Supermärkte und Discounter planen derzeit keine digitalen Trinkgeldabfragen an ihren Kassen. Ulrich Binnebößel, Experte für Zahlungsverkehr beim Handelsverband Deutschland, erklärte, dass große Handelsketten keine flächendeckende Einführung solcher Abfragen planten. Bei Supermärkten und Discountern seien die Prozesse auf Geschwindigkeit ausgelegt – eine Trinkgeldabfrage sei dort nicht förderlich.
Hintergrund ist eine Entwicklung im Schuhhandel: Die Ketten Aktiv Schuh und Shoe City zeigen ihren Kunden seit Kurzem bei der Kartenzahlung Trinkgeldvorschläge an. Auch im Modehandel experimentieren laut Rolf Pangels, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands für Textil, Schuhe und Lederwaren, einzelne Unternehmen mit dem Thema. Ob sich daraus ein breiterer Trend entwickelt, lässt sich nach Einschätzung des Handelsverbands Deutschland bislang nicht abschätzen.
Für den Lebensmittelhandel sieht auch Handelsexperte Kai Hudetz vom Handelsforschungsinstitut IFH Köln keinen Anlass zur Sorge vor einer solchen Entwicklung. „Konsumenten sind hier nicht an Trinkgeldzahlungen gewöhnt und erwarten sie in der Regel auch nicht. Entsprechend dürfte die Akzeptanz begrenzt bleiben.“ Digitales Trinkgeld werde eher dort akzeptiert, wo ein individueller Service mit dem Kauf verbunden sei – also etwa im beratungsintensiven Fachhandel, nicht aber an der Supermarktkasse. Eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur bei Unternehmen wie Galeria, Bauhaus, Deichmann und H&M bestätigte, dass digitales Trinkgeld in anderen Einzelhandelsbranchen derzeit kaum eine Rolle spielt.
Picnic und Lieferando setzen auf digitales Trinkgeld
Anders sieht es bei Lebensmittellieferdiensten aus: Dort gehören Trinkgelder bereits zum Alltag. Picnic hat kürzlich eine entsprechende Funktion in seine App integriert. Bei Rewe fehlt eine solche Funktion zwar, Trinkgeld sei aber dennoch möglich. Auch bei Lieferando können Kunden ihren Fahrern Trinkgeld geben – bar oder digital. Die Zahlungsdienstleister Payone und Sumup bestätigten laut dem Bericht, dass die Trinkgeldfunktion vor allem in der Gastronomie, der Hotellerie, bei Taxifahrten, Friseuren, Nagelstudios, Lieferdiensten und Bäckereien üblich sei. In Einzelhandelsgeschäften komme sie seltener zum Einsatz.
Die Verbraucher stehen dem Thema überwiegend ablehnend gegenüber: Laut einer repräsentativen Yougov-Umfrage vom Juli unter mehr als 2.000 Menschen können sich zwei Drittel der Befragten nicht vorstellen, im Einzelhandel Trinkgeld zu geben. Nur 27 Prozent wären dazu bereit.
Die Gewerkschaft Verdi kritisiert die Trinkgeldpraxis grundsätzlich. „Dass Trinkgelder wie Almosen auf die Kundschaft abgewälzt werden, während riesige, zentralistisch geführte Handelskonzerne Billiglöhne zahlen, ist nicht hinnehmbar“, wird Verdi-Bundesvorstandsmitglied Silke Zimmer zitiert. Tariflöhne seien das richtige Mittel, um verlässliche Entgelte zu sichern. Auch die Verbraucherzentrale Brandenburg warnt vor sozialem Druck: Kunden könnten sich bedrängt fühlen, wenn sie unerwartet nach Trinkgeld gefragt würden.
