vorwürfe: möglicher Datenabfluss an chinesische Behörden und politische Einflussnahme durch Peking. Tiktok reagierte mit milliardenschweren Transparenzprojekten wie „Project Texas“ in den USA und „Project Clover“ in Europa, bei denen Nutzerdaten in lokalen Rechenzentren gespeichert werden sollen. In der EU nahm die Kommission die Plattform im Rahmen des Digital Services Act wegen Mängeln beim Jugendschutz und beim sogenannten Suchtdesign wiederholt ins Visier.

Auch die psychologischen Folgen der App stehen in der Kritik. Psychologen und Medienpädagogen warnen vor endlosem Scrollen, das zu Schlafproblemen und Konzentrationsstörungen führen kann. Besonders die Auswirkungen auf junge Menschen – etwa durch algorithmisch verstärkte Schönheitsideale und Diät-Trends – standen immer wieder im Fokus. Tiktok führte unter anderem automatische Bildschirmzeit-Limits von 60 Minuten pro Tag für Minderjährige ein. Kritiker halten diese Maßnahmen jedoch für unzureichend, da sie sich leicht deaktivieren lassen und das Grundprinzip der App – eine möglichst lange Verweildauer – unangetastet bleibt.

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