Schokoladen-Trend Die Puren

Schokolade, die nur aus Kakao und anderen Inhaltsstoffen der Kakaofrucht besteht: Das ist der neue Premium-Trend bei Lindt oder Ritter Sport. Aber ist das überhaupt Schokolade?

Freitag, 26. Februar 2021 - Süßwaren
Andrea Kurtz
Artikelbild Die Puren
Bildquelle: Martina Wörz

Erstmalig nur aus Komponenten der Kakaofrucht und ohne weitere Zutaten wie raffiniertem Zucker: Bei Lindt & Sprüngli heißt die neue Edelbitter-Variante Excellence Cacao pur; bei Ritter Sport wird’s mit dem Titel Cacao y Nada (Kakao und sonst nichts) spanisch.

Beide Unternehmen stellen damit ihre Innovationskompetenz im Segment dunkler und purer Schokolade unter Beweis. Streng limitiert und nur in ausgewählten Shops (im Falle Lindt) sowie in den Onlineshops wollen die Hersteller die Verbraucherakzeptanz testen und eine Einschätzung des Marktes für einen exotischeren – und teureren – Kakaogeschmack bekommen.

Die Excellence Cacao Pur von Lindt nutzt die Kakaonote aus der Bohne (82 Prozent) mit der fruchtigen Säure aus dem Fruchtfleisch (18 Prozent), in dem die einzelnen Bohnen eingebettet sind. Dieses ist fast weiß, schmeckt ein wenig wie Litschi und ist sehr süß, daher muss kein raffinierter Zucker zugesetzt werden. Normalerweise werden für die klassische Schokoladenherstellung gewöhnlich nur die Kakaobohnen und ein kleiner Anteil des Fruchtfleisches für die Fermentation der Bohnen genutzt. Der überwiegende Teil des Fruchtfleisches findet keine Verwendung. Das ist bei den neuen Varianten anders; die Verwertung des gesamten Fruchtfleisches ist möglich.

Einsatz für Kakaobauern
„Davon profitieren auch die Kakaobauern, denn durch den gesteigerten Ertrag bei der Ernte können sie ihr Einkommen steigern“, heißt es bei Lindt & Sprüngli. Die Schweizer arbeiten bei der Herstellung der neuen Schokolade eng mit dem Schweizer-ghanaischen Start-up Koa zusammen. Das Partnerunternehmen hat es sich zum Ziel gesetzt, das bestehende Potenzial der Kakaofrucht weiter auszuschöpfen und die nachhaltige Wertschöpfung in den Anbaugebieten mit innovativen Prozessen langfristig voranzutreiben. Koa arbeitet mit über 1.600 Kleinbauern in Ghana zusammen.

„Absurdes Lebensmittelrecht“
Auch Ritter Sport verfolgt den Ansatz der ganzheitlichen Verwertung einer Kakaofrucht und bringt „Cacao y Nada“ auf den Markt. Die Tafel besteht erstmals zu 100 Prozent aus Kakao (Kakaomasse, Kakaobutter, Kakaopulver und Kakaosaft). Zum Süßen wird auch hier der natürliche Kakaosaft verwendet. Ritter gewinnt diesen in einem innovativen Verfahren auf der eigenen Plantage El Cacao in Nicaragua. „Anders als die bisher bekannten Schokoladen mit 99 oder 100 Prozent Kakaogehalt schmeckt sie nicht bitter“, so Ritter-Sport-Chef Andreas Ronken.

In Deutschland gibt es aber ein Problem beim Vertrieb: Schokolade ohne Zusatz von Zucker darf hierzulande nicht Schokolade heißen. „Das ist absurd“, sagt Ritter-Sport-Chef Andreas Ronken. „Unser Lebensmittelrecht muss mit Innovationen dieser Art Schritt halten. Wenn Wurst aus Erbsen sein darf, braucht Schokolade auch keinen Zucker.“

Zwar ist der Saft der Kakaofrucht seit einem Jahr in der EU als Lebensmittel zugelassen, aber Schokolade ohne Zucker ist in Deutschland keine Schokolade.
Offiziell nennt Ritter sein Produkt also „Kakaofruchttafel“ oder „Kakaofrucht-Quadrat“. Die Innovation ist als Limited Edition erhältlich; denn zunächst reicht der auf El Cacao gewonnene Kakaosaft nur für rund 2.300 Tafeln (57 Gramm, 4,99 Euro), die im eigenen Shop in Waldenbuch und online erhältlich sind.

Verwertung from Leaf to Root
Von der Kakaofrucht werde mit den Bohnen nur ein kleiner Teil verwendet, erläutert Ronken den Ansatz der Waldenbucher. „Der Rest ist Abfall. Nicht wirklich zeitgemäß, dachten wir.“ Auf El Cacao werden daher schon jetzt die Schalen kompostiert; sie geben so wichtige Nährstoffe für die Kakaobäume wieder in den Boden zurück. Außerdem dienen sie Insekten als Lebensraum, die für die Bestäubung der Kakaoblüten gebraucht werden. Das Fruchtfleisch oder besser der Kakaosaft wird jetzt aufgefangen, gefiltert und pasteurisiert. „Der Kakaosaft ist ein echtes Multitalent“, so Ronken. „Man kann ihn zum Beispiel als Schorle trinken, ihn zu einer Art Wein verarbeiten oder zu Schnaps destillieren.“

Auf jeden Fall erfüllen die beiden Schoko-Giganten eine Forderung der Verbraucherschützer. „Weniger Zucker, mehr Nachhaltigkeit, mehr vegetarisch und mehr vegan – das sind die klaren Trends im Lebensmittelmarkt“, betont Stefanie Wetzel von der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv).

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