„Den Nachbarn hier hätte ich wirklich nicht gebraucht“, gesteht ein Rewe-Kaufmann aus Norddeutschland (Name ist der Redaktion bekannt). Er zeigt auf einen Drogeriemarkt schräg gegenüber von seinem Geschäft. „In erster Linie bei Bio-Lebensmitteln merke ich die Nachbarschaft am Umsatz“, sagt der Kaufmann. Das Preis-Leistungs-Verhältnis in diesem Segment sei beim Nachbarn gut, räumt er ein. Außerdem arbeite der Drogeriemarkt in seiner Reichweite, ebenso wie viele andere Drogeriemärkte in Deutschland, erfolgreich an einem „Profil als biologisch kompetenter, gesunder, nachhaltiger und bewusster Anbieter“.
Dass Drogeriemärkte den Supermärkten zusetzen und ihnen Umsatz nehmen, ist keine neue Erkenntnis. Neu sind die Dynamik und das Ausmaß.
Proteinpulver in Drogerien-Hand
Hinweise darauf liefert eine im Juli veröffentlichte Studie der Marktforscher von Nielsen IQ (NIQ). Demnach erzielten die Drogeriemärkte 2025 mit 6,6 Prozent das stärkste Umsatzwachstum aller stationären Lebensmitteleinzelhändler. 17,8 Prozent ihres Umsatzes entfielen auf Lebensmittel, 2,3 Prozent mehr als 2021. Dieser Trend wird bei einem Blick auf einzelne Warengruppen bestätigt. Denn unter den zehn Kategorien mit dem stärksten prozentualen Umsatzwachstum stammen neun aus dem Lebensmittelbereich. Backwaren (29,1 Prozent) stehen an erster Stelle, gefolgt von Trockenfertigprodukten (16,4 Prozent) und Süßwaren (13,3 Prozent).
Wohl zu Recht beschreibt der norddeutsche Rewe-Kaufmann Drogeriemärkte als „Bio- und Gesundheits-Anker“. Das belegt eine weitere NIQ-Untersuchung aus dem Juli. Thema: das bemerkenswerte Wachstum bei Proteinprodukten im Handel, verbunden mit einer hohen Ausgabebereitschaft der Verbraucher.
Der Markt für Proteinpulver ist noch einmal ein Kapitel für sich. Wichtigster Vertriebskanal bleiben hier die Drogeriemärkte. Mit einem Umsatz von knapp 127 Millionen Euro entfällt auf sie mehr als ein Drittel des Gesamtmarktes.
Struktureller Wandel
Für die anderen Lebensmitteleinzelhändler besonders bedrohlich: Zwischen 2021 und 2025 stieg die Regalpräsenz der Drogeriemärkte lediglich um 1,1 Punkte auf 17,9 Prozent. „Das deutet auf eine vor allem nachfragegetriebene Entwicklung hin“, analysiert der NIQ-Handelsexperte Thomas Montiel Castro. Er erkennt einen Beleg für den strukturellen Wandel im Einkaufsverhalten. Castro: „Verbraucher bündeln ihren Bedarf seltener in einem großen Vorrats- oder Familieneinkauf. Stattdessen verteilen sie ihre Einkäufe zunehmend auf mehrere kleinere, anlassbezogene Besuche in unterschiedlichen Geschäften.“
Auch dafür hat NIQ Zahlen. Zum Beispiel stieg die Zahl der LEH-Einkaufsakte pro Haushalt 2025 um 5,1 Prozent, während die Ausgaben pro Einkauf um 1,8 Prozent sanken. Diese Zersplitterung der Einkäufe bedeute zugleich: „Klassische Sonderangebote verlieren an Wirkung, wenn sie nicht zum jeweiligen Einkaufsanlass passen.“ So sei im Lebensmittelbereich der Anteil klassischer Promotionen zwischen dem ersten Quartal 2022 und dem ersten Quartal 2026 von 20,4 auf 27,7 Prozent geklettert, jedoch die Effektivität um 2,7 Prozent gefallen. „Wir müssen uns wärmer anziehen“, findet der Rewe-Kaufmann vor diesem Hintergrund.
Konkurrenz ernst nehmen
Die Meinung von LP-Redakteur Thomas Klaus
Auf Anfrage der Lebensmittel Praxis zu ihrer Sortimentsstrategie halten sich die großen Drogeriemarktketten dm, Rossmann und Müller bedeckt. Einzig Müller wird präziser, indem das Unternehmen Lebensmittel zu den „strategisch wichtigsten Wachstumskategorien“ zählt und „erhebliches Potenzial“ ausmacht. Das Sortiment solle „gezielt weiterentwickelt“ werden. Branchenkenner wissen: Das könnten dm und Rossmann unterschreiben. Die großen drei wollen alle mit Lebensmitteln mehr Geld verdienen. Die klassischen Lebensmitteleinzelhändler tun gut daran, wenn sie diese Konkurrenz ernst(er) nehmen und genau beobachten. Denn sie wird nicht verschwinden. Im Gegenteil.