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Fleisch, Wurst und Geflügel Vollpension für Küken

Myrjam Dobesch | 26. Juni 2018

Tierwohl und -gesundheit spielen eine zunehmende Rolle für den Handel. Ein neuer Ansatz ist Early Feeding. Das Brutsystem versorgt Küken bereits in der allerersten Lebensphase. Was steckt dahinter

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„Mit Frühstück, bitte“, so oder so ähnlich würden Mastküken in traditionellen Brütereien vermutlich gerne einchecken. Bei mehreren tausend Eiern in den Brutschränken kann sich das sogenannte Schlupffenster, in dem sie schlüpfen, von 24 bis 36 Stunden ziehen. In dieser Zeit ist kein Zugang zu Wasser und Futter vorgesehen. Geöffnet wird erst, wenn alle geschlüpft sind, erst dann erfolgt die Versorgung. Die früh geschlüpften Küken verlieren derweil durch Austrocknung bis zu zehn Prozent ihres Schlupfgewichts. Traditionelle Sortierschleusen, die Verladung in Transportkisten sowie die mitunter lange Fahrt zu den Mastbetrieben stellen besonders für ge- Industrie Fleisch, Wurst und Geflügel schwächte, erstgeschlüpfte Tiere zusätzlichen Stress dar. Dieser ungleiche Start soll durch Early Feeding („Frühes Füttern“) vermieden werden. Das neue Brutsystem verspricht mehr Tierwohl und gesündere Küken durch unmittelbare Nährstoffversorgung. Probroed & Sloot (Wimex- Unternehmensgruppe) hat es entwickelt, spricht auch von „Pro- Care“. Noch selten im Markt vertreten, sind Plukon und Rewe bereits vom Nutzen überzeugt und beziehen Geflügel aus der frühen Fütterung.

Ursprung von Early Feeding
Die Idee dazu entstand 2013 in der Kantine der Brüterei in Langenboom (NL) von Probroed & Sloot. „Wir haben uns gefragt: Wie können wir Küken ausbrüten, die widerstandsfähiger sind als nach dem bekannten Modell?“, erklärt Edwin Paardekooper, Produktmanager bei Probroed & Sloot. Etwa zwei Jahre dauerte die Optimierung des Konzeptes, und es wurde unter anderem in neue Systeme investiert. Zusammen mit dem Unternehmen Hatch- Tech wurde Hatch-Care entwickelt: Ein Schlüpfschrank, der den Anforderungen einer unmittelbaren Versorgung gerecht wird. Hinzu kam ein System, mit dem die Küken ohne Stress erfasst und selektiert werden können. Michiel van Veldhuisen, International Sales Manager bei Hatch-Tech, freut sich, dass europa-weit die Nachfrage nach Hatch-Care wächst. In Deutschland wurde das System bisher bei den Brütereien von Probroed & Sloot in den Standorten Elsnigk und Vreden sowie bei der freien Brüterei Optibrut implementiert. Wim van der Vegte, Mitglied der Geschäftsführung bei Optibrut, sieht darin die Zukunft: „Wir haben den gesamten Betrieb auf Early Feeding umgestellt.“

Mit 13,2 Kilogramm

Hähnchen verbrauchte der Deutsche im Jahr 2017 pro Kopf mehr als im Vorjahr (vorläufige Zahlen, BLE, MEG).

Was macht das Konzept aus?
Early Feeding schließt die Nährstofflücke, die in konventionellen Brütereien bei großem Schlupffenster entsteht. Im temperierten Schlüpfschrank stehen zweistöckige Brutkörbe. Auf der oberen Lade sind90 Eier wabenförmig um Aussparungen angeordnet. Nach dem Schlüpfen gleiten die Küken in die untere Etage. Ohne störende Eierschalen können sie sich dort frei bewegen und haben von der ersten Lebenssekunde an Zugang zu Futterschalen und Frischwasser.

Nach abgeschlossener Schlüpfphase wird die obere Ebene mit den Eierschalen entnommen. Die untere Lade mit den Küken inklusive Futter dient als Transportkiste und wird bis zum Stall nicht gewechselt. Nach der anschließenden Station der Selektion geht es unmittelbar in den klimatisierten Transporter und zur Mästerei. Insgesamt entfallen entscheidende Stressmomente für die Tiere, und sie werden langsam an ihre Umwelt gewöhnt.

Kritiker halten dies für unnötig, da Küken nach dem Schlüpfen bis zu 72 Stunden von dem aufgenommenen Dottersack zehren können. Untersuchungen, die diverse Vorteile einer frühen Fütterung ergaben, halten dagegen. Die Tiere entwickeln sich zum Beispiel besser. Im Ergebnis liegt mehr Fleisch- und Muskelaufbau vor, und durch eine stärkere Immunabwehr kann der Einsatz von Medikamenten reduziert werden.

Die Nachfrage am Markt
Küken aus Early Feeding werden als Pro-Care- (Probroed & Sloot) oder Hatch-Care-Küken (Optibrut) vermarktet. Laut Paardekooper steht die Marke für mehr Tierwohl. Das komme gut an im Einzelhandel. „Auch Antibiotika sind ein Thema. Das neue Konzept wirkt sich derart positiv auf die Gesundheit der Tiere aus, dass wir den Einsatz um etwa 50 Prozent senken konnten“, erläutert der Produktmanager bei Probroed & Sloot.

Einer der Abnehmer aus der weiterverarbeitenden Geflügelbranche ist zum Beispiel die Plukon Food Group. In Deutschland gehören die Marken Stolle, Friki und Fair-Mast zum Portfolio des Unternehmens. Mehr als 50 Prozent des in Deutschland geschlachteten Geflügels stammen derzeit aus Pro-Care-Brütereien. Dieser Anteil wird weiter ausgebaut, so Ulrike Rücker, Marketingleiterin bei Plukon. Die Küken kosten im Vergleich zu konventionell bebrüteten Eiern circa 2,5 Cent mehr pro Tier. Warum die Investition? Rücker erläutert: „Der Tierwohl- Gedanke ist stark im Kommen, und wir versuchen, uns mit dem Markt zu entwickeln und auch neue Wege zu beschreiten.“ Als erster Lebensmittelhändler in Deutschland setzt auch die Rewe Group auf das neue Konzept. In zwei Brütereien, die in den Lieferketten der Eigenmarkenhähnchen eingebunden sind, wird Early Feeding bereits umgesetzt. Ab diesem Jahr soll sukzessive die Ausweitung erfolgen. „Damit erreichen wir signifikante Verbesserungen für Tierwohl und Tiergesundheit“, sagt Ludger Breloh, Rewe Group Bereichsleiter Strategie & Innovation im Agrarsektor.

Wiesenhof beschäftigt sich intensiv mit dem neuen Ansatz. Bei Vergleichen anhand der Küken-Gesundheit schneidet jedoch bislang das eigene Brutsystem besser ab. „Trotzdem werden wir auch bei uns weitere Versuche mit Early Feeding durchführen, weil die Entwicklung hier sicherlich noch nicht abgeschlossen ist“, resümiert Ingo Stryck, Geschäftsführer Marketing bei Wiesenhof. Er räumt ein, dass die frühe Fütterung abhängig von den Möglichkeiten für manche Brüterei schon jetzt vorteilhaft sein könnte.