Senden bei Münster. Der Mastbetrieb des Landwirts Ralf Große-Scharmann liegt südlich von Münster zwischen Münster und Lüdinghausen. Der Hof ist seit Generationen in Familienhand. Es handelt sich um einen typischen münsterländischen Veredelungsbetrieb, der Schweinemast und Ackerbau betreibt. Der Landwirt bewirtschaftet etwa 80 Hektar Land und verfügt über rund 1.300 Plätze für die Schweinemast. Diese entsprechen größtenteils der Haltungsform 3. „Tierwohl bedeutet für mich, die natürlichen Lebensweisen der Tiere bestmöglich nachzubilden. Das ist besonders bei Schweinen wichtig, da sie viel Zeit mit Wühlen und Futtersuche verbringen“, sagt der Landwirt. In herkömmlichen Ställen ohne Stroh oder Wühlbereiche ist das nicht möglich. Entscheidend sind auch mehr Platz und Zugang nach draußen, da die Luftqualität im Freien selbst bei einer noch so guten Klimaanlage viel besser ist als in geschlossenen Räumen. Deshalb hat der Landwirt vor fünf Jahren damit begonnen, seinen Betrieb auf die höheren Haltungsstufen umzustellen. Die Tiere haben jetzt doppelt so viel Platz wie früher. Inzwischen hat er den Umbau von drei Ställen abgeschlossen und mit dem vierten begonnen.
Beim Umbau hat Ralf Große-Scharmann verschiedene Bereiche im Stall eingerichtet. Er bezeichnet sie als Lebensbereiche für die Tiere. So gibt es einen abgedunkelten Ruhe- und Schlafbereich mit weichem Untergrund, in dem sich die Schweine ausruhen können. Der Fressbereich ist rund um den Trog angeordnet und verfügt über offene Tränken. Außerdem gibt es einen Wühl- und Aktivitätsbereich, in dem Seile und Ketten zum Spielen aufgehängt sind.
Dreiecksvertrag für alle Beteiligten
Durch die Vermittlung des Schlachthofs Brand aus Lohne konnte der Landwirt das Kölner Unternehmen GS Schmitz als Abnehmer gewinnen. Er ist einer von fünf Erzeugern, die das Unternehmen beliefern. Es besteht ein Dreiecksvertrag: Der Landwirt hat sowohl mit Brand als auch mit Schmitz einen Vertrag und Schmitz wiederum hat einen Vertrag mit Brand. Auf diese Weise werden die Schweine geschlachtet und die Schweinehälften gelangen zur weiteren Verarbeitung zu GS Schmitz. „Die Vor-stellungen von GS Schmitz, die das Unternehmen in seinem Programm ‚Verantwortung fürs Tier‘ definiert hat, und meine eigenen Vorstellungen zum Thema Tierwohl deckten sich vollständig“, sagt der Landwirt. Die Hauptanforderungen aus dem Tierwohlkatalog von GS Schmitz sind ein Auslauf oder ein Außenklimabereich, idealerweise beides sowie mehr Platz. Die Vorgaben für Haltungsstufe 3 verlangen inzwischen 1,2 Quadratmeter pro Schwein in der Endmast. „Bei uns sind es 1,5 Quadratmeter, da unsere Ställe eigentlich für die Haltungsform 4 geplant sind“, sagt der Landwirt.
„Unser Ziel ist es, die Tiere so naturnah wie möglich aufzuziehen, damit wir wirklich von ‚glücklichen Schweinen‘ sprechen können“, sagt Astrid Schmitz, Geschäftsführerin des Familienunternehmens GS Schmitz, die das Projekt gemeinsam mit ihrem Schwager Andree Schmitz ins Leben gerufen hat. Bereits im Jahr 2016 hatte das Unternehmen die Kriterien für das Programm „Schmitz – Verantwortung fürs Tier“ festgelegt. „Wir haben schon damals erkannt, dass sich etwas ändern muss, lange bevor das Thema Haltungsformen breit diskutiert wurde“, erinnert sich Schmitz. Dieses Konzept wurde 2021 in die aktuelle HF3-Liste integriert. Laut der Firmenchefin geht der eigene Kriterienkatalog sogar über die dort gestellten Mindestanforderungen hinaus. Der richtige Schub sei jedoch erst in den letzten zwei bis drei Jahren gekommen. Während anfangs fünf Landwirte 25 Schweine pro Woche lieferten, sind es heute über 600 Schweine, die verarbeitet werden wollen. „Das zeigt, welche enorme Dynamik dahintersteckt“, sagt die Unternehmerin.
In der Umsetzung des Programms traten Probleme auf, mit denen die Unternehmerin nicht gerechnet hatte. Laut Astrid Schmitz besteht die Herausforderung darin, das gesamte Schwein zu verwerten. Wenn das Unternehmen mehr Schweine aufnehmen möchte, braucht es Kunden, die alle Teile verarbeiten – vom Schinken bis hin zur Verarbeitungsware. Das ist die besondere Herausforderung im Vertrieb. „Wir müssen eng mit dem Rohstoffeinkauf zusammenarbeiten“, sagt Schmitz.
Das bedeutet, dass das Unternehmen im Voraus planen muss, wie es die Produkte der Schweine verkaufen möchte, um eine vollständige Verwertung zu erreichen. Es ist nicht immer einfach, eine Lösung zu finden. Astrid Schmitz bezeichnet dies jedoch als Investition in die Zukunft. „Andere Unternehmen investieren nur in neue Maschinen. Wir haben uns hingegen dafür entschieden, ebenfalls unsere Bauern zu unterstützen.“
3 Fragen an
Astrid Schmitz, Geschäftsführerin GS Schmitz
Warum möchten Sie Ihr Geschäft mit Flönz, einer rheinischen Blutwurst, ausbauen?
In Flönz steckt viel Potenzial. Es gilt, dies als Chance zu begreifen und jener Wurst, die früher als Arme-Leute-Essen galt, zu mehr Ansehen zu verhelfen.
Wie soll das gelingen?
Vor allem möchte ich das jüngere Publikum erreichen. Um das Produkt bekannter zu machen, haben wir den „Flönz-Butler“ ins Leben gerufen. Er serviert die kölsche Spezialität bei vielen Veranstaltungen.
Sie sind eines der ersten Fleischunternehmen, das Azubis aus Indien eingestellt hat. Wie sind Ihre Erfahrungen?
Aufgrund der Kulturunterschiede ist das nicht immer leicht, aber es macht Freude. Ich bin mir sicher, dass weitere Azubis folgen werden.
Tierwohl braucht Förderung
Die Unternehmerin wünscht sich für ihre Arbeit, dass sich der Staat stärker engagiert und den Bauern mehr Sicherheit bietet, beispielsweise durch Förderungen für Umbauten. Vor allem erhofft sie sich, dass der Staat seine Rolle bei der Darstellung dieses Themas erkennt: „Wenn er uns bei der Kommunikation der Haltungsformen unterstützt, würde das dem Fleischverkauf helfen. Mehr Vertrauen in den Markt würde die Nachfrage nach Schweinefleisch wieder steigern.“ Besonders stört sie, dass die Politik die Landwirte im Unklaren lässt. „Ich habe den Eindruck, dass ohne Sachkenntnis in der Politik viel über unsere Branche geredet wird, aber nicht mit uns“, sagt Schmitz.
Die Akzeptanz des Programms bei Verbrauchern und Kunden sei „gut“. Obwohl der Preiseinstieg bei den Verbrauchern am beliebtesten ist, sind viele Kunden nach ihrer Einschätzung bereit, für Produkte aus dem Bereich „Verantwortung für das Tier“ wieder mehr zu bezahlen. Laut Schmitz lässt das die Vermutung zu, dass sich der Kunde aus Überzeugung für dieses Produkt entscheidet. „Wir sind ein verlässlicher Partner“, betont Schmitz. Sie ist sich deshalb sicher, noch weitere Produzenten finden zu können. Das Programm werde ausgebaut.
