Eierproduktion in Deutschland Kükentöten und die Probleme

Die Einführung des Verbots des Kükentötens mit der politischen Brechstange war ein Fehler und hat Brütereien die Existenz gekostet, sagen viele Akteure der Branche.

Freitag, 21. April 2023 - Fleisch
Jens Hertling und Susanne Klopsch
Artikelbild Kükentöten und die Probleme
„Spitz & Bube“, ein Pionier im konventionellen Handel von der Rewe.
Bildquelle: Getty Images

Die Nachfrage nach Eiern ist stabil hoch, besonders jetzt zu Ostern, sagt Henner Schönecke, Vorsitzender des Bundesverbandes Ei (BVEi). Die hohe Inflation hat jedoch dazu geführt, dass die Verbraucher nach den günstigsten Angeboten suchen. Die billigsten Eier seien besonders gefragt, so Schönecke. Er ergänzt: „Eine Entwarnung für die Versorgung mit Eiern kann ich angesichts der angespannten Situation für die nahe Zukunft nicht geben. Dies gilt sowohl für die konventionelle als auch für die ökologische Haltung von Legehennen.“ Mehrere Faktoren treiben derzeit die Eierpreise nach oben, so Schönecke: Aufgrund der anhaltenden Vogelgrippe ist der Legehennenbestand in Europa rückläufig. Nach Angaben aus der Branche haben viele Betriebe aufgrund der hohen Kosten für Futtermittel die Zahl ihrer Tiere reduziert. Schließlich, so Schö‧necke, habe der Verzicht auf das Kükentöten zu einem starken Anstieg der Preise für Junghennen geführt. Der Verzicht auf das Kükentöten hatte bereits 2022 eine Erhöhung der Eierpreise um zwei Cent pro Ei zur Folge. Eine weitere Erhöhung um zwei Cent pro Ei kommt in diesem Jahr aufgrund der gestiegenen Futterkosten hinzu.

Männliche Küken von Legehennen

In der Vergangenheit wurden in landwirtschaftlichen Betrieben Hennen für die Eierproduktion und männliche Tiere für die Hühnerfleischproduktion gehalten. Heute sind sowohl Legehennenrassen mit hoher Leistung als auch Masthuhnrassen in der Zucht. Legehennen sind heute in der Lage, bis zu 300 Eier pro Jahr zu legen. Die männlichen Küken der Legehuhnrassen sind von Natur aus nicht in der Lage, Eier zu legen. Ihre Mast lohnt sich wirtschaftlich nicht: Im Vergleich zu Masthühnerrassen setzen diese Tiere nur sehr langsam Fleisch an, ähneln in Geschmack und Aussehen eher einem Suppenhuhn und sind daher nur als Verarbeitungsfleisch oder Tierfutter nutzbar. Aus diesem Grund wurden die männlichen Küken früher meist direkt nach dem Schlüpfen getötet. In Deutschland waren das jährlich etwa 45 Millionen Küken. Vom Kükentöten betroffen waren nur männliche Küken von Legerassen. In der Geflügelmast stellt sich das Problem nicht, weil beide Geschlechter genutzt werden. Das Tötungsverbot für männliche Eintagsküken gilt in Deutschland ab dem 1.1.2022. Entweder werden die männlichen Küken der Legehennenrassen hier aufgezogen, oder das Geschlecht der Embryonen wird in den Brütereien in Deutschland bereits im Brutei bestimmt, und die Eier mit männlichen Embryonen werden aussortiert und nicht ausgebrütet (siehe Kasten). So lassen sich männliche Küken schon selektieren, bevor sie schlüpfen.

Alle bisher angewandten Verfahren sehen sich jedoch in der heutigen Zeit mit einem Problem konfrontiert: Ab Anfang 2024 tritt eine zweite Stufe des Kükentötungsverbots in Kraft. Nur Methoden zur Geschlechtsbestimmung des Kükens im Ei, die bis zum 7. Tag funktionieren, sind dann erlaubt – tabu werden Eingriffe ab dem 7. Tag des Bebrütens. Hintergrund war die damalige Annahme der Bundesregierung, dass Embryonen ab diesem Zeitpunkt Schmerzen empfinden können.

Friedrich-Otto Ripke, Präsident des Zentralverbandes der Deutschen Geflügelwirtschaft (ZDG), bezeichnet dies im Gespräch mit der LP als „Geburtsfehler“ des Gesetzes. Nach derzeitigem Stand müssten die Brütereien dann alle Eier ausbrüten und die Küken lebend vermarkten. „Und dann zwingt uns der Gesetzgeber ganz und gar in die Mast der Bruderhähne. Das ist nicht nachhaltig und auch nicht klimafreundlich“, sagte Ripke. Er ergänzt: „Eine sichere und kostengünstige Methode zur Bestimmung des Geschlechts bis zum sechsten Tag der Brutzeit gibt es noch nicht.“ Die Forschung wird fortgesetzt, aber Wissenschaft und Wirtschaft sind sich einig, dass die Entwicklung von Tests, die eine frühere Bestimmung ermöglichen, noch Zeit in Anspruch nehmen wird.

Neue Novellierung
Das Tierschutzgesetz könnte jetzt erneut Gegenstand einer Novellierung sein: In diesem Fall wäre eine Bestimmung des Geschlechts bis zum 12. Tag der Bebrütung möglich. Hintergrund ist eine Studie der TU München über das Schmerzempfinden von Embryonen. Im Vorfeld der Gesetzesverschärfung zum Verbot des Kükentötens Anfang 2024 hatte das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) Wissenschaftler beauftragt, eine Studie zum Thema zu erstellen, um das Schmerzempfinden von Hühnerembryonen zu erforschen. Nach neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen setze dieses Empfinden deutlich später ein, erläuterte das Ministerium. Demnach sei bis einschließlich zum zwölften Bebrütungstag davon auszugehen, dass Hühnerembryonen keine Schmerzen empfinden. Erst ab dem 13. Tag kann eine solche Empfindung nicht mehr ausgeschlossen werden. Das Bundeslandwirtschaftsministerium hat dem Agrarausschuss des Deutschen Bundestages Ende März einen Bericht zu diesem Thema vorgelegt. „Dem Vernehmen nach will das Ministerium aus der ‚Münchner Studie‘ die Konsequenz ziehen, dem Bundestag eine Gesetzesänderung vorzuschlagen, die statt des 7. Tages den 12. Tag als Zeitgrenze für Selektionsverfahren vorsieht. Dies ist eine Bewegung in die richtige Richtung, ob daraus im Bundestag möglichst schnell ein entsprechendes Gesetz mit dem 12. oder 13. Tag wird, wissen wir noch nicht, hoffen es aber“, sagt Ripke. Er ergänzt: „Auf jeden Fall brauchen wir eine klare Sofortlösung. Den Vorschlag einiger Bundesländer in der letzten Agrarministerkonferenz in Büsum, den 7. Tag im Gesetz stehen zu lassen und nur um zwei Jahre auf den 1.1.2026 zu verlängern, müssen wir ablehnen.“

Die Geschlechtsbestimmung

Die Geschlechtsbestimmung im Brutei ist eine Alternative. Es ist eine Methode zur Bestimmung des Geschlechts von Hühnerembryonen während der Bebrütung. Als „männlich“ erkannte Bruteier werden nicht weiter bebrütet.

Der Bruderhahn

Eine weitere Alternative besteht darin, männliche Küken der Legerassen auszubrüten und lebend zu vermarkten („Bruderhähne“).

Das Zweinutzungshuhn

Eine weitere Möglichkeit besteht darin, Zweinutzungshühner ausbrüten zu lassen. So werden Rassen bezeichnet, die sowohl dazu bestimmt sind, Eier zu legen, als auch Fleisch zu produzieren.

Tragfähige und rechtssichere Lösung
Der Deutsche Tierschutzbund kritisiert dagegen das Ministerium, vor den Interessen der Industrie eingeknickt zu sein. Präsident Thomas Schröder fordert in einer Pressemitteilung: „Das Töten von Küken, ob im Ei oder nach dem Schlüpfen, muss rigoros verboten werden. Ziel und Förderung sollte die Umstellung auf sogenannte Zweinutzungshühner sein.“ Eine ähnliche Lösung wie in Frankreich, wo das sogenannte Sexing bis zum 15. Tag erlaubt ist, forderte Tobias Ferling, Geschäftsführer der Lohmann-Gruppe. Eine tragfähige und rechtssichere Lösung fordert dagegen der BVEi-Vorsitzende Schönecke. Die Bundesregierung müsse jetzt unverzüglich den Gesetzentwurf zur Änderung des Tierschutzgesetzes vorlegen, damit dieser spätestens im Juni dieses Jahres im Bundestag verabschiedet werden kann, so Schönecke.

Der Handel begrüßt grundsätzlich die Ergebnisse der Studie und die sich abzeichnenden Änderungen im Gesetz. „Nach jetzigem Kenntnisstand können die Ergebnisse für ein Stück mehr Klarheit sorgen“, heißt es etwa aus der Edeka-Zentrale. Es sei auf Basis der Studie nun ausreichend Zeit, die aktuellen Technologien und Verfahren weiterzuentwickeln. „Das schafft mehr Planungs- und auch Investitionssicherheit für die gesamte Wertschöpfungskette.“ Ähnlich sieht man dies bei der Rewe in Köln, die begrüßt, dass dann auch die Brütereien in Deutschland neben der Hahnenmast eine Alternative ohne Kükentöten haben werden.

Doch das sind nicht die einzigen Schwierigkeiten, die sich aus dem Verbot des Kükentötens ab dem 1. Januar 2022 ergeben. Die Probleme haben sich nur ins Ausland verlagert. „Das Kükentötungsverbot gilt nicht für ganz Europa. Legehennen, deren Brüder getötet wurden, dürfen weiterhin legal nach Deutschland importiert werden. Das bedeutet, dass Eierproduzenten das deutsche Verbot, Küken zu töten, umgehen können, indem sie im Ausland einkaufen“, sagt Schönecke. Laut Schönecke stammen etwa 30 Prozent der Legehennen und 50 Prozent der Eier aus dem Ausland, wo die Küken getötet werden. Für die deutsche Geflügelwirtschaft bleibt dies nicht ohne Folgen. „Die Mehrzahl der in Deutschland ansässigen Legehennenbrütereien hat zwischenzeitlich geschlossen“, sagt Schönecke. 2022 sind 45 Prozent weniger Legeküken in deutschen Brütereien geschlüpft, der Rest wird importiert. „Die Einführung des Verbots des Kükentötens mit der politischen Brechstange war ein Fehler und hat im Brütereibereich Existenzen gekostet“, sagt Henner Schönecke.

Der rechtliche Rahmen des Tötungsverbots

Mit der Änderung des Tierschutzgesetzes im Jahr 2021 wurde in das Gesetz ein grundsätzliches Verbot der Tötung von Hühnerküken aufgenommen (§ 4c Abs. 1 und 2 TierSchG), das bereits am 1. Januar 2022 in Kraft getreten ist. Darüber hinaus wurde ein Verbot von Eingriffen an Hühnereiern und des Brutabbruches ab dem siebten Bebrütungstag implementiert (§ 4c Abs. 3 TierSchG), wobei die letztgenannte Regelung am 1. Januar 2024 in Kraft treten soll. Die rechtlich fixierte Übergangsfrist fußt auf dem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts (BVerwG, Urteil vom 13.6.2019 – 3 C 28.16).

Verarbeitung: viele Eier aus der Kükentötung

Ein weiteres Problem: „Vor allem in verarbeiteten Produkten werden sowohl viele Eier aus der Produktion mit Kükentötung als auch Eier aus Käfighaltung verwendet. Verarbeitete Produkte machen gut die Hälfte des Eierverbrauchs aus“, erklärt Schönecke. Diese stammen zu wesentlichen Teilen aus Ländern, in denen das Kükentöten weiterhin erlaubt ist. Bei einem Selbstversorgungsgrad von etwa 73 Prozent (Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung, BLE) ist klar, dass die backenden deutschen Hersteller auf dem europäischen Markt zukaufen müssen. Henner Schönecke erneuert aus Wettbewerbsgründen daher die Forderung des BVEi nach einer EU-weiten Regelung für das Ende des Kükentötens und „eine verpflichtende Kennzeichnung von verarbeiteten Produkten“. Auf LP-Nachfrage bestätigt ein Sprecher des BMEL, dass sich auch Minister Cem Özdemir auf EU-Ebene weiter aktiv für das Thema einsetzt: „Deutschland hat die EU-Kommission aufgefordert, die Möglichkeiten für eine EU-weite, verpflichtende Kennzeichnung der Haltungsform der Legehennen bei verarbeiteten Lebensmitteln mit Ei als Zutat zu prüfen und einen Vorschlag für einen Rechtsakt vorzulegen.“ Einheitliche Regelungen seien für alle Beteiligten im Binnenmarkt am sinnvollsten, so die Sprecherin. Der Wille ist also da, allein die Umsetzung steckt, freundlich formuliert, noch im Vorbereitungsstadium.

Und wieder mal sind einige deutsche Handelsunternehmen einen (kleinen) Schritt weiter. Denn in einigen Eigenmarkenprodukten werden bereits Ohne-Kükentötung-Eier verarbeitet. Bei Kaufland geschieht dies nach eigenen Angaben „seit geraumer Zeit, und wir werden dieses Angebot sukzessive ausbauen“. Gleiches gilt für Aldi: Bei Aldi Süd findet der Kunde auf den Bio-Teigwaren den Störer „Ohne Kükentöten“, der so die Herkunft der verarbeiteten Eier für ihn klar definiert. „Wo immer möglich, stellt Aldi auch in Zukunft weitere Artikel auf ‚ohne Kükentöten‘ um.“ Auch wenn es derzeit nur einige Produkte sind, auf denen die Herkunft der verarbeiteten Eier steht: Der Handel weist mit seinem Vorgehen in die richtige Richtung. Ob daraus schließlich eine Bewegung entsteht, die auch die EU nicht mehr umgehen kann, das bleibt abzuwarten.

Subventionierte Aufzucht

In Deutschland gibt es eine Fülle von Initiativen für die Aufzucht von Bruderhähnen. Viele davon sind lokal oder regional, viele agieren bundesweit. Hier eine Übersicht über die wichtigsten. Wir erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit, denn ständig kommen neue Projekte hinzu.
  • „Spitz & Bube“, das erste Pilotprojekt im konventionellen Bereich wurde initiiert von der Rewe-Group. In diesem Programm, bereits 2016 eingeführt, werden den Legehennen die Schnäbel nicht gekürzt (daher der Name: Spitz). Seit März 2018 sind die Eier in allen teilnehmenden Märkten deutschlandweit verfügbar, in ausgewählten Märkten auch in Bio-Qualität.
  • „Huhn & Hahn“ heißt ein Programm von Landwirten aus Baden-Württemberg. Partner sind unter anderem die Edeka Südwest, Rewe, Kaufland und Okle. Die Eier werden auch verarbeitet, etwa in Maultaschen des Anbieters Bürger.
  • Haehnlein-Bio-Eier aus Mecklenburg-Vorpommern werden biologisch produziert. Sind im Verkauf bei der Edeka, Rewe, Real, Tegut, Alnatura und den Denn’s Biomärkten.
  • „Henne & Hahn“ ist ein Projekt des Eierhofs Hennes in Euskirchen. Nach eigenen Angaben ist man einer der größten und modernsten Färbebetriebe europaweit, mit einer Stundenleistung von über 100.000 Eiern (gekocht und gefärbt). Erhältlich bei Aldi Süd.
  • Die Geflügelhalter der Bruderhahn Initiative Deutschland (BID) sind Demeter- und Biolandbetriebe. Die Bruderhähne werden nach Richtlinien aufgezogen, die in Teilen über die Anforderungen von Demeter und Bioland hinausgehen. Verkauf bundesweit in Biomärkten, auch von Bio-Hühnern und -Hähnchen.
  • Bei der Basic Bruderherz-Initiative wachsen die Brudertiere nach Bioland-Richtlinien in einem Mastbetrieb mit Zugang zum Freiland auf. Die Hähne sind ausschließlich zum menschlichen Verzehr bestimmt (Frischfleisch, Geflügelwurstprodukte).
  • Bei der Bruderküken-Initiative von Alnatura führen nach Angaben des Unternehmens „Legehennen und Masthähnchen ein artgerechtes Leben“.
  • Die Initiative Bruder-Ei der Bio-Supermärkte ist ein Sammelprojekt, bei dem derzeit 4 Cent pro Ei in einen Topf kommen. Damit soll eine Haltung nach Bioland-Richtlinien aufgebaut werden.
  • „Ei care“ hat einen anderen Ansatz. Bauern aus Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg ziehen sogenannte Zweitnutzungsrassen auf. Diese liefern Eier und wohlschmeckendes Fleisch, allerdings in geringerem Umfang als übliche Hochleistungshühner. Erhältlich in der Region Berlin und Brandenburg.

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