Marktforscherin im Interview Wie Marken den Longevity-Trend richtig nutzen

Hintergrund

Claire Tassin zeigt, welche Produktkonzepte funktionieren – und wie Unternehmen den Spagat zwischen Genuss und Gesundheitsversprechen schaffen.

Freitag, 17. April 2026, 07:40 Uhr
Tobias Dünnebacke
Claire Tassin ist Strategieleiterin beim britischen Marktforscher Mintel in der Fachabteilung Wellness. Bildquelle: Fotos: Mintel

Wie definieren Sie ­Longevity?

Longevity bedeutet nicht nur, mehr Jahre zu leben, sondern auch, die Qualität dieser Jahre zu steigern. Es geht darum, die körperlichen und geistigen Fähigkeiten sowie Unabhängigkeit so lange wie möglich zu bewahren, auch, aber nicht ausschließlich, über die Ernährung.

Ist das ein kurzfristiger Hype oder ein lang anhaltender Trend?

Es gibt sicherlich einige angesagte, trendige Biohacking-Präparate und -Praktiken, die ich eindeutig als Hype bezeichnen würde – oder zumindest als etwas, das für die breite Bevölkerung weder zugänglich noch normalisiert ist. Die Verhaltensweisen, die Langlebigkeit wirklich fördern, sind dagegen beständig, wenn auch weniger spektakulär: Kreuzworträtsel lösen und das Gehirn aktiv halten, sich an den meisten Tagen bewegen und sich abwechslungsreich mit pflanzlicher Kost ernähren. Die Menschen legen heute generell größeren Wert auf ihre Gesundheit, und das ist ein langfristiger Trend. So geht etwa der Alkoholkonsum zurück, während körperliche Aktivität zunimmt.

In welche Produktkategorien könnte Bewegung kommen?

Verbraucher wünschen sich bei Snacks ein gewisses Maß an Genuss – hier liegt eine Chance in „gesünderen ungesunden Snacks“, etwa Vollkorn- oder Proteinchips. Auch Getränke sind eine umsetzungsstarke und trendige Kategorie: 63 Prozent der deutschen Verbraucher geben an, zumindest gelegentlich zu Getränken mit zusätzlichen Gesundheitsvorteilen zu greifen. Neue Geschmacksrichtungen oder sensorische Elemente können neue Konsumenten anziehen und Begeisterung schaffen, die über den Gesundheitsaspekt hinausgeht.

Welche Zielgruppe ist besonders empfänglich für das Thema?

Jüngere Verbraucher sind eher bereit, neue Produkte auszuprobieren, daher sollten neue Longevity-Marken Vorteile betonen, die sowohl jetzt als auch in Zukunft relevant sind. Allerdings stellen wir fest, dass das Interesse an Wohlbefinden eher durch die Denkweise als durch das Alter bestimmt wird: Einige wollen in eine beständige Wellness-Routine investieren, andere möchten jeden neuen Trend mitnehmen, und wieder andere möchten Gesundheit nur am Rande in ihren Alltag integrieren, ohne zu viel zu verändern. Marken müssen verstehen, welche Haltung ihre Produkte ansprechen – und wie sie in die jeweilige Routine ihrer Zielgruppe passen.

Sehen Sie Herausforderungen im Zusammenhang mit Health Claims?

Immer. Zunächst gibt es die regulatorische Herausforderung: Marken müssen bei Versprechen in Bezug auf Langlebigkeit oft indirekte Formulierungen wählen, um mit den EU-Vorgaben konform zu bleiben. Dann gibt es die Herausforderung bei der Anwendung: Hersteller investieren viel Arbeit, um die wissenschaftliche Basis ihrer Aussagen zu belegen – aber die Verbraucher halten sich nicht unbedingt an die Anwendungsempfehlungen.

Haben Sie dafür ein konkretes Beispiel?

Nehmen Sie Sonnencreme: Um den angegebenen Lichtschutzfaktor zu erreichen, müsste man viel davon auftragen und regelmäßig nachcremen – was die meisten nicht tun. Selbst wenn die Health Claims wissenschaftlich korrekt sind, ist es schwierig, echte Wirksamkeit zu erzielen, wenn das Produkt nicht regelmäßig und richtig verwendet wird.