Prognose Das Aus für Billigfleisch

Branchenexperte Klaus-Martin Fischer (Foto), Partner der Beratung Ebner Stolz, prophezeit, dass der Kampf um Fleisch knüppelhart werden wird.

Dienstag, 20. Juli 2021 - Fleisch
Jens Hertling
Artikelbild Das Aus für Billigfleisch

Wie denken Sie über die Tierwohl-Ankündigung von Aldi?
Aus meiner Sicht ist das ein starkes Signal. Mit dieser Ankündigung greift nun ein, wenn nicht gar das Schwergewicht der Branche die Wünsche der Gesellschaft auf und forciert das Tierwohl. Aldi Nord und Süd stehen im Frischfleischbereich bereits jetzt für ein Viertel des Marktes. Mit diesem Schritt legt die Gruppe ganz klar den Takt fest. Das orientiert den Markt.

Ist das aus Ihrer Sicht nur eine große Marketingaktion?
Auf keinen Fall. Da steckt mehr dahinter. Das ist ein großes Teil aus einem ganzen Bündel an Nachhaltigkeitsmaßnahmen, mit denen sich die Gruppe klar differenziert. So etwas wird gut und professionell kommuniziert. Aldi positioniert sich dadurch klar. Parallel wird der Wettbewerb unter Druck gesetzt.

Warum?
Jetzt müssen alle Wettbewerber reagieren – und tun dies auch schon nach Kräften. Aldi ist weder der erste noch der einzige Händler, der auf Fleisch aus niedrigen Haltungsformen verzichten will. Der ein oder andere Händler wird es aber schwerer haben, weil sie jetzt schauen müssen, wie sie an die Ware kommen. Diese Ware gibt es nicht – die Haltungsstufe 3 und 4 steht für eine absolute Mini-Nische. Sie macht vielleicht 2 Prozent des Marktes aus. Hier muss erst einmal Zeit vergehen, bis die Verfügbarkeit des Rohstoffs zunimmt. 

Was bedeutet diese Entscheidung für die Erzeuger?
Mit diesem Ziel gibt Aldi Landwirten eine Perspektive und damit etwas mehr Planungssicherheit. Nun müssen die notwendigen Voraussetzungen geschaffen werden. Die Bestände an Fleisch gibt es noch gar nicht bei Schweinen. Die Ställe müssten großzügig umgebaut werden. Bei Haltungsform 3 passten statt 1.000 nur noch 600 Schweine in einen Stall. Die Umstellung kostet viel Geld und setzt Landwirte unter Entscheidungsdruck. Sollen sie investieren oder aussteigen? Was sie brauchen, ist ein verlässlicher und langfristiger Rahmen für den Umbau ihrer Ställe.

Können Sie das genauer erläutern?
Die Haltungsstufen 3 und 4 sind aktuell eine absolute Marktnische. Wenn das Angebot in diesem Segment weiterentwickelt werden soll, sind in der Tierhaltung massive Investitionen in Ställe erforderlich. Das geht nur mit höheren Marktpreisen, die dann auch beim Landwirt ankommen müssen, und entschlossener Unterstützung der Politik. An Letzterer fehlt es ja schon länger.

Wie wird das mit dem Rohstoff?
Der Kampf um Schweine aus der Haltungsform 3 und 4 wird knüppelhart. In Teilen sieht man das ja schon bei der Haltungsform 2. Schon heute ist die Nachfrage in den hohen Haltungsformen größer als das Angebot. Mal abwarten, welcher Händler und welches Fleischunternehmen welche Mengen auf sich zieht. Wenn dann noch verarbeitete Ware in den entsprechenden Haltungsformen hinzukommt, wird’s für einige eng.

Was bedeutet das für die Preise?
Weil die Kosten zwangsläufig steigen, springt der Kilopreis für Schweine, den die Landwirte bei diesen Haltungsformen brauchen, schnell auf das Doppelte und mehr im Vergleich zu heute. Teurere Rohstoffpreise führen – leider nur in der Theorie – zu höheren Ladenpreisen. Kostet das Schwein im Einkauf 50 Cent pro Kilogramm mehr, schlägt das im Regal schnell mit 2–3 Euro pro Kilogramm zu Buche. Entscheidend dabei ist natürlich immer die Verwertung, denn nicht alle Teilstücke des Schweins können auch teurer verkauft werden. Da zeigen vielen Konzepte und Programme noch erhebliche Lücken. Vielen Verbrauchern dürfte aber angesichts solch steigender Preise der Appetit auf Fleisch vergehen.

Wird das langfristig dazu führen, dass weniger Fleisch verkauft wird?
Ja. Es wird zukünftig immer weniger, dafür aber teureres Fleisch konsumiert. Wie das mit der bisherigen Preisstrategie von Aldi zusammenspielt, bleibt abzuwarten. Die Zeit des Billigfleischs dürfte damit vorbei sein.

Ist Aldi der Politik einen großen Schritt voraus?
Die Wirtschaft, hier mit dem Beispiel Aldi, macht der Politik vor, was sie jahrelang nicht hinbekommen hat. Aldi und die anderen zeigen, wie es gehen kann, und demonstrieren damit die politischen Versäumnisse auf Bundesebene.

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